31.08.2020 - 10:32 Uhr
AmbergOberpfalz

Kritik: Amberg als "Diaspora" für E-Car-Sharing

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Mit dem E-Car-Sharing in Amberg hat Gerhard Kißeler ernüchternde Erfahrungen gemacht: defekte Ladestationen, unterschiedliche Apps, Service-Chaos und leere Batterien bei Fahrtantritt. Er macht Vorschläge, wie es besser laufen könnte.

Der Zweckverband Kommunale Verkehrssicherheit bietet seit vergangenem Jahr auch in Amberg E-Car-Sharing an. Zwei Renault Zoe stehen seit kurzem beim Kongresszentrum. Für 35 Cent pro Kilowattstunde kann der Stromer dort geladen und von jedem nach der Anmeldung gemietet werden.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Vier Elektroautos zum Mieten für jedermann gibt es in der Stadt Amberg. Zwei haben ihre Basis im Parkdeck der Kräuterwiese, zwei weitere sind vor kurzem vom Liebgrabenweg an den Parkplatz vor dem Kongresszentrum umgezogen (wir berichteten). Vom Zweckverband Kommunale Verkehrssicherheit beauftragt, will die Firma E-Wald aus dem niederbayerischen Teisnach damit Amberger Bürgern und Touristen ein Angebot für umweltfreundliche Mobilität bieten. Doch von der Praxistauglichkeit des E-Car-Sharings in der Stadt ist noch nicht jeder überzeugt – so, wie Gerhard Kißeler.

Auf der Suche nach einem neuen Auto liebäugelte der onlineaffine Diplomingenieur bei Siemens mit einem Stromer. "Ich wollte zuerst prüfen, ob ein E-Auto auch zu mir passt. Wie funktioniert das Laden? Was ist mit der Reichweite?" Das Car-Sharing-System in Amberg soll dem 64-Jährigen diese Einblicke liefern: Mit einem strombetriebenen Renault Zoe will Kißeler deshalb einen Tagesausflug nach Regensburg machen. Doch dazu kommt es nie – weil Kißeler vorher entnervt aufgeben muss.

Leerer Akku beim Einsteigen

Der gebürtige Amberger meldet sich beim Vermieter E-Wald an und erhält für zehn Euro eine Kundenkarte mit Mitgliedsnummer. "Die braucht man, um das Auto oder die Ladestation zu entsperren", sagt Kißeler. Doch dann beginnt ein Buchungschaos: Am Abend vor der Abfahrt bekommt der 64-Jährige eine Nachricht, dass sein Auto nicht verfügbar sei. "Ich hab einen Renault Zoe gebucht, aber den BMW i3 erhalten. Außerdem sollte ich das Auto anstatt vom Liebgrabenweg nun von der Kräuterwiese holen."

Im Kreis Amberg-Sulzbach fahren die Menschen lieber SUV als E-Autos

Amberg

Als er das E-Auto dort entsperrt, kommt die nächste Überraschung. "Es hatte nur 7 Prozent Ladestatus. Ