05.06.2020 - 09:11 Uhr
AmbergOberpfalz

Flugzeugabsturz vor 50 Jahren: Drei Todesopfer bei Rammertshof

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Der "Fieseler Storch" drehte Richtung Landebahn ein, plötzlich verschwand er hinter einer Baumgruppe. Rauch stieg auf. Vor 50 Jahren forderte ein Flugzeugabsturz in Rammertshof bei Amberg drei Todesopfer.

So sieht ein Fieseler Storch aus: Dieses Flugzeug mit dem Kennzeichen D-IKVN war die Vorführmaschine des Unternehmens. Entwickelt und gebaut bei dem Fieseler Flugzeugbau Kassel.
von Uli Piehler Kontakt Profil

Was für ein schöner Sommer-Samstag hätte das in Amberg werden können! Ein weiß-blauer Himmel spannte sich am 6. Juni 1970 über die Stadt, mittags war es 26 Grad warm, es wehte kaum ein Wind - ganz anders als eine Woche zuvor. Am vorangegangenen Wochenende sollte eigentlich ein Fest am Segelflugplatz Rammertshof gefeiert werden, das dritte seit der Eröffnung des neuen Hangars. Es musste wegen Regens abgesagt werden. Viele Amberger wären gerne rausgefahren und hätten dem Flugbetrieb zugesehen. Wie die Piloten auf die Landebahn einkreisen und ihre fliegenden Kisten auf der planierten Wiese aufsetzen. Und sie hätten die Maschinen aus nächster Nähe bestaunt: Die Fliegergruppe aus Neumarkt hatte ihre Kommen zugesagt, die legendäre "Fi 156 Storch", besser bekannt als "Fieseler Storch" hätte den Ambergern einen Besuch abgestattet. Aber das Fest fiel ins Wasser. Deswegen herrschte Enttäuschung bei all jenen, die sich auf das Luftsport-Spektakel gefreut hatten.

So war das Segelfliegerfest 2019

Amberg

Immerhin gab es Ersatz: Der "Fieseler Storch" aus Neumarkt sollte eine Woche später ohne großes Aufhebens zum regulären Flugbetrieb erneut nach Amberg kommen. Die Maschine, die im Zuge der Aufrüstung Nazi-Deutschlands entwickelt und gebaut wurde und im Zweiten Weltkrieg eine wichtige Stütze der Luftwaffe war, sollte am Samstagnachmittag die Segelflieger der Amberger Luftsportgruppe nach oben schleppen. Und bei der Gelegenheit konnten zumindest ein paar der in der Vorwoche ausgefallenen Rundflüge nachgeholt werden. Der Storch bot dem Piloten und zwei Begleitern Platz.

Um 14.18 Uhr startete der Pilot laut Startliste der Luftsportgruppe zum ersten Schlepp. Am Steuerknüppel saß einer, der das 1943 gebaute Flugzeug in- und auswendig kannte: Ein 46-jähriger Fluglehrer aus dem Landkreis Neumarkt, der laut Bericht der Amberger Zeitung von bereits im Zweiten Weltkrieg einen Fieseler Storch geflogen hatte. "Wenn einer diese Maschine beherrschte und bis ins Kleinste kannte, dann er", sagte sein Freund, der Zweite Bürgermeister von Neumarkt, damals.

Der Pilot kannte das Flugzeug scheinbar so gut, dass er zwischen den Schleppflügen noch eine kleine Reparatur vornahm. Für diese sollten sich später die Ermittler des Luftfahrtbundesamtes noch genauer interessieren. Zunächst jedoch lief alles reibungsfrei. Der Fieseler Storch absolvierte Schleppflug um Schleppflug und nahm auch immer wieder Passagiere für seine rund zehn Minuten dauernde Runde über Amberg mit. Für den elften Start hatte sich ein Ehepaar aus der Stadt angemeldet, er 37 Jahre alt, sie 42. Der Mann habe sich den Flug unbedingt gewünscht, berichtete die AZ. Seine Frau habe gezögert, sich ein bisschen ängstlich gezeigt und sich von ihrem motorsportbegeisterten Gatten dann doch zum Mitfliegen überreden lassen.

