14.05.2020 - 10:56 Uhr
AmbergOberpfalz

Folgen der Corona-Pandemie: Das stumme Leid der Schwächsten

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Das Coronavirus greift nach Arm und Reich, Jung und Alt. Die Auswirkungen der Pandemie treffen jeden – ausnahmslos. Vor allem auch Personen, deren Nöte in der Öffentlichkeit nicht allzu sichtbar sind. Eine Spurenlese.

Gerade die Schwächsten trifft es in der Corona-Pandemie besonders hart. Doch ihr Leid hört kaum jemand. Denn die Verantwortlichen der Deutsche-Fußballliga oder der Autoindustrie schreien lauter.
von Theresia KasparProfil

Den Elektriker aus Kümmersbruck trifft es genauso wie den Weltkonzern aus Singapur. Die Großfamilie auf dem Ammerthaler Bauernhof genauso wie den Single in einer New Yorker WG. Jedoch leiden einige Menschen in unserer Gesellschaft ganz besonders. Vor allem ganz besonders still.

Es sind diejenigen, die sich nur schwer Gehör verschaffen können. Geringverdiener, Frauen in gewalttätigen Partnerschaften, körperlich oder geistig beeinträchtigte Menschen. Sie werden häufig von sozialen Einrichtungen unterstützt, die nun geschlossen sind und manchmal selbst um ihre Finanzierung bangen müssen.

Hilfesystem läuft weiter - trotz Einschränkungen

Andrea Graf ist Geschäftsführerin einer solchen Einrichtung. Der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) engagiert sich in der Kinder- und Jugendhilfe und kümmert sich um Frauen in Not. Die Hausaufgabenbetreuung von sozial schwachen Kindern beispielsweise liegt derzeit brach. Zwar versuchen die Ehrenamtlichen, den Kontakt zu ihren Schützlingen aufrechtzuhalten, allerdings gestaltet sich das, aufgrund technischer Hürden, als nicht ganz so einfach. In der momentanen Situation ist das besonders nachteilig, weil vor allem die Eltern der Familien mit Migrationshintergrund wegen der Sprachbarriere gar nicht unterstützen können.

In Supermärkten hängen Plakate wie diese: "Zuhause nicht sicher?" ist eine Kampagne des Bundesministeriums für Frauen und Familien.

„Selbst wenn es mit der Technik funktioniert, ist das nur ein oberflächlicher Ersatz. Wirklich neben einem Schüler zu sitzen und ihm die Hand auf die Schulter zu legen, kann eine Onlinestunde nicht ersetzen“, sagt Graf. Auch die Finanzen bereiten ihr Kopfzerbrechen. Nicht die öffentlichen Zuschüsse – diese sind gesetzlich gesichert. Jedoch der Eigenanteil von ungefähr zehn Prozent, der selbst erwirtschaftet werden muss.

Die regelmäßigen Einnahmen aus beispielsweise dem Amberger Entenrennen, Kuchenverkäufen auf Festen oder des eigenen Kleiderladens sind komplett weggebrochen. „Das reißt ein unvorhergesehenes Loch in die Kasse. Wir haben zwar Rücklagen. Sie sind aber für den Bau von Frauenschutzwohnungen gedacht“, erklärt Graf. Der Bauantrag wurde bereits vor einiger Zeit eingereicht.

Die Sozialpädagogin Julia Möbus, die für den Frauennotruf des Vereins zuständig ist, weist ausdrücklich darauf hin, dass die Hilfsangebote – wenn auch anders als gewohnt – immer da sind. Die Anruferzahlen auf ihrer Rund-um-die-Uhr besetzten Hotline seien gleichgeblieben. Dass sich die Bundespolitik allerdings Sorgen um eine steigende Dunkelziffer macht, zeigt eine kürzlich von Bundesfamilienministerin Franziska Giffey gestartete Initiative gegen häusliche Gewalt.

Situation im Raum Amberg ist stabil

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In rund 26.000 deutschen Supermärkten wird unter anderem auf Plakaten über die Aktion „Zuhause nicht sicher?“ informiert. „Tatsächlich hat sich gleich am ersten Tag der Initiative eine Frau gemeldet, die auf der Rückseite ihres Kassenzettels von dem Hilfsangebot gelesen hat“, sagt Julia Möbus.

