02.03.2020 - 16:47 Uhr

Ein "Aufschrei" unter den bayerischen Lehrern

Die bayerischen Lehrerinnen und Lehrer sind stinksauer. Seit Kultusminister Piazolo beschlossen hat, dass sie mehr arbeiten müssen, liegen vielerorts die Nerven blank. Bei der Übergabe eines Protestschreibens im Ministerium fielen jetzt sehr deftige Worte.

Die Wut der Lehrerinnen und Lehrer entlädt sich auf der Straße, wie hier Anfang Februar in Nürnberg. Archivbild: Nicolas Armer/dpa
Die Wut der Lehrerinnen und Lehrer entlädt sich auf der Straße, wie hier Anfang Februar in Nürnberg.

Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) hat Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) knapp 20.000 Protestschreiben von Pädagogen gegen die von ihm angeordnete Mehrarbeit für Lehrkräfte übergeben. BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann sprach von einer "überwältigenden Beteiligung". Tenor der Schreiben sei, dass die Lehrkräfte ohnehin überlastet seien und sich von ihrem Dienstherrn übergangen, im Stich gelassen und in ihrer Arbeit nicht wertgeschätzt fühlten. BLLV-Vize Gerd Nitschke sprach von einem "Aufschrei, wie ich ihn unter Lehrern noch nie erlebt habe". Problem sei nicht die eine Stunde Mehrarbeit über das Arbeitszeitkonto, sondern die Verschlechterungen für Teilzeitkräfte und die verschärften Regeln für einen vorzeitigen Ruhestand.

Der unterfränkische BLLV-Vorsitzende Gerhard Bleß sagte, "da ist ein Fass explodiert". Nach Jahren mit immer neuen Aufgaben hätten die Kollegen endlich Entlastungen vom neuen Kultusminister erwartet, jetzt aber kämen zusätzliche Anforderungen wie der Pflichtunterricht in Alltagskompetenz sowie vor allem für Teilzeitkräfte erhebliche Mehrarbeit dazu. Seine Oberpfälzer Kollegin Katja Meidenbauer ergänzte, die immer größere Zahl an Aufgaben und der zunehmend herausfordernde Unterricht "machen uns kaputt". Um die Belastung schultern zu können, würden vor allem ältere Lehrkräfte in Teilzeit ausweichen. Dass ausgerechnet diese nun im Einzelfall zehn Stunden und mehr pro Woche zusätzlich Unterricht geben müssten, widerspreche der Fürsorgepflicht des Dienstherrn. Die Botschaft Piazolos an die Lehrkräfte sei, "ihr habt eure Hausaufgaben bisher prima erledigt, als Dank dafür bekommt ihr noch mehr Hausaufgaben".

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Meidenbauer verwies auch auf zu erwartende Probleme bei der Umsetzung an kleineren Schulen auf dem Land. Wenn dort nun Lehrkräfte deutlich mehr Stunden geben müssten, bedeute dies einen Stundenüberhang. Die Folge sei, dass viele Lehrkräfte dazu gezwungen sein werden, an mehreren Schulen zu unterrichten, weil Mehrarbeit in diesem Ausmaß an ihrer Schule nicht benötigt werde. Dies erhöhe die Belastung wegen der oft weiten Fahrwege zusätzlich. Sie habe nicht den Eindruck, dass im Kultusministerium ein guter Unterricht mit ausgeruhten und motivierten Lehrkräften oberste Priorität habe, sagte Meidenbauer.

Oberfrankens BLLV-Chef Henrik Schödel kritisierte die aus seiner Sicht chaotische Informationspolitik des Kultusministers und dessen Vorwurf, die Lehrerverbände hätten keine Vorschläge unterbreitet, wie der Lehrermangel ohne Mehrarbeit zu beheben sei. "Das ist eine Frechheit, da fühlen wir uns verarscht", erklärte Schrödel mit Blick auf vorgebrachte Ideen wie die Entlastung der Lehrkräfte von bürokratischen Aufgaben. Bleß ergänzte, das Ministerium habe sich ausschließlich auf die Lösung der Probleme über das Personal konzentriert und jede Kreativität vermissen lassen. Zudem fehlten Maßnahmen zur Verbesserung der Attraktivität des Lehrerberufs, was wiederum die dringend notwendige Nachwuchsgewinnung erschwere.

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Piazolo blieb ungeachtet der Proteste bei seinem Kurs und sprach von "dienstrechtlichen Maßnahmen mit Augenmaß". Er sei sich bewusst, den betroffenen Lehrkräften zur Sicherung der Unterrichtsversorgung "auch einiges abzuverlangen". Zudem verwies er auf anstehende Bezügeerhöhungen sowie Entlastungen zum Beispiel durch die Reduzierung der Zahl der Proben in der 4. Klasse.

Fleischmann erklärte nach einem Gespräch mit Piazolo, dieser habe nach ihrer Wahrnehmung die Proteste "wahrgenommen und verstanden". Sie setze auf seine Zusage nach einer Umsetzung mit Augenmaß. Dies müsse Piazolo nun in den Ausführungbestimmungen fixieren. "Wir messen den Erfolg nicht an Worten, sondern an seinen Taten", sagte Fleischmann.

 
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