Update 17.07.2019 - 09:47 Uhr
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Nittenau: Kugel tötet Beifahrer - Prozessauftakt gegen Jäger

Er warnt seine Jagdgäste ausdrücklich: "Nicht in Richtung Bundesstraße schießen". Dann ist es der 46-Jährige selbst, der mutmaßlich einen fatalen Fehler macht: Ein Projektil aus seiner Selbstladebüchse gelangt auf die B 16 östlich von Nittenau und tötet den Beifahrer eines Autos.

Ein gebrochener Mann und sein Verteidiger: Der Jäger aus Nittenau (46) kann sich nicht erklären, weshalb ein Schuss aus seinem Gewehr auf die Bundesstraße 16 gelangte. Anwalt Michael Haizmann (Regensburg) will nach den Aussagen der Sachverständigen ein Plausibilitätsgutachten der Dekra vorlegen und behielt sich vor, weitere Beeisanträge zu stellen. Bild: Steinbacher
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Die Drückjagd vom 12. August 2018 gerät vor der Ersten Strafkammer des Amberger Landgerichts unter Vorsitz von Roswitha Stöber zu einem Akt der bedrückenden Aufarbeitung. Da sitzt ein 46-Jähriger aus Nittenau (Kreis Schwandorf) und sieht sich zunächst einem Pulk von Medienleuten gegenüber. Mehr Journalisten sind da als bei Prozessen gegen Gewalttäter. Doch dieser Mann ist kein Verbrecher. Ihm ist letztlich offenbar ein Fehler unterlaufen. Das hat ihn, wie im Verlauf des Verfahrens deutlich wird, menschlich gebrochen. Der Angeklagte weint.

Warum musste diese Drückjagd angesetzt werden? "Der Landwirt hat Druck gemacht", berichtet der Angeklagte. "Sonst hätte sie nie stattgefunden". Also holte er zehn Waidleute, darunter zwei Frauen, aus der Umgebung. Weil eben Wildschweine im Maisfeld dicht neben der Bundesstraße hausten und Schaden anrichteten. Das mochte der Bauer nicht länger dulden.

Bestens aufgeklärt

Prozessauftakt Jagdunfall am Landgericht Amberg

An einer Kapelle war Treffpunkt. Der 46-Jährige klärte in seiner Eigenschaft als Jagdausrichter pflichtgemäß auf. "Bestens, wie er das machte", sagen im Prozess mehrere seine Begleiter. Mit Blick auf die nahe Bundesstraße 16 fiel dieser Satz von ihm: "Keine Sau ist es wert, dass deswegen Menschenleben gefährdet werden. Also schießt nicht in diese Richtung".

Der von Jugend an von der Jagd begeisterte Nittenauer, der nie mehr auf die Pirsch gehen will, wies seinen Gästen die Positionen beim Umstellen an. Er selbst begab sich in etwa 100 Metern Entfernung zum hoch stehenden Mais auf einen Anhänger. Darauf war seine Jagdkanzel deponiert. Eine erhöhte Position also.

Die Jagd begann kurz nach 9 Uhr. Vier Hunde wurden ins Feld geschickt. Auch Jäger gingen hinein. Doch die meisten von ihnen feuerten keinen Schuss ab. Anders beim Jagdherrn. Auf dessen Seite kamen Wildsauen heraus. In längeren zeitlichen Intervallen drückte der Mann "sieben bis acht Mal" den Stecher seiner Selbstladebüchse durch. Zumindest ein Schwein fiel.

Die letzten Schüsse

Die letzten beiden Schüsse galten erneut einem aus dem Feld laufenden Schwarzkittel. Was nun die Richter beschäftigt, ist die Frage: Durchschlug eines der Projektile vom Kaliber 30-06 die Weichteile dieses Tieres? Man weiß, dass es nicht liegen blieb. Später fand eine erfolglose Nachsuche statt. Es muss einer dieser beiden Schüsse gewesen sein, der hinüber auf die B16 ging. Unerklärlich für den Schützen. Die Kugel zerschmetterte die rechte Seitenscheibe eines Autos und tötete den dahinter sitzenden Beifahrer (46). Seine Eltern haben nun als Nebenkläger im Gerichtssaal Platz genommen. "Unsere Familie ist zerbrochen", sagt die Mutter des Opfers in einer Verhandlungspause.

Fahrer und Beifahrer aus Regensburg wollten zu einer Motorsportveranstaltung in den nahen Markt Bruck. Der am Steuer sitzende 63-Jährige hat den Richtern geschildert: "Ein böser Knall. Dann hat mein Freund mit dem Arm einen Schlenker gemacht und saß zusammengesunken da". Gleich danach bog der Wagen von der B16 in Richtung Nittenau ab. "Da kippte er zu mir rüber und hat mich mit verdrehten Augen angeschaut". Ein Szenario des Horrors.

Der Fahrer setzte einen Notruf ab, hielt vor dem Feuerwehrhaus im Stadtteil Bergham. Dort wurde deutlich: Sein Begleiter war an einem Lungendurchschuss gestorben. Eine Passantin kam hinzu und vermutete eine Übung. Kurz zuvor noch hatte der 63-Jährige angenommen: "Da hat jemand einen Stein geworfen". Die Jäger vesperten zu dieser Zeit bereits.

Gutachten in der Tasche

Im Gerichtssaal sitzen zwei Sachverständige. Erst wenn sie ausgesagt haben, wird die Sicht auf das tragische Ereignis wohl klarer. Doch Verteidiger Michael Haizmann (Regensburg) hat ein Plausibilitätsgutachten zu den erarbeiteten Ergebnissen in der Aktentasche. Er will es verlesen, wenn die Experten gehört worden sind. Der Prozess wird an diesem Mittwoch fortgesetzt.

Ein 47-Jähriger aus Regensburg ist als Beifahrer in einem Auto plötzlich zusammengesackt und wenig später verstorben.

Nittenau

Das Projektil stammt aus einem Jagdgewehr.

Nittenau

Die Kriminalpolizei Amberg hat einen Tatverdächtigen ermitteln.

Nittenau

Anklage wegen "Fahrlässiger Tötung" erhoben

Nittenau

Mehr über den Vorfall bei Nittenau finden Sie hier

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