Erdrückende Langeweile

Eine weitere Gruppe, welcher der fehlende Alltag in ihren gewohnten Strukturen besonders zusetzt, sind die Mitarbeiter der Jura-Werkstätten Amberg-Sulzbach. Erst seit ein paar Tagen ist es einigen wenigen der etwa 460 Beschäftigten mit geistiger Behinderung oder psychischer Erkrankung wieder möglich, zur Arbeit zu gehen.

Tobias Müller vom Jura-Grün-Team in Sulzbach-Rosenberg, das im Garten- und Landschaftsbau tätig ist, war fünf Wochen zu Hause. Mit einem seligen Lächeln berichtet er vom langersehnten Anruf seines Chefs, dass er endlich wieder kommen dürfe. „Länger hätte ich es vor Langeweile daheim nicht ausgehalten. Das wäre sonst im Chaos geendet. Mein Vater war deshalb ganz froh, dass ich wieder in die Arbeit kann. Der Tag vergeht hier viel schneller“, reflektiert der 27-Jährige seinen Zwangsurlaub.

Marco Steckmest (links) und Tobias Müller sind glücklich, wieder arbeiten zu können.

Besonders gefehlt hätten ihm auch seine Kollegen. Einer davon ist Marco Steckmest, der das ganz ähnlich empfunden hat. „Eigentlich habe ich alles vermisst. Seit zehn Jahren fühle ich mich hier sehr wohl. Ich bin stolz, dass ich von meinen Chefs viel Verantwortung bekomme“, strahlt der 30-Jährige, der allein lebt. Er hat auch kein Problem damit, jeden Tag sehr früh aufzustehen und er ist froh, wieder einen geregelten Tagesablauf zu haben.

Die größte Motivation für Müller und Steckmest sind der Zuspruch der Gruppenleiter und die sinnvolle Tätigkeit. Das bestätigt der Jura-Geschäftsführer Bernhard Albrecht. Er macht sich besonders Sorgen um diejenigen, die sozial isoliert leben. Häufig sind die Werkstätten der einzige Bezug zu anderen Leuten. Vor allem bei psychisch kranken Mitarbeitern hat er die Befürchtung, dass sie destabilisiert zurückkommen und sich an die Abläufe und Strukturen neu gewöhnen müssen. Einfache soziale Verhaltensweisen, beispielsweise der freundliche Umgang mit Kollegen oder Essensetikette, müssen erneut mühsam beigebracht werden.

„Unsere Stätte ist für etliche ein zweiter Lebensraum. Darauf sind die meisten sehr stolz, da viele nicht am normalen, öffentlichen Leben teilhaben können“, erläutert Albrecht. Wenn dieses soziale Umfeld fehle, könne das manch einer schwer verarbeiten.

Feste Tagesstruktur hilft

Ein Vorteil von stationären Einrichtungen ist, dass die Bewohner voll verpflegt sind. In der sozialtherapeutischen Wohnstätte für Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen des Deutschen Ordens, Haus Königstein, fällt somit die Sorge um die Beschaffung von Gütern des täglichen Bedarfs weg. Heimleiterin Doris Rhea hatte anfangs große Bedenken, wie die 32 Bewohner die Ausnahmesituation bewältigen. Die psychisch labilen Menschen kamen allerdings mit der Ausgangssperre sowie dem Besuchsstopp gut klar. Dies führt Rhea darauf zurück, dass die zwischenmenschlichen Kontakte – wenn auch mit Abstand – weiterhin vorhanden sind. Niemand müsse allein sein und Ablenkungsmöglichkeiten gebe es genügend.

Einrichtungen als unverzichtbare Stütze für Gesellschaft

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Die psychischen Belastungen würden sich lediglich in erhöhtem Gesprächsbedarf oder im vermehrtem Rauchen bemerkbar machen. Die geordneten Tagesstrukturen mit Sportgruppen oder Therapiesitzungen sind beibehalten worden. Doris Rhea ist überzeugt, dass dies ebenfalls ein Grund dafür sei, dass es keinen Therapieabbruch gab. Für die organisatorischen Änderungen, um Hygienevorschriften im Haus einhalten zu können, habe jeder Verständnis.

Dennoch wünscht sie sich, dass die Normalität wieder so schnell wie möglich einkehrt. Dies sei ihrer Meinung nach das beste Rezept, damit die momentan besonderen Umstände doch keinen negativen Einfluss auf die Therapieerfolge bekämen. „Ich klopfe auf Holz. Im Allgemeinen bewältigen die suchtkranken Bewohner die Situation recht gut“, erzählt die Heimleiterin.

Um die Finanzierung ihrer sozialen Einrichtung ist Doris Rhea nicht besorgt. Kostenträger ist in ihrem Fall der Bezirk Oberpfalz. Die meisten gemeinnützigen Institutionen werden durch öffentliche Zuschüsse finanziert.

Staat springt finanziell ein

Die wirtschaftliche Lage Ambergs war bis vor wenigen Monaten besser als je zuvor. Mit einem Vermögenshaushalt von 42 Millionen Euro und einem mustergültig niedrigen Schuldenstand verfügte die Stadt noch nie über so viel Investitionsbudget. Das ändert sich nun schlagartig. Die Kämmerer dürften sich angesichts des zu erwartenden Steuereinnahmen-Einbruchs die Haare raufen.

Hohe Investitionssummen im Amberger Haushalt für 2020

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Martin Reinhard, Leiter des Amtes für soziale Angelegenheiten der Stadt Amberg, kann noch keine Einschätzung abgeben. „Wir fahren auf Sicht, was die finanzielle Begleitung der sozialen Einrichtungen betrifft“, erklärt er und verweist gleichzeitig auf das vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales geschnürte Sozialschutzpaket.

Mehr zum Sozialschutz-Paket

Dieses ist aufgrund der Befürchtung, dass viele gemeinnützige Institutionen bedingt durch die Coronakrise für immer schließen müssen, Ende März beschlossen worden. Es sichert finanzielle Einbußen ab.

Auch viele Einrichtungen in Reinhards Bezirk werden von jenem „Sozialdienstleister-Einsatzgesetz“ profitieren können. „Ich bin guter Dinge, dass wir das meistern. Mit dem vom Bund geschaffenen Instrumentarium können wir sicherlich etwas anfangen“, sagt Reinhard.

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Ekelhafte Folgen der Ausnahmesituation

Das Krisenmanagement der Regierung läuft auf Hochtouren. Was monetäre Hilfeleistungen betrifft, sind die Schwächsten in der Gesellschaft verhältnismäßig gut abgesichert. Wie sieht es mit den sozialen Folgen aus?

Eine Einschätzung darüber, gibt der Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie Volker Busch. Er forscht an der Regensburger Universität zu psychophysiologischen Zusammenhängen von Stress, Schmerz und Emotionen. Er nennt fünf Faktoren, unter denen die Menschen in der aktuellen Ausnahmesituation vorwiegend leiden:

  • Verlust sozialer Kontakte
  • Allgemeine Unsicherheit über die nähere Zukunft
  • Beziehungskonflikte (beispielsweise Ehestreit)
  • Verlust an Routinen und Gewohnheiten
  • Langeweile / fehlende sinnvolle Aufgabe

Die Auswirkungen haben ganz verschiedene Gesichter. Auf der einen Seite äußern sie sich in körperlichen Symptomen, wie etwa Schlafstörungen oder Kopfschmerzen. Auf der anderen Seite kann es zu höherer Aggressivität führen. Dies zeigt sich dann in unsozialem Verhalten, welches häufig auf Facebook beobachtet werden kann. Beschimpfungen oder eine völlige Verweigerungshaltung gegenüber der Politik, sind Beispiele dafür. Laut einer chinesischen Studie zu vergangenen Quarantänen ist ein weiteres Resultat die Stigmatisierung von bestimmten Gruppen.

Privatdozent Dr. med. habil. Facharzt Volker Busch therapiert an der Uniklinik Regensburg Patienten, die besonders unter den psychischen Folgen der Coronapandemie leiden.

"Das ist eine ganz ekelhafte Folge. Nicht nur Politiker werden geächtet. Sondern Leute, die im Gesundheitssystem arbeiten weil diese die Viren ja möglicherweise verbreiten könnten. Das ergibt dann ein sehr dankbares Feindbild", erklärt Busch. Er hat genau deswegen in seiner Stressambulanz bereits eine Patientin behandelt. Die Krankenschwester wurde von ihrem Vermieter massiv gemobbt, weil er wohl die Befürchtung hatte, sie könnte die Krankheit von der Intensivstation mitbringen.

