29.09.2020 - 16:48 Uhr
AmbergOberpfalz

Defizit des Klinikums St. Marien führt zu Diskussionen

Es ist fast ein kleiner Eklat am Montagabend im Stadtrat. Dieter Mußemann (CSU) will das jährliche Defizit für das Klinikum St. Marien nicht mehr kommentarlos hinnehmen. Er fordert vom Vorstand konkrete Vorschläge für Einsparungen.

Auch im Jahr 2019 schrieb das Klinikum St. Marien wieder rote Zahlen – strukturbedingt, wie Vorstand Manfred Wendl meint. Trotzdem fordert CSU-Stadtrat Dieter Mußemann jetzt Einsparungsvorschläge vom Klinikum.
von Andreas Ascherl Kontakt Profil

Es ist seit vielen Jahren ein festes Ritual im Stadtrat. Der amtierende Klinikumsvorstand - seit neun Jahren ist das Manfred Wendl - legt die Bilanz für das Vorjahr vor (in diesem Fall 2019). Er stellt ein paar Kennzahlen vor, nennt Schwerpunkte und Investitionen, um das Klinikum fit für die Zukunft zu machen. Und obwohl das städtische Krankenhaus seit einigen Jahren konsequent rote Zahlen schreibt, gibt es am Schluss aus allen Fraktionen und Parteien ein dickes Lob für die Arbeit der Mitarbeiter, das der Vorstand artig entgegen nimmt. So sollte es wohl auch am Montagabend laufen.

Manfred Wendl hatte einen umfangreichen Bericht ausgearbeitet, diesmal legte er den Schwerpunkt auf die Problematik der Krankenhausfinanzierung. Wohlgemerkt, es ging um das Jahr 2019, also noch vor Ausbruch der Corona-Pandemie. Warum schrieben in Bayern schon vor Corona mehr als die Hälfte aller bayerischen Krankenhäuser rote Zahlen? 2010, so Wendl, lagen noch 75 Prozent der Kliniken im Plus - darunter auch St. Marien. 2020, so die aktuellen Schätzungen, werden es - ohne die Auswirkungen von Corona - nur noch 18 Prozent sein. Rechnet man die finanziellen Folgen der Pandemie hinzu, wohl noch deutlich weniger.

Die Ursachen dafür sind laut Wendl in einer nicht ausreichenden Höhe der Fördermittel für Investitionen durch den Freistaat, aber auch in einer chronischen Unterfinanzierung der Betriebskosten zu suchen. Die wiederum sei bedingt durch die gesetzliche Beitragsstabilität bei den Krankenversicherungen, wonach die Ausgaben im Gesundheitswesen nicht stärker steigen dürfen, als die Grundlohnsumme. Eine gleichzeitig steigende Anzahl stationärer Patienten führe nun dazu, dass die Preise für die Leistungen der Kliniken damit unterdurchschnittlich nach oben gingen. "Die Kliniken haften also gemeinsam für die Steigerung der Patientenzahlen", sagte Wendl.

Zwar habe der Gesetzgeber inzwischen in einigen Bereichen reagiert, doch reiche das immer noch nicht aus, um die bayerischen Kliniken mehrheitlich zurück in die schwarzen Zahlen zu führen. Im Gegenteil: "2018 haben 54 Prozent der bayerischen Krankenhäuser ein Defizit ausgewiesen. Für 2020 wird der Anstieg auf über 60 Prozent erwartet und dies ohne die Coronakrise", sagte Wendl.

Corona selbst habe das Klinikum in diesem Jahr zusätzlich vor enorme Herausforderungen gestellt, machte der Klinikumsvorstand deutlich. "Durch die angeordneten Einschränkungen des Betriebs sind die Einnahmen im Jahr 2020 erheblich zurückgegangen", so Wendl. Dazu kämen deutliche Mehrausgaben - beispielsweise für Masken und Schutzanzüge - wegen Corona. Nun habe die Politik zwar versprochen, diese Defizite aufzufangen, zahle beispielsweise einen Zuschlag von 50 Euro für den "normalen" und 100 Euro für den Corona-Patienten.

