28.06.2020 - 10:46 Uhr
AmbergOberpfalz

Amberg ohne Bergfest: Eine Absage, die weh tut

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Das Amberger Bergfest fällt heuer aus. Es gibt zwar Gottesdienste. Aber auf ihr Bier auf dem Festplatz müssen die Pilger verzichten. Kirchenpfleger Franz Mertel bekommt trotzdem eins - beim Plausch "auf eine Mass am Berg".

Ein Prosit aufs Amberger Bergfest. Weil das heuer wegen Corona ausfällt, trifft sich die Redaktion "Auf eine Mass am Berg", um mit Menschen, die etwas damit zu tun haben, über die Festwoche zu plaudern. Hier machen Kirchenpfleger Franz Mertel und Redakteurin Heike Unger den Auftakt.
von Heike Unger Kontakt Profil

Spaziergänger und Kirchenbesucher, die an diesem Nachmittag am Parkplatz bei der Bergkirche vorbeikommen, sind überrascht - und auch ein bisschen neidisch. Kein Wunder, dann irgendwie schaut es schon einladend aus, die zwei Biergartenstühle und der kleine Holztisch, auf dem gerade zwei Masskrüge Platz haben, mit dem mächtigen Turm der Bergkirche im Hintergrund.

Serie: Auf eine Mass am Berg

Amberg

Eigentlich ist so ein Mini-Bergfest hier zwar nicht erlaubt, aber für Oberpfalz-Medien macht die Kirchenverwaltung am Mariahilfberg eine Ausnahme: Hier, auf dem Grünstreifen zwischen den Parkbuchten, plaudert die Redaktion an sechs Tagen mit Menschen, die einen besonderen Bezug zum Amberger Bergfest haben. "Auf eine Mass am Berg" heißt die kleine Serie, die in der Bergfestwoche trotz Absage wegen der Corona-Pandemie täglich den Blick dorthin richtet, wo sich jedes Jahr um den 2. Juni herum die Amberger scharen – zum Beten, Genießen und zum Ratschen.

Lange gezögert

Es wäre sein erstes Bergfest gewesen. Natürlich nicht grundsätzlich, aber in seiner Eigenschaft als dessen Organisator: Franz Mertel, Ambergs ehemaliger Stadtkämmerer, ist seit Juli vergangenen Jahres Kirchenpfleger der katholischen Mariahilfberg-Kirchenstiftung und damit auch verantwortlich für den weltlichen Teil des großen Pilgerfestes. Das wurde in diesem Jahr wegen der Coronakrise abgesagt. "Wir haben das relativ lang hinausgezögert", gesteht Mertl – in der Hoffnung, dass es vielleicht doch noch Lockerungen geben würde.

Allzu lang konnte die Kirchenverwaltung mit ihrer Entscheidung aber nicht warten, sie hatte sich dafür eine Frist bis Anfang Mai gesetzt, "weil die Brauereien ja sechs bis acht Wochen Vorlauf brauchen fürs Bier Brauen". Ein solch großes Fest muss schließlich vorbereitet sein, das könnten die Brauer nicht aus ihrem normalen Sortiment versorgen, sagt Mertel: "Da werden gut 900 Hektoliter Bier getrunken in dieser Woche." Deshalb war er im Vorfeld im Kontakt mit den Brauereien, um zu klären, welchen Vorlauf sie brauchen. "Dann ist die Auflage gekommen, dass bis Ende August keine größeren Veranstaltungen stattfinden dürfen. Damit war das Bergfest endgültig gestorben."

Nur ein Gerücht

Dann gab es Gerüchte von einem Bergfest light, "dass man einen Biergarten macht, für 50 oder 100 Leute". Für Mertel keine Option. "Wenn die Leute wissen, dass da was ist, dann überrennen sie dich. Das kriegst du nicht in den Griff." Das gelte nicht nur für den weltlichen Teil, sondern auch für Vorschläge, die Messen, die in der Festwoche stattfinden, ins Freie übertragen, weil die Zahl derer, die in die Kirche hinein dürfen wegen Corona streng begrenzt ist. Die Zahl der Gläubigen im Freien zu begrenzen und die Einhaltung aller Corona-Vorschriften durchzusetzen, sei einfach nicht umsetzbar, meint Mertel. Deshalb gibt es keine Übertragungen der Gottesdienste nach draußen.