Alter macht resilient

Interessanterweise seien Senioren im Allgemeinen nicht ganz so anfällig für die psychischen Folgen der öffentlichen Einschränkungen. Untersuchungen belegen, dass im Alter die Lebenszufriedenheit steigt. Diese wiederum führt zu einer größeren Gelassenheit im Umgang mit Stresssituationen.

Das hat verschiedene Ursachen. Eine davon: individuelle Erfahrungen aus der Vergangenheit. Wer den Mangel nach dem Kriegsende miterlebt hat, kann die derzeitige Situation nicht so leicht erschüttern. Ältere Menschen leiden zwar sehr wohl am Verlust von Kontakten. Dennoch ist der gefühlte Kummer bei Jüngeren größer.

Das liegt daran, dass diese zusätzlich die Möglichkeit, die Welt zu gestalten, verlieren. Denn der Wirkradius von betagten Menschen ist in der Regel kleiner. Eine Rundreise durch Thailand oder ein Studium weit entfernt der Heimat kommt für Senioren eher selten infrage.

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„Bei älteren Menschen ist das Allerwichtigste, die sozialen Kontakte im Blick zu haben. Wenn diese ausreichend hergestellt sind, können sie es gut wegstecken“, erklärt der Neurowissenschaftler und ergänzt: „In England wurde kürzlich festgestellt, dass die Nutzung von Skype einen ähnlich positiven Effekt hat wie eine echte Umarmung. Die Verbundenheit durch elektronische, soziale Netzwerke sollte nicht kleingeredet werden.“

Freiheit ist ein Grundbedürfnis und kein Luxus

Die Erfahrung zeigt, dass nach ungefähr zwei Wochen mit Beschränkungen der Unmut in der Bevölkerung steigt. So nimmt nach diesem Zeitraum das Aufkommen von Verschwörungstheorien und Misstrauen gegenüber der Regierung exponentiell zu. Busch erwähnt zwei wichtige Maßnahmen, um zu verhindern, dass unsere Gesellschaft asozialer wird. Das eine ist die Einschränkungen so kurz wie möglich beizubehalten. Je länger diese andauern, umso schwieriger wird es, die Massen zu beruhigen. „Es darf nie vergessen werden, dass Freiheit kein Luxus, sondern ein menschliches Grundbedürfnis ist.“

Die andere Maßnahme ist, dass die Politik so viele verlässliche Informationen wie möglich verbreitet. Umso länger die Quarantäne andauere, umso wichtiger würden zeitliche Horizonte. Ein klarer Fahrplan, wann was passieren wird, gibt der Bevölkerung Sicherheit, erklärt der Experte.

Homepage von Volker Busch

„Widerstandsfähigkeit hat weniger mit bestimmten Charaktereigenschaften zu tun. Es kommt mehr darauf an, wie sich jemand verhält“, schlussfolgert Busch aus der Arbeit in der psychosozialen Stressforschung.

Die sinnvollste Methode, um gut durch diese Ausnahmesituation zu kommen, sei, sich eine sinnvolle Aufgabe zu suchen. Außerdem wäre es hilfreich, sich an Positives zu erinnern und sich gleichzeitig auf schöne Dinge zu freuen. „Dabei auch dankbar zu sein, für das, was wir trotz allem haben. Wir sitzen ja nicht im Gefängnis, sondern können spazieren gehen, fernsehschauen, Zeit mit unseren Kindern verbringen und alles, was wir benötigen, um die Ecke einkaufen“, resümiert Busch.

Fehlt die Lobby - fehlt die Aufmerksamkeit

Die Schwächsten unter uns, welche Hilfe im Alltag benötigen, dürfe man dabei nicht vergessen. Jene, die sowieso in unserer Gemeinschaft benachteiligt sind, hätten keine Lobby. „Das, von dem man am meisten liest oder hört, erscheint einem am dringlichsten. Die Autoindustrie und die Fußball-Bundesliga schreien sehr laut. Die Schwachen leiden still. Deren Probleme erscheinen der Öffentlichkeit daher weniger wichtig.“

Busch spricht hier von der sogenannten Verfügbarkeitsheuristik. Leute, die einmal in der Woche zur Tafel oder in eine Gruppentherapiesitzung gehen, verfügen über keine Marketingmaschinerie. „Jedoch sind deren Probleme für unser gesundes Zusammenleben genauso dringlich wie die einer Fluggesellschaft.“

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