Schleuser-Prozess in Weiden: "Scheich Merwan" als Zeuge

Diesen Artikel lesen Sie mit
Alle Informationen zu OnetzPlus

Märchenstunde vor Gericht: "Scheich Merwan" strapazierte als Zeuge im Schleuser-Prozess am Landgericht Weiden die Nerven der Beteiligten und erzählte viele Geschichten – gab aber nur selten Antwort auf die Fragen von Richter und Anwälten.

Die Luft für den Angeklagten Ayaz G. (links) scheint vor Gericht immer dünner zu werden: Mehrere Zeugen identifizierten den Mann bereits, der durch Anwalt Matthias Haberl (rechts) vertreten wird. Ayaz G.' Funktion und Stellung in der Schleuserbande wurde bislang aber noch nicht eindeutig klar.
von Kathrin Moch Kontakt Profil

Er war als vielversprechender Belastungszeuge geladen, entpuppte sich im Zeugenstand aber als Märchenonkel, der gerne erzählt: "Scheich Merwan". Der Iraker war bereits am Landgericht Weiden wegen seiner Beteiligung an den Schleusungen zu fünf Jahren Haft verurteilt worden und sitzt momentan in der JVA Amberg ein. Sein Part bei den Schleusungen war es, den Flüchtlingen Unterschlupf zu gewähren.

So lief die Verurteilung von "Scheich Merwan" am Landgericht Weiden

Weiden in der Oberpfalz

Nun sollte der 41-Jährige am vierten Verhandlungstag im Prozess gegen Rayan S. und Ayaz G. aussagen. Den beiden Männern wird gewerbs- und bandenmäßiges Schleusen von Erwachsenen und Kindern vorgeworfen. Rayan S. soll sich laut der Anklage von Staatsanwalt Marco Heß mit über 300.000 Euro durch die Schleusungen bereichert haben.

"Vom Hundertsten ins Tausendste"

Nach Geschleusten und Polizeibeamten als Zeugen an den vergangenen Verhandlungstagen, sollte nun "Scheich Merwan" helfen, die Verstrickungen der beiden Angeklagten bei den Schleusungen aus dem arabischen Raum über Rumänien und Bulgarien nach Deutschland herauszuarbeiten. Doch sowohl Landgerichtspräsident Gerhard Heindl, als auch Staatsanwalt Marco Heß und Rayan S.' Anwältin Jessica Friedrich hatten große Mühe auf ihre konkreten Fragen auch konkrete Antworten zu bekommen. Stattdessen holte der Zeuge aus, kam vom Hundertsten ins Tausendste, erzählte von seinem Bruder, seiner Familie, Beschimpfungen und Streit, gab aber nur unpräzise Antworten auf die gestellten Fragen.

Komödie im Zeugenstand?

"Erzählen Sie nicht ihre arabischen Märchen", mahnte Richter Heindl. Immer wieder entstand der Eindruck "Scheich Merwan" wollte seine eigene Unschuld beteuern, aber dem Gericht nicht wirklich dabei helfen, die Beteiligung der Angeklagten aufzuklären. Trotzdem erkannte er Ayaz G. im Gerichtssaal. Seine Aussage, die er im Zuge der Ermittlungen bei der Polizei abgab, G. würde Menschen schleusen und dafür Geld erhalten, wollte der Iraker aber im Zeugenstand so nicht bestätigen. Auch für Ayaz G. glich die Aussage von "Scheich Merwan" wohl eher einer Komödie, wie Staatsanwalt Marco Heß feststellte, denn der Angeklagte konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.

Geschleuster erkennt Ayaz G.

Anwältin Jessica Friedrich versuchte mit zahlreichen Nachfragen festzustellen, ob der Zeuge Rayan S. jemals persönlich getroffen hatte. Auch ein Pseudonym, unter dem Rayan S. als Schleuser operiert zu haben scheint, sorgte dabei für Verwirrung. Von den britischen Behörden wurde dieses Pseudonym dem Angeklagten Rayan S. zugeordnet, in zahlreichen Chatverläufen soll der Angeklagte sich damit über die Schleusungen ausgetauscht haben. Dies bestätigte auch ein Amberger Richter im Zeugenstand, der Verfahren gegen andere Beteiligte an den Schleusungen verhandelt hatte. Doch "Scheich Merwan" brachte mehrere namensgleiche Personen ins Spiel – mit einem hatte er telefoniert, einer war sein Freund bei Facebook – wer oder was so richtig dahinter steckt, blieb auch nach seiner Aussage im Dunkeln. Nach über einer Stunde konnte er den Zeugenstand dann wieder verlassen.

Vor allem für Ayaz G. scheint die Luft im Prozess aber immer dünner zu werden: Ein weiterer Geschleuster identifizierte ihn eindeutig im Gerichtssaal. Zusammen mit "Scheich Merwan" habe G. die Schleusungsetappe von Serbien organisiert. Der Zeuge habe G. dabei öfter im "Café Istanbul" in Belgrad getroffen – das nach Aussage des Zeugen als Umschlagplatz und Treffpunkt zahlreicher Schleuser gedient habe. Doch auch Rayan S. wurde von einem Zeugen im Gerichtssaal erkannt: Ein bereits verurteilter rumänischer Spediteur, der die Flüchtlinge transportierte, kannte zwar nicht seinen Namen, dafür sein Gesicht. Rund 900 britische Pfund pro geschleustem Erwachsenen und die Hälfte für ein Kind habe der Spediteur an einem Parkplatz in Großbritannien erhalten. Der Prozess wird am Donnerstag, 1. April, fortgesetzt.

So startete der Schleuser-Prozess in Weiden

Weiden in der Oberpfalz

Bewegende Worte: Zeugen erzählen von der Flucht

Weiden in der Oberpfalz
Hintergrund:

Das geschah bisher

  • 2017/2018: In der Oberpfalz werden irakische, iranische und syrische Staatsangehörige aufgegriffen. Sie berichten, auf der Ladefläche von Lkw von Rumänien über Ungarn und Tschechien nach Deutschland geschleust worden zu sein.
  • März 20219: Rayan S. wird in London festgenommen. Auch Bundespolizisten aus Bärnau und ein Oberstaatsanwalt aus Weiden sind vor Ort.
  • November 2019: Festnahme von Ayaz G. auf Basis eines Haftbefehls des Amtsgerichts Weiden in Thessaloniki (Griechenland).
  • Mai 2020: Rayan S. wird aus Großbritannien nach Deutschland überstellt.
  • Dezember 2020: Ayaz G. wird aus Griechenland ausgeliefert.
  • 4. März 2021: Prozessbeginn am Landgericht Weiden.
  • 16. März 2021: Zeugen erzählen im Prozess von der Flucht unter lebensbedrohlichen Umständen.

Für Sie empfohlen

 

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.