Vormittags gibt es täglich in der Festwoche Messen, die allen offen stehen – allerdings für maximal 40 Besucher. Und nachmittags können angemeldete Pilgergruppen mit ihren eigenen Geistlichen Gottesdienste in der Bergkirche feiern. "Also: Die Wallfahrt ist möglich. Was nicht möglich ist, ist das Fest", fasst es Mertel zusammen.

Schwere Entscheidung

"Uns ist die Absage schwer gefallen, weil wir wissen, das Bergfest hat schon eine Ausnahmestellung bei den Festen in Amberg", betont Mertel. Er weiß auch, dass viele Amberger, die inzwischen andernorts leben, einen Besuch in der alten Heimat bewusst in die Bergfestzeit legen, und dass es in dieser zeit auch besonders viele Klassentreffen gibt. Aber die Corona-Beschränkungen erlauben dies heuer einfach nicht.

Dabei hatte die Kirchenverwaltung "alle Vorbereitungen getroffen: alle Stände, alle Fieranten, es war alles fest", wie Mertel berichtet: "Wir haben sogar einen Bergfestplan 2020, wer wo steht." Der wird jetzt einfach fürs nächste Mal genutzt, 2021. Und für alle Brauereien,Wirte und Fieranten gilt: "Wer für heuer eine Zusage hatte, kommt auch nächstes Jahr rauf, da tun wir nicht lang rum." Die Betroffenen würden Ende des Jahres angeschrieben und gefragt, ob sie auch 2021 mitmachen wollen, dann wissen die Ende des Jahres Bescheid. Und damit sogar ein bisschen früher als sonst, wenn die Verträge im Februar/März rausgehen.

Großer Verlust

Natürlich, räumt der Kirchenpfleger ein, bedeute die Absage für die Kirchenstiftung einen großen finanziellen Verlust. "Es werden uns so rund 70 000 Euro fehlen", nennt Mertel eine konkrete Zahl und verdeutlicht die Dimension: "Das Bergfest macht ungefähr ein Drittel unserer Einnahmen aus." Damit werde das Personal bezahlt, also die Mesner, die Organisten, alle Aufwendungen für die Liturgie oder auch der Blumenschmuck in der Bergkirche. Die Franziskanerbrüder "werden nicht von uns bezahlt", aber die Kirchenstiftung trägt den Bauunterhalt für Kirche und Kloster. "Das müssen wir alles bestreiten. Also fehlt uns jetzt schon ein ordentliches Stück."

Klar sei auch: "Wir werden das nicht abfangen können. Wir haben jetzt einen Wirtschaftsplan für 2020, der sieht ein Minus von 67 000 Euro vor", erklärt der Kirchenpfleger. Und deshalb muss nun manches, was nicht zwingend notwendig oder schon in Auftrag gegeben ist, verschoben werden. Die öffentlichen Toiletten des Klosters zum Beispiel – sie sind zwar noch funktionstüchtig, sind aber schwer in die Jahre gekommen und müssten hergerichtet werden. Dass muss nun warten, bis Geld dafür da ist. Die finanziellen Einbußen werden "uns wahrscheinlich zwei, drei Jahre weh tun", schätzt Mertel. "Wir müssen dieses Minus die nächsten Jahre erst einmal wieder reinarbeiten. Aber es hilft jetzt nichts, bloß, damit's finanziell stimmt, da heroben irgendein Risiko einzugehen. Da macht keiner von der Kirchenverwaltung mit."

Franz Mertels erstes Mal

Für Franz Mertel war es das erste Mal, dass er das Bergfest organisieren sollte. Auch wenn ihm klar war, dass dies viel Arbeit bedeuten würde, war er doch überrascht, wie viel tatsächlich an der Veranstaltung der Festwoche hängt – von der Parkplatz-Reinigung bis hin zur Installation von Wasserzählern. Glücklicherweise habe er auf die Erfahrung seiner beiden Amtsvorgänger als Kirchenpfleger zurückgreifen können. Und auf eine wertvolle Checkliste, die ihm sein direkter Vorgänger Rudolf Ringer zur Verfügung gestellt hat. "Ich war am Anfang skeptisch, muss ich zugeben: ich dachte, das schaff ich nie", gesteht der Mann der viele Jahre für die Finanzen der Stadt Amberg verantwortlich war. Es hat trotzdem geklappt. Und seinen Plan kann er nun einfach fürs nächste Jahr hernehmen.

Neuerungen gibt es dabei keine, denn denen steht Mertel "skeptisch gegenüber", wie er sagt: "Eigentlich dient ja der weltliche Teil des Bergfestes der Verpflegung der Wallfahrer", betont er. Dafür brauche es keine Extravaganzen. "Das Konzept passt so wie es ist", findet Mertel und sieht sich durch Rückmeldungen bestätigt. "Ich hör' fast niemanden, der sich beschwert."

