31.07.2019 - 14:52 Uhr
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Sophia Lösche: erst bewusstlos, dann tot

Zwei spanische Rechtsmedizinerinnen äußern sich im Mordprozess nach dem Tod von Sophia Lösche. Sie gehen von zwei "Schlag-Sequenzen" aus, dazwischen erfolgte die Fesselung. Beim Todeszeitpunkt wollen sie sich nicht festlegen.

Auf der Videoleinwand hinter der Anklagebank sind am Mittwoch zwei Rechtsmedizinerinnen und ein Staatsanwalt aus dem Baskenland zu sehen.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Drei Länder, 2427 Kilometer, fünf Tage - was geschah im Führerhaus des Fernfahrers Boujemaa L.? Die Hoffnung liegt am fünften Prozesstag auf zwei Gerichtsmedizinerinnen aus dem Baskenland in Spanien. Sie werden per Videovernehmung gehört. Fazit nach zwei Stunden: Die Forensikerinnen gehen davon aus, dass Sophia Lösche erst bewusstlos, dann gefesselt und später totgeschlagen wurde. Und wann geschah was? "Das wissen wir nicht."

Mittwoch, exakt 10 Uhr, Justizpalast Bayreuth. Es tutet zwei, drei Mal - dann ist auf weißer Leinwand ein Büroraum in Spanien zu sehen. Er befindet sich im Palacio de Justicia in Vitoria-Gasteiz. Das Gericht vernimmt als Zeuginnen zwei Rechtsmedizinerinnen aus Spanien. Sie waren vor Ort, als im Juni 2018 bei einer Tankstelle in Nordspanien die Leiche von Sophia Lösche im Graben gefunden wurde. Sie war mit Reisig abgedeckt, an den Beinen verbrannt, nackt, gefesselt, in schwarzes Plastik gehüllt. Der spanische Staatsanwalt sitzt dabei. "Buenos dias!", schallt es durch den Schwurgerichtssaal.

Die Videovernehmung verläuft verblüffend problemlos. In jedem Land sitzt ein Übersetzer. Glasklar sind die Antworten zu verstehen. Weniger glasklar ist leider der Inhalt. Kurz gefasst: Es ist anhand der Leiche von Sophia Lösche nicht möglich, den Todeszeitpunkt festzulegen. Die Forensikerinnen kamen ihrem Abschlussbericht zum Schluss, dass sich die Tötung frühestens Samstag bis spätestens Sonntag, 16. bis 17. Juni, ereignete. Also zwei bis drei Tage nach ihrem Verschwinden am 14. Juni - und damit in Frankreich.

Vorsitzender Richter Bernhard Heim informiert die Damen über das Geständnis des Angeklagten: Demnach habe er die junge Frau unmittelbar nach dem Einsteigen am 14. Juni getötet. "Wäre auch ein solcher Todeszeitpunkt möglich?" Die Antwort: "Si." Ja. Die Rechtsmedizinerin erklärt, dass man sich der Forensischen Entomologie bedient hat. Sprich: Anhand von Fliegenlarven lässt sich der Todeszeitpunkt einer Leiche recht genau berechnen.

Wichtig dabei ist aber, die Umweltbedingungen zu kennen, wie Temperatur und Feuchtigkeit. Diese seien in diesem Fall nicht feststellbar: Die Leiche war teilweise "isoliert" in Plastikfolie. Im Fahrerhaus herrsche ein "gewisser Kältegrad". Nachdem der Täter den toten Körper ins Gebüsch geworfen hatte, könnten wiederum Feuer und Hitze den Prozess beeinflussen. Es gibt Diskrepanzen in den Ergebnissen: Der Verwesungszustand entsprach eher fünf bis sieben Tagen Liegezeit, das Larvenstadium eher vier bis fünf Tagen. Fazit: Es könne kein eindeutiger Todeszeitpunkt genannt werden.

Die Schläge auf den Kopf der Schwester erfolgten laut Obduktionsbericht zu zwei Zeitpunkten. Die Gerichtsmedizinerinnen gehen davon aus, dass die Frau zunächst mit einer Sequenz von Schlägen bewusstlos geschlagen wurde. Dann die Fesselung an Hand- und Fußgelenken erfolgte. Und schließlich in einer zweiten Abfolge von schweren Schlägen - aus anderer Position - der Schädel zertrümmert wurde, was zum Tod führte. Möglicherweise seien dazu verschiedene Waffen verwendet worden: Erst ein "kleiner Gegenstand", dann ein Gegenstand mit glatter, breiter Oberfläche. Im Gerichtssaal liegt ein eiserner Radmutternschlüssel mit einem Durchmesser von fast fünf Zentimetern vor, ein Vergleichsstück zur Tatwaffe. Anzeichen für ein Sexualverbrechen seien nicht festgestellt worden, so die Spanierinnen.

Bruder Andreas Lösche stellt als Nebenkläger die zweite, wichtige Frage, auch er wird dabei per Video ins Baskenland übertragen: "Welcher zeitliche Abstand liegt zwischen diesen beiden Schlag-Sequenzen?" Die Antwort fällt leider ebenfalls unergiebig aus: "Das können wir leider nicht feststellen." Nach wie vor geht die Familie davon aus, dass Sophia zu einem späteren Zeitpunkt starb: am Freitag auf dem Firmengelände eines Elektroteile-Lieferanten in Lauf, wo der Lkw auflud, oder in Frankreich, wo der Fahrer am Samstag seine 24-Stunden-Sonntagsrast einlegte.

Auch Professor Dr. Stephan Seidl vom rechtsmedizinischen Institut in Erlangen hat den Leichnam untersucht, allerdings war dieser erst acht Wochen nach dem Fund überstellt worden. Er nutzte die Videovernehmung für Detailfragen an die Kolleginnen. Sein Gutachten wird er voraussichtlich am 16. August vortragen. Nach Auskunft des Gesamtsachbearbeiters der Kripo Bayreuth kam aber auch Seidl zu keinen neuen Erkenntnissen.

Im Gerichtsprozess kommt es nächste Woche zu einer Pause. In der Folgewoche werden weitere Kriminalbeamte aus Bayreuth aussagen, die den Fall nach dem Leichenfund übernommen hatten. Es stehen zudem noch ein Brandgutachten des Landeskriminalamtes zum Ausbrennen des Fahrerhauses sowie das Gutachten von Psychiater Dr. Thomas Wenske aus, der den Angeklagten mehrfach in Haft besucht hat.

Der erste Prozesstag

Amberg

Der zweite Prozesstag

Amberg

Der dritte Prozesstag

Bayreuth

Der vierte Prozesstag

Bayreuth
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