03.07.2020 - 10:56 Uhr
AmbergOberpfalz

Bahn-Elektrifizierung: Die wunden Punkte des Trassen-Entwurfs

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Die Pläne der Deutschen Bahn zum Bau einer Stromtrasse durch Amberg-Sulzbach wühlen die Bevölkerung auf. Meist wird dann der Amberger Ortsteil Gailoh genannt. Es gibt aber noch andere Orte, wo die Trasse Aufruhr auslöst. Drei Beispiele.

Der aktuelle Leitungsentwurf der Bahn sieht eine Stromtrasse vor, die teilweise sehr nah an vorhandene und geplante Wohnbebauung heranreicht.
von Florian Bindl Kontakt Profil

Die Deutsche Bahn macht nicht nur mobil, sie mobilisiert derzeit auch jede Menge Bürger im Raum Amberg und im Landkreis Amberg-Sulzbach. Im negativen Sinne. Die Unzufriedenheit mit den Stromtrassen-Plänen zur Elektrifizierung der Bahnstrecke von Nürnberg nach Schwandorf durchzieht die Region. Dass der erste Entwurf einer möglichen Stromleitung gleich alle Interessen befriedigen könnte, damit war freilich nicht zu rechnen. Bislang stand bei den Leidtragenden meist Gailoh im Fokus, der Ortsteil von Amberg, den die Trasse queren würde. Daneben gibt es aber noch weitere kritische Punkte, an denen die Trasse Vereine und Gemeinden aufwühlt. Etwa in Ammerthal, im Norden von Illschwang und bei der Luftsportgruppe Amberg.

Der Amberger Ortsteil Gailoh wäre besonders von der geplanten Trasse betroffen.

Amberg

Der Flugplatz Rammertshof

Die Stimmung im Verein sei schon angespannt, sagt Alexander Krone. Er war lange Vorsitzender der Luftsportgruppe Amberg, die auf dem Flugplatz Rammertshof ihre Übungsflüge absolviert. Wenn es um Trassenverläufe und deren Begleiterscheinungen geht, ist Krone vom Fach. Als Förster ist er Referent für Umwelt und Natur beim bayerischen Luftsportverband. Den aktuellen Leitungsentwurf der Bahn sieht er kritisch. Für den Flugbetrieb entstünde ein erhebliches Sicherheitsrisiko. Denn: Der Flugplatz liegt in einem Tal, die geplante Trasse mit Masten in einer Höhe von 30 Metern würde über den Hangrücken nördlich davon geführt. "Das Flugfeld selbst wird zwar berücksichtigt, da baut keiner eine Trasse drüber", sagt Krone. "Aber die Bahn achtet nicht auf den notwendigen Abstand und die fliegerischen Anforderungen." Was meint er damit? Die Tallage macht einen Anflug auf den Flugplatz nicht eben einfach. In einem Notfall, etwa bei einem Seilriss während des Fliegens, ist eine sogenannte verkürzte Platzrunde zu fliegen. Der Pilot fädelt über den flachen Hang ein und landet auf der vorgesehenen Fläche. Alles muss in kürzester Zeit klappen, eine heikle Situation, die dem Piloten einiges Geschick abverlangt. "Wenn man dann auf eine Stromtrasse, die auf dem Berg steht, zufliegen muss, dann wird es echt riskant."

Irgendwo müsse natürlich so eine Stromtrasse durch, das ist Krone klar. "Aber so ist das für unseren Verein eine Existenzfrage." Wenn die verkürzte Platzrunde eine fliegerische Gefahr darstelle, dann liege es nahe, dass Eltern für ihre Kinder einen anderen Verein suchen. Und ohne Nachwuchs geriete die Luftsportgruppe in Schieflage. Dazu kommt: Der Bereich, vor allem im Norden des Flugplatzes, ist ein frisch ausgewiesenes Landschaftsschutzgebiet, das nun von der Trasse gekreuzt würde. "Dort sollen Wiesenbrüter und Wendehals vorkommen, oft wird das Gebiet als die Toskana der Oberpfalz bezeichnet", weiß Krone. Für ihn ist die Summe der Probleme Grund genug, am Montag, bei einem eigens anberaumten Info-Termin mit der Bahn, über Alternativen zu diskutieren. Sein Wunsch wäre, erstens, eine Verschiebung des Trassenverlaufs nach Norden und, zweitens, niedrigere Masten. Ob er etwas bewirken könne, da ist er sich unsicher. "Das Land ist leider gespickt mit Stromtrassen, die Landräte nicht haben wollten." Fest steht, vom Flugplatz Rammertshof will die Luftsportgruppe keinesfalls weg, auch mangels Alternativen.

Schon Mitte Juni kamen Bürgermeister aus Amberg-Sulzbach zu einem Gespräch zusammen.