Ein Fest ohne Musik

Auch die Besonderheit, dass es beim Amberger Bergfest keine Musik gibt, "kommt wahnsinnig gut an, insbesondere auch bei Fremden", weiß Mertel."Als ich noch Kämmerer war, da haben alle, die eingeladen waren, also zum Beispiel Städtetag oder Finanzausschuss, noch Jahre danach, wenn man sich mal wieder in München getroffen hat, vom Amberger Bergfest geschwärmt." Dabei hätten sie beim Besuch immer gleich festgestellt, "hier gibt's keine Musik": "Dann haben wir gesagt, ja, in Amberg isst ma, trinkt ma und red‘ ma miteinand. Und das passt so."

Franz Mertel geht selber gern auf Bergfeste. In Amberg, aber auch im Landkreis. Auf dem Frohnberg trifft man ihn, auch auf dem Eggenberg. "Ich stamme aus Ensdorf, da bin ich schon als Kind mit meinen Eltern mit dem Radl raufgefahren." Heuer, in neuer Funktion, wäre er in Amberg wohl jeden Tag auf dem Bergfest gewesen. "Aber es hat auch schon Jahre gegeben, da war‘s mir zu voll", gibt er zu. "Da hast du, wenn du zu viert raufgegangen bist, keinen Platz gekriegt, bist nur durchgeschoben worden, da hab' ich gesagt, also das macht überhaupt keinen Spaß. Aber ich hab den Eindruck, dass es jetzt nicht mehr so wild ist wie damals, das war vor vielleicht zehn Jahren."

Kokosmakronen und Glühwürmchen

Aufs Bergfest sei er schon als Kind gern gegangen, erinnert er sich. Damals wohnte die Familie in Ammersricht. "Da sind wir schon als Kinder von hinten den Berg rauf, übers Schützenheim, und haben auf dem Nachhauseweg Glühwürmchen gefangen, das war so das Hauptabenteuer." Und es gab immer Kokosmakronen für den kleinen Franz. "Das war was, das hat's das ganze Jahr nicht gegeben", verrät er schmunzelnd.

Heute pilgert Mertel mit Familie oder Freunden auf den Berg, zu Fuß, oder mit dem Bus. "Man trifft Leurte, ratscht a weng. Wenn du dann zum Semmeln holen gehst, triffst du wieder jemand - also Gott und die Welt", so beschreibt er das Bergfest-Gefühl: "Man geht rauf, isst und trinkt was, dann geht man zur Messe vor – und je nachdem, wer dann noch da ist, wen man noch trifft, setzte man sich danach nochmal ins Zelt. Oder man geht heim."

Das Bergfest-Ritual

Und was genießt Franz Mertel am liebsten auf dem Fest: Bier? Bratwürst? Steak? Käs'? "Ja, genau", sagt er und lacht laut – "in dieser Reihenfolge". Mit nach Hause genommen wird übrigens nichts, "das wird alles hier heroben gegessen". Die Kokosmakronen gibt es bei Mertel heute auch nicht mehr. "Aber wenn ich dienstlich heroben war, hab' ich mir immer einen Schokokuss gekauft, bevor ich dann wieder in die Arbeit runtergefahren bin. Das war so ein kleines Ritual."

Das Amberger Bergfest sei schon etwas Besonderes, meint Franz Mertel beim letzten Schluck am Mini-Bergfest-Tisch. "Für mich ist es ein außergewöhnliches Fest. Weil es nicht den ganzen Sommer verfügbar ist, weil es in einer wunderschönen Umgebung ist, am Wald und auch mit diesem Blick zur Kirche – und weil es einmalig ist in der Woche. Wenn du es da verpasst, kannst du es nicht mehr aufholen."

Kirche und Wirtshaus

Natürlich ist dem Kirchenpfleger beides wichtig, der kirchliche und der weltliche Teil. "Das gehört zam, betont er. "Das ist wie Kirche und Wirtshaus, das war früher schon so, dass das zamghört hat." Auch wenn er weiß, dass das nicht alle Besucher so sehen: "Die Nicht-Wallfahrer sind in der Überzahl."

Vor Corona: Neuer Bräu und ein neuer Bäcker auf dem Bergfest

Amberg

Auch ohne Fest zieht es Besucher auf den Mariahilfberg

Amberg

Kirchliches Bergfest: Weihbischof feiert mit

Amberg
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.