22.11.2019 - 10:17 Uhr
AmbergOberpfalz

Critical Mass in Amberg: "Fridays for future hat mich inspiriert"

Die erste Critical Mass fand 1991 in San Francisco statt. Daraus hat sich eine weltweite Bewegung entwickelt, die zum ersten Mal heuer im Juli auch Amberg erreicht hat. Im Interview erklären die Initiatoren ihre Motivation.

Die Initiatoren von Critical Mass: Gerlinde Koeder und Martin Frey
von Andrea Mußemann Kontakt Profil

Am nächsten Freitag, 29. November, geht’s in Amberg wieder rund. Am frühen Nachmittag will Fridays for future die Menschen für mehr Klimaschutz auf die Straße holen. Am Abend, ab 18 Uhr, treffen sich wieder all jene, die als Critical Mass ein Zeichen für umweltfreundliche Mobilität setzen wollen. Amberg bewegt sich. Gerlinde Koeder (56) und Martin Frey (41) berichten im Interview mit Oberpfalz-Medien davon, was sie antreibt.

Interview auf dem Fahrrad mit den Inititatoren von Critical Mass

ONETZ: Warum war es Ihnen wichtig, eine Critical Mass auch für Amberg auf die Beine zu stellen?

Gerlinde Koeder: Weil ich im Februar die Fridays for future entdeckt habe und bei den ersten Demonstrationen mitgegangen bin. Sie haben für mich die CO2-Verringerung und die Mobilität ins Bewusstsein gerückt. Da habe ich mir gedacht, eine Critical Mass würde doch auch nach Amberg passen.

ONETZ: Die erste Critical Mass war am 26. Juli 2019. 500 Teilnehmer waren dabei. War die Veranstaltung ein Erfolg?

Martin Frey: Es war super spannend. Wir hatten keine Ahnung, wie viele Leute zur ersten Critical Mass kommen würden. Tatsächlich war es ein einmaliges Erlebnis. Und das ist ein wichtiges Detail der Initiative. Wir treffen uns aber nicht nur, um gemeinsam Spaß beim Fahrradfahren zu haben, sondern wir nehmen auch den Platz ganz bewusst ein, den wir im Moment viel zu stark vom Auto belegt sehen. Wir wollen damit ein Zeichen setzen: Der Fahrradverkehr muss mit den entsprechenden Infrastrukturen besser unterstützt werden.

Die erste Critical Mass in Amberg

Amberg

ONETZ: Wie waren die Reaktionen aus dem Verkehrsumfeld während der Veranstaltung?

Martin Frey: Das war eine Überraschung für uns. Die Reaktionen waren insgesamt positiv. Natürlich gab es mal den ein oder anderen, der grimmig aus seinem Auto geguckt hat, aber insgesamt war Toleranz zu verspüren. Es gab Klatschen oder Daumen hoch. Auch Autofahrer sind eben manchmal Radfahrer.

ONETZ: Viele Amberger dachten, Critical Mass wäre eine einmalige Aktion, aber Sie ziehen das jetzt auch über den Winter durch?

Gerlinde Koeder: Ja, wir wollen auch in der dunklen und kühleren Jahreszeit weitermachen, jeden letzten Freitag im Monat um 18 Uhr. Das nächste Mal ist Ende November. Hinterher gibt's am Vilskiosk Lebkuchen. Wer das Auto ersetzen will, radelt auch, wenn es mal kälter ist oder wenn es regnet.

Beim zweiten Mal ist die Polizei dabei

Amberg

ONETZ: Gibt es bei der Aktion Regeln?

Gerlinde Koeder: Jeder, der mitradelt muss ein verkehrstüchtiges Fahrrad haben. Dazu gehört auch die Beleuchtung. Nachdem die Critical Mass von Anfang an so großen Anklang gefunden hat und da es keine Organisatoren gibt, flankiert uns die Polizei. Das war nicht geplant, aber wir haben das Angebot gerne angenommen.

ONETZ: Wenn man so prominent über den Altstadtring radelt, bekommt man da nicht Lust, aus jeder Straße eine Fahrradstraße zu machen?

Gerlinde Koeder: Das wäre natürlich wünschenswert. Die letzten Jahrzehnte haben allerdings Gewohnheiten entstehen lassen. Die Straße scheint dem Auto zu gehören. Jetzt muss man in dieser Übergangszeit zunächst mit Zeichen arbeiten, wie zum Beispiel das Anbringen einer Markierung "Fahrradstraße".

ONETZ: Mittlerweile gibt es ja solche Markierungen in Amberg. Es sind Punkte, die aus dem Radverkehrskonzept umgesetzt wurden. Ist das zeitgemäß?