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3,3 Millionen Euro Defizit 2019

In Summe seien dem Klinikum dadurch Mehreinnahmen von rund 400 000 Euro entstanden. "Die gesamten Mehrkosten schätzen wir auf zwei Millionen Euro." Aber zurück zum Jahr 2019. Hier verzeichnet das Klinikum St. Marien erstmals ein Defizit von rund 175.000 Euro beim operativen Betriebsergebnis, dazu kommen 3,12 Millionen Euro im investiven Bereich, also dort, wo das Klinikum Gebäude oder Medizintechnik selbst finanzieren muss, weil es keine oder zu wenig Zuschüsse gibt. Insgesamt also knapp 3,3 Millionen Euro, welche die Stadt Amberg als Träger des Klinikums übernehmen muss.

Der Stadtrat, so die anschließenden Bekenntnisse der Parteien, steht fest hinter "seinem" Klinikum, trägt das Defizit selbstverständlich mit und dankt den Mitarbeitern - vor allem auch wegen des übermenschlichen Einsatzes zu Corona-Zeiten. Was sich hoffentlich auch bei den tariflichen Gehaltsverhandlungen positiv niederschlage, wie Hannelore Zapf (Liste Amberg) ergänzte. Doch einer scherte am Ende doch noch aus: Dieter Mußemann (CSU). "Die Schmerzgrenze bei der Übernahme des Defizits durch die Stadt Amberg ist erreicht", sagte Mußemann.

Angesichts eines derzeit schwer belasteten städtischen Haushalts erwarte er nunmehr auch Lösungsvorschläge aus dem Klinikum, wie das Defizit gesenkt oder vermieden werden kann. "Wir können doch nicht bei der Substanz und der Qualität Abstriche machen", warnte Klaus Mrasek (ÖDP) vor solchen Aktionen. "Wir müssen vielmehr dort Druck aufbauen, wo er hingehört." In Berlin und München nämlich. Der Oberbürgermeister versprach das, schränkte aber ein: "Mir gehen aber schon manchmal die Argumente aus bei Doppelstrukturen in zehn Kilometern Entfernung", setzte er einen "dezenten" Seitenhieb in Richtung Landkreis.

Die Folgen für Corona für das Klinikum

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Das Klinikum St. Marien in Zahlen 2019:
  • 27815 Stationäre Patienten:
    Nach einem steten Anstieg der stationären Patienten des Klinikums St. Marien bis 2016 stagniert ihre Zahl seither. 2019 gab es einen leichten Anstieg von 27 643 (2018) auf 27 815 zu verzeichnen.
  • Weniger Case-Mix-Punkte:
    Gegenüber 2018 hat das Klinikum 2019 rund 500 Case-Mix-Punkte weniger erreicht. Diese Einheit errechnet sich aus der Schwere der behandelten Fälle. Die ist gesunken – zum Glück für die Patienten, zum Nachteil des Klinikums, das rund 1,5 Millionen Euro weniger bekommt.
  • 1515 Kinder geboren:
    2017 waren es schon mal 1555 Geburten im Klinikum gewesen, im Jahr darauf ging ihre Anzahl auf 1484 zurück. 2019 erblickten in St. Marien wieder 1515 Mädchen und Buben das Licht der Welt. Ein Ausweis für die Qualität der Amberger Frauenklinik, wie Manfred Wendl meint.
  • Immer mehr Ambulante:
    Seit vielen Jahren steigt der Anteil der ambulanten Patienten im Klinikum. 2019 noch einmal um rund 2500 Behandlungsfälle auf 45 047. Ein Trend, der sich wohl fortsetzen wird.
  • Gesundheitszentrum legt zu:
    Auch im Gesundheitszentrum des Klinikums kletterte 2019 die Anzahl der Patienten nach oben. Mit 18 250 Behandelten gab es hier einen neuen Höchststand zu verzeichnen. Für 2020 rechnet man allerdings mit einem Rückgang.
  • Verweildauer sinkt weiter
    Im Jahr 2013 verbrachte ein stationärer Kranker noch durchschnittlich 6,87 Tage im Klinikum. 2019 waren es nur noch 5,53 Tage, nachdem der Wert 2018 bereits bei 5,59 Tagen gelegen hatte. Tendenz nicht abzuschätzen.
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