Der Segelflugplatz Rammertshof bei Amberg. In der Bildmitte ist die Start- und Landebahn zu sehen, rechts die Betriebsgebäude der Luftsportgruppe. Links unten die Ortschaft Lengenloh, rechts oben Fuchsstein.

Punkt 17 Uhr hob der Fieseler Storch ab, im Schlepptau einen Segelflieger, klinkte aus und drehte ab. "Das lief alles so routinemäßig, dass kein Mensch diesem Flug auch nur besondere Aufmerksamkeit schenkte, geschweige denn nun jedes einzelne Flugmanöver genau verfolgte", schrieb die AZ. Deswegen suchte die Polizei auch dringend nach Zeugen. Die Flugleitung und die anderen Besucher des Segelflugplatzes konnten jedenfalls keine genauen Hinweise auf die Geschehnisse geben, die sich um 17.10 Uhr zutrugen.

Der Storch schwebte zur Landung ein und drehte von der Flugleitung aus gesehen eine relativ steile Linkskurve. Plötzlich verschwand er hinter einer Baumgruppe. Rauch stieg auf. Drei Männer rannten sofort los und sahen Sekunden später das ganze Ausmaß der Katastrophe: Die Maschine hatte sich mit der Schnauze in die Erde gebohrt, der Propeller war zersplittert, die rechte Tragfläche abgebrochen, Flammen züngelten bereits aus dem Motor. Die Ersthelfer zogen die Frau aus dem Wrack, sie war bereits tot, und dann ihren schwer verletzten Ehemann. Der Pilot war eingeklemmt, Rettung unmöglich. Der Mann verbrannte im Cockpit. Der schwer verletzte Fluggast starb später im Krankenhaus.

Die Staatsanwaltschaft ließ das Flugzeug-Wrack vorläufig sicherstellen, in der Nacht auf Sonntag traf ein Sachverständiger des Bundesluftfahrtamtes aus München ein. Die Ursachenforschung erwies sich als schwierig, nur ein einziger Hinweis schien sich zu bieten: Die AZ schrieb: "Ein Passagier des zehnten Fluges hatte auf auffallend starken Benzingeruch verwiesen - und mann erinnerte sich nun auch, dass der Pilot vier Beilagscheiben verlangt hatte, vermutlich um den Einfüllstutzen des rechten Flächentanks abzudichten."

So berichtete die Amberger Zeitung in ihrer Ausgabe von Montag, 8. Juni 1970, über den Flugzeugabsturz bei Rammertshof.

Bildergalerie vom Segelflugplatz Rammertshof

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Im Blickpunkt:

Fieseler Storch

Fieseler Storch - für Freunde historischer Flugzeuge ist das ein klingender Name. Benannt wurde die Maschine nach seinem Hersteller. Die "Fi 156 Storch" wurde in den 1930er-Jahren in den Gerhard-Fieseler-Werken in Kassel entwickelt und gebaut. Storch wurde das Flugzeug wegen seines hochbeinigen Fahrgestells genannt. Es war das Standard-Kurier- und Verbindungsflugzeug der deutschen Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg.

Aufgabe der Konstrukteure war es gewesen, ein Flugzeug zu bauen, das auf kürzesten Strecken starten und landen kann. Das führte dazu, dass der Fieseler Storch über eine extrem niedrige Mindestfluggeschwindigkeit von unter 50 Kilometer pro Stunde verfügte. Somit verringerten sich auch die Anforderungen an Start- und Landestrecken. Zum Start reichten dem Storch bei Gegenwind 50 Meter, zum Landen 20 Meter. Das Flugzeug flog auch langsam genug, um Fernmeldekabel verlegen zu können. Bei entsprechendem Gegenwind konnte der Storch auch „in der Luft stehen“ (Geschwindigkeit über Grund null) oder sich rückwärts bewegen.

Das Cockpit eines Fieseler Storchs. Das Bild stammt aus dem Flugsimulator im Kassel Airport (2019).

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