Gerlinde Koeder: Das Konzept hat gute, grundlegende Ansätze und die gilt es umzusetzen. Gleichzeitig sind aber die Anforderungen etwas anders geworden. Es war sehr auf Freizeit und Hobby ausgelegt. Mit zunehmendem Alltagsverkehr, Leute die zur Arbeit, in die Schule fahren oder Besorgungen machen, müsste man das überarbeiten. Das Radverkehrskonzept bietet durchaus Potenzial, gleich generell an Barrierefreiheit zu denken und nicht nur an die Radler. Die Straße sollte allen gehören.

ONETZ: Gemeinsam mit Fridays for future ist in Amberg eine Bewegung entstanden, die die Menschen auf die Straße bringt. Hätten Sie das vor einem Jahr für möglich gehalten?

Martin Frey: Vermutlich eher nein. Wir sind super happy, dass weitere Unterstützung in der Gesellschaft, in den Medien und in der Politik gewonnen werden konnte und dass nicht nur geredet, sondern auch gehandelt wird.

ONETZ: Welchen Anteil hatte daran Critical Mass?

Gerlinde Koeder: Ich habe das Gefühl, dass durch die Aktion Ende Juli eine Dynamik im Rathaus und bei den Parteien reingekommen ist. Das freut mich sehr.

ONETZ: Es sollen ja mittlerweile diverse Stadträte ihre Räder neu entdeckt haben.

Gerlinde Koeder: Das ist ja super. Auch ich wurde vom Saulus zum Paulus. Ich bin früher auch nicht geradelt. Aber wenn ich mich mit Mitte 50 ändern kann, dann können das andere auch. Ich möchte alle motivieren. Wenn jeder nur ab und zu das Rad nimmt, oder weniger Plastik, kommen wir alle miteinander voran.

ONETZ: Warum sind Sie auf das Rad umgestiegen?

Gerlinde Koeder: Ich habe mein Leben umgestellt und gesagt: Mehr Bewegung und frische Luft wären nicht schlecht. Richtig Schub habe ich durch Fridays for future bekommen. Das hat mich angezündet und inspiriert, denn ich habe auch Kinder und mir früher weniger Gedanken um die Umwelt gemacht. Aber wir leben noch 30 Jahre auf dem Planeten und sollten doch umdenken. Es ist nie zu spät anzufangen. Jetzt wenn der Impuls da ist, muss man handeln, sonst verpufft es.

ONETZ: Sind Sie schon immer überzeugter Radler?

Martin Frey: Ich bin nicht der fanatische Nur-Radler. Wir haben drei Kinder. Natürlich brauchen wir auch unser Auto. Aber es muss ja auch nicht immer schwarz-weiß sein. Immer wenn wir es stehen lassen können, ist das doch super. Wir wohnen in Richtung Jahnstraße und sind konkret betroffen mit der Infrastruktur. Wenn wir mit unseren drei Kindern in die Stadt wollen, ist das lebensgefährlich. Das ist das, was mich antreibt: Wir müssen die Rahmenbedingungen ändern, damit Radfahren sicherer wird.

ONETZ: Ist beispielsweise das Abfräsen eines Streifens Kopfsteinpflaster wie zuletzt in in der Mühlgasse ein Schritt in die richtige Richtung?

Gerlinde Koeder: Ich habe es nochmal bewusst ausprobiert. Es ist schön und macht Sinn. Die Fugen sind nicht mehr so tief, es radelt sich ganz anders. Kopfsteinpflaster ist ja oft hügelig, glitschig. Jetzt ist es angeraut. Es fühlt sich gut an. Besonders gut finde ich, dass auch Übergänge gemacht werden, die auch für Rollatoren und Kinderwagen hilfreich sind. So kann Mobilitätsfluss stattfinden.

Radlweg in der Mühlgasse

Amberg

ONETZ: Sollen Autos in letzter Konsequenz komplett raus aus der Innenstadt?

Martin Frey: Erstrebenswert ist, weniger Autos in die Innenstadt zu bringen, um die Aufenthaltsqualität zu steigern. Die Ausweitung des ÖPNV ist neben dem Fahrradfahren ein großes Thema.

ONETZ: Wäre eine Art Shuttle-Bus durch die Fußgängerzone die Lösung?

Gerlinde Koeder: Wir setzen uns dafür ein, dass der ÖPNV ausgebaut wird. Viele Menschen könnten das in Anspruch nehmen: Manche können nicht laufen, sind alt und gebrechlich, haben müde Kinder dabei. Mit Shuttle-Bussen oder anderen Angeboten würde es sich besser regeln lassen. Mit einer guten Infrastruktur wird auch die Nachfrage mehr wachsen und das Angebot angenommen.

ONETZ: Ist die Fußgängerzone eine Art Paradebeispiel, wie ein Miteinander funktionieren kann?

Martin Frey: In der Fußgängerzone funktioniert es tatsächlich schon ganz gut. Sie ist frei für Radfahrer in Schrittgeschwindigkeit. Unser Anliegen wäre aber, generell die Altstadt oder Innenstadt stärker in Richtung Fußgängerzone auszubauen, damit auch andere Bereiche der Stadt an Aufenthaltsqualität gewinnen.

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