13.06.2021 - 20:01 Uhr
AmbergOberpfalz

Die grauen Wanderer: Online-Expertenrunde zum Thema Wolf

Die Wölfe im Veldensteiner Forst stehen im Fokus. Es existieren bei der Bevölkerung viele Fragen oder auch Ängste. Eine Online-Expertenrunde wollte so manches Vorurteil zurechtrücken.

Ein Jährling aus dem Veldensteiner Wolfsrudel 2020. Diese Aufnahme einer Fotofalle wurde Oberpfalz-Medien von Sebastian Bäumler, Revierleiter des Forstbetriebs Pegnitz der Bayerischen Staatsforsten, zur Verfügung gestellt.
von Heidi FranitzaProfil

Max Kohler wohnt am Rand des Veldensteiner Forsts. Mit dem Thema Wolf wird er täglich konfrontiert. Die Diskussionen seit der Rückkehr der Wölfe werden sehr emotional und konträr geführt. Nach einer im April erhobenen repräsentativen Forsa-Umfrage meinen 74 Prozent der Befragten, dass Wölfe, wie andere Wildtierarten auch, in unsere Landschaft gehören. Selbst dann, wenn es zu Problemen kommt. Nur 15 Prozent halten den Wolf für eine Bedrohung.

Das alles war in einer Online-Expertenrunde zu hören, bei der Oberpfalz-Medien sich dazuschaltete. Trotz der breiten Zustimmung stellt der Wolf für viele Nutztierhalter eine reale Herausforderung dar, die nur durch funktionierenden Herdenschutz bezwungen werden kann. Kohlers Absicht für dieses Online-Meeting war der Wunsch, mit Experten einen Beitrag zur Konfliktlösung zu leisten, hieß es. Als Moderator der Online-Veranstaltung hatte er Dr. Walter Joswig vom Bayerischen Landesamt für Umwelt (LfU) gewonnen.

Struktur einer Wolfsfamilie

Der Biologe und Tierfilmer Sebastian Körner macht Naturschutz mit der Kamera. In einer eindrucksvollen Dokumentation zeigte er eine Wolfsfamilie und erklärte deren soziale Strukturen, das Jagd- und das Revierverhalten. Körner ging auch auf die Situation auf dem Truppenübungsplatz Munster ein, wo ein Wolf 2014/15 wohl durch Anfütterung für Probleme gesorgt hatte. Wie Körner im Veldensteiner Forst feststellen musste, seien dort die Wölfe sehr nachtaktiv. Sie gehen so den Menschen aus dem Weg, die den Forst tagsüber für Freizeitaktivitäten nutzen. Das Problem, dass Wölfe gerne Huftierfleisch essen, verschwieg Körner nicht.

Sebastian Bäumler ist Revierleiter im Veldensteiner Forst. Er erklärte die Situation dort seit 2017, als es durch Rissfunde erste Hinweise auf einen Wolf gab. Im Januar 2018 konnte ein zweites Tier nachgewiesen werden. Im Sommer 2018 gab es bereits Nachwuchs, ebenso im Jahr 2019. Im Monitoring-Jahr 2019/20 waren nachweislich mindestens elf Tiere im Veldensteiner Forst unterwegs. Im August 2020 konnten mindestens vier Welpen anhand einer Fotofalle nachgewiesen werden. Mit Genanalysen wurden Abwanderungen genau verfolgt.

Verklärter Blick auf den Wald

Eckard Fuhr ist Journalist und Buchautor, Jäger und Vorsitzender des ökologischen Jagdvereins Brandenburg. Die Gründe für die Rückkehr des Wolfes sieht er in der extensiven Land- und Forstwirtschaft. „Der häufigste Einwand gegen den Wolf ist der Satz: Der Wolf passt nicht mehr in unsere Zeit. Und tatsächlich hat sich unser Kulturraum seit dem Verschwinden der Wölfe verändert. Aber zugunsten der Wölfe. Es sind die naturräumlichen Bedingungen, die durch die intensive Naturnutzung für den Wolf als Profiteur für ein großes Angebot wildlebender Beutetiere sorgen. Die überhöhten Schalenwildbestände sind jedoch kein Zeichen dafür, dass die Natur noch in Ordnung ist.“

Der Wolf und die Jäger

Sulzbach-Rosenberg

Als weiteren Grund für die Rückkehr des Wolfes führte Fuhr eine Verschiebung in der Wahrnehmung und Meinung der Bevölkerung auf. Der verklärte Blick auf den Wald habe zwar für wirkungsvolle Artenschutzgesetze gesorgt, gleichzeitig aber zu Diskussionen außerhalb jeder wissenschaftlichen Wahrnehmung geführt. Fuhr: "Für die Wölfe gilt nur ein Slogan: Kommt nach Deutschland. Nirgends geht es euch besser."

In Richtung der Jäger sagte Fuhr: „Jäger sagen, die Wölfe fressen unsere Reviere leer. Statistiken ergeben jedoch keinen Hinweis, dass die Wölfe das Wald-Wild-Problem lösen, wie von manchen Waldbesitzern insgeheim gehofft. Das einzige Problem könnte eine Wolf-Hund-Begegnung bei der Jagd sein.“ Fuhr warnte davor, sich ein romantisches Bild vom Wald anzueignen, und gab am Ende seines Beitrags das Statement ab: „Ein Wolf, der Herdenschutzmaßnahmen überwindet, muss abgeschossen werden.“

Das Thema Herdenschutz eröffnete Sebastian Körner mit einem Filmbeitrag. Auch er sagte deutlich, dass Wölfe, die den Herdenschutz überwinden, aus dem Bestand genommen werden müssen.