Illschwang

Das Neubaugebiet bei Ammerthal

Verfolgt man die Trasse weiter nach Westen, dann knickt sie unter Fuchsstein nach Norden ab, vorbei an Ammerthal. Direkt im Norden der Gemeinde, Richtung Fichtenhof, soll ein Neubaugebiet entstehen. Die Fläche, die teilweise noch Landwirten gehört, wird Schritt für Schritt an die Bauträger verkauft. Im Moment laufen die Verhandlungen. Wann hier tatsächlich Wohnbebauung entstehen kann, ist unklar, spätestens seit die Stromtrasse der Bahn weniger als hundert Meter entfernt verlaufen soll. "Was soll ich dann mit einem Neubaugebiet? Wer will da noch hinziehen? Ein Haus brauchen wir da nicht verkaufen", schimpft Bürgermeister Anton Peter. Es komme ihm so vor, als habe die Bahn einfach willkürlich einen Entwurf vorgelegt, "und dann schauen wir mal, was die Leute machen". Alternativen, sagt er, sollten doch eigentlich von der Bahn kommen, etwa Erdkabel. Wenn das nicht gehe, müsse man sich eben an Straßen orientieren und bündeln. "Das hätte man grundsätzlich vorher mit den betreffenden Bürgermeistern besprechen sollen. Muss die Trasse denn genau hier verlaufen oder gibt es eine ganz andere Möglichkeit?" Was aus dem Neubaugebiet werden soll, bleibt für Peter "das große Fragezeichen".

Der Norden von Illschwang

Im Nordwesten von Amberg, zwischen Illschwang und Sulzbach-Rosenberg, liegt das Örtchen Aichazandt, es gehört zur Gemeinde Illschwang. Die Bahnstrom-Trasse schlängelt sich hier durch Wiesen und Felder, quert Straßen und verläuft durch eine Schneise zwischen zwei Waldgebieten. Aichazandt liegt nur wenige hundert Meter östlich dieser Schneise, die Trasse touchiert die Ortschaft im Norden. Näher an Wohnbebauung geht kaum, von Gailoh einmal abgesehen. Das gilt für mehrere Dörfer in der Nähe, etwa Frankenhof. "Als ich das zum ersten Mal im Internet gesehen habe, dachte ich: Das muss ein Witz sein", sagt Hermann Gradl, der in Aichazandt wohnt. "Das kann doch nicht wahr sein." Die Landschaft, sagt er, sei nicht nur unberührte Natur, sie sei auch Naherholungsgebiet. "Bei uns sind ständig Leute unterwegs, die Joggen, die Fahrrad fahren oder einen Spaziergang machen. Und genau da soll jetzt eine Stromleitung hin."

Ambergs OB Michael Cerny und Landrat Richard Reisinger begegnen dem Projekt mit Skepsis.

Amberg

Seit die Bahn die Trassenpläne Mitte Juni offengelegt hat, rumort es in Illschwang. Bürgermeister Dieter Dehling bekommt regelmäßig aufgeregte Anrufe von erbosten Anwohnern, die wissen wollen, was es mit der Leitung auf sich hat. "Die Informationspolitik ist sehr unglücklich", findet Dehling. "Die Bahn hätte offensiver auf uns zukommen müssen, gerade auf die Bürger." Auch die Info-Veranstaltung seitens der Bahn am 23. Juni sei sehr kurzfristig anberaumt worden. Weite Teile der Bevölkerung erfuhren davon erst über private Chats und weniger von der Bahn selbst. Der Verdacht, die Bahn mache sich die Corona-Pandemie ein Stück weit zunutze, um ihr Vorhaben möglichst an den Bürgern vorbeizumanövrieren, belastet die Gespräche mit dem Unternehmen schwer. Dehling befürchtet, die Oberpfälzer würden nicht ernst genommen. "Bei der Online-Veranstaltung hatte ich das Gefühl, unsere Anliegen werden mit vorgefertigten Antworten abgespeist."

Er hofft dennoch auf Alternativen zum aktuellen Trassenverlauf, die Autobahn, Bundesstraßen, Bahnlinien selbst oder eben Hochspannungsleitungen. "Wir wünschen uns einen konstruktiven Dialog mit der Bahn. Wir wollen wissen, warum andere Wege nicht infrage kommen." Intern arbeitet man in Illschwang in Abstimmung mit anderen Gemeinden bereits an einem Papier, das alle Anliegen zusammenfasst und Forderungen darlegt. In einer großen Runde sollen dann Bürgermeister umliegender Gemeinden, Landrat Richard Reisinger und Ambergs OB Michael Cerny den Draht zur Bahn suchen. "Wir wollen die Elektrifizierung nicht verhindern, aber wir verlangen, dass Alternativen für die Trasse geprüft werden", stellt Dehling klar.

Mitsprachemöglichkeiten der Bürger bei der Verkehrsplanung findet AZ-Redakteur Markus Müller prinzipiell gut

Amberg
Hintergrund:

Bahn zieht positive Zwischenbilanz

Im Gegensatz zu großen Teilen der Amberg-Sulzbacher Bevölkerung ist die Deutsche Bahn bislang zufrieden mit der Kommunikation zur Stromtrasse. Man habe 1600 Teilnehmer über die Online-Infoveranstaltungen erreicht (Stand: 26. Juni). Insgesamt könne man über den digitalen Weg sogar mehr Fragen beantworten, als das bei einer herkömmlichen Veranstaltung möglich gewesen wäre, so Projektleiter Matthias Trykowski. Nach den Sommerferien, verspricht er, werde es wieder Vor-Ort-Gespräche geben, man wolle Bürgersprechstunden in verschiedenen Gemeinden anbieten. Wann diese stattfinden und ob die DB auch nach Amberg oder in den Landkreis Amberg-Sulzbach kommt, das steht indes noch nicht fest.

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