Christiane Geiger ist Schäferin in einem Biolandbetrieb in Adelsberg im Spessart mit rund 800 Mutterschafen. Sie hält eine Kombination von Schäfer, Elektrozaun und Herdenschutzhunden für den wirksamsten Herdenschutz und berichtete dazu über ihre Erfahrungen mit Pyrenäen-Berghunden.

Thema Herdenschutz

Das Stichwort Herdenschutzmaßnahmen war auch das Topthema von Agrarbiologin Stefanie Morbach, die sich intensiv dem Projekt Life-Stock-Protect widmet. Morbach wies darauf hin, wie wichtig eine gute Auszäunung für die Weidetiere sei. "Das erfordert auch die Überlegung, wie zäune ich Gefahren von außen aus." Förderungen könnten bei Investitionen die finanziellen Belastungen mildern. Morbach berichtete über Life-Stock-Protect, ein länderübergreifendes Projekt für Herdenschutz in Österreich, Bayern und Südtirol.

Willi Reinbold, der Wolfsbeauftragte des LBV für Bayern, appellierte an die Behörden: „Aus der Sicht des LBV müssen die Weidetiere geschützt werden, und dazu ist aktive Hilfe vonseiten der Behörden nötig. Die Weidetierhalter müssen von den Behörden über mögliche Maßnahmen und Förderungen informiert werden.“ Zudem forderte Reinbold, dass die Herdenschutz-Hundehaltung bayernweit einheitlich geregelt werden müsse und die Schutzhunde nicht als Kampfhunde gelten sollen.

Der Wolf in Hohenfels

Hohenfels

Mehr über Wölfe

Amberg

Am Ende seines Vortrags äußerte sich Reinbold zu einer interessanten Frage: Darf man in bekannten Wolfsgebieten überhaupt noch draußen schlafen? Reinbolds Antwort: „Wir Menschen sind keine Nahrung für den Wolf. Der Wolf wird den Mensch meiden. Aus meiner Sicht ist eine Nächtigung im Zelt oder unter einem Tarp kein Problem. Das gilt übrigens auch für den Betrieb von Waldkindergärten.“

Michael Rupprecht von der Initiative zum Schutz der Artenvielfalt beendete das Online-Treffen mit rund 130 Teilnehmern mit dem Worten: „Ohne Einsicht in die Zusammenhänge kann man Natur nicht verstehen.“ Damit machte er deutlich, dass es nur Lösungen geben werde, wenn Befürworter und Gegner aufeinander zugehen.

Hintergrund:

Das Wolfsrudel im Veldensteiner Forst

  • Ausgangspunkt
    Im Winter 2018 fanden in dem 6000 Hektar großen Waldgebiet im Grenzbereich der Landkreise Amberg-Sulzbach, Nürnberger Land und Bayreuth ein weiblicher und ein männlicher Wolf zusammen.
  • Herkunft
    Das Weibchen stammt aus einem brandenburgischen Elternrudel. Im Staatsforstbetrieb Pegnitz gab man ihr wegen einer Laufverletzung den Spitznamen "Hinkebein". Der Rüde stammt aus der zentraleuropäischen Tieflandpopulation und war im Februar 2017 bereits auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr nachgewiesen worden, von Juli 2017 bis Januar 2018 auf dem Truppenübungsplatz Hohenfels. Seine dunkle Färbung brachte ihm den Namen "Zorro" ein.
  • Nachwuchs
    Der erste Wurf 2018 umfasste mindestens fünf Welpen. Aus den Jahren 2018 und 2019 konnten insgesamt elf Welpen genetisch identifiziert werden. Im August 2020 gelangen Fotonachweise von vier Jungwölfen.
  • Verluste
    Das Muttertier kam im September 2019 bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Auch für zwei Jungtiere ist diese Todesart belegt: am 15. April 2020 bei Neu-Ulm, am 13. Mai 2020 bei Pressath.
  • Verbreitung
    Ein männlicher Wolf aus dem Veldensteiner Forst hat sich (nachgewiesen seit Januar 2020) im Manteler Forst mit einer Wölfin aus Sachsen zusammengetan. Weitere Individuen aus dem Veldensteiner Elternrudel wurden im Februar 2019 im Landkreis Neustadt/WN nachgewiesen, im Oktober 2020 im Landkreis Eichstätt und im Januar 2021 im Landkreis Tirschenreuth.
Zwei Wölfe aus dem Rudel im Veldensteiner Forst. Diese Aufnahme einer Fotofalle wurde Oberpfalz-Medien von Sebastian Bäumler, Revierleiter des Forstbetriebs Pegnitz der Bayerischen Staatsforsten, zur Verfügung gestellt.
Ein Wolfswelpe im Veldensteiner Forst. Diese Aufnahme einer Fotofalle wurde Oberpfalz-Medien von Sebastian Bäumler, Revierleiter des Forstbetriebs Pegnitz der Bayerischen Staatsforsten, zur Verfügung gestellt.
Ein Wolfs-Welpe an der Suhle. Diese Aufnahme einer Fotofalle wurde Oberpfalz-Medien von Sebastian Bäumler, Revierleiter des Forstbetriebs Pegnitz der Bayerischen Staatsforsten, zur Verfügung gestellt.

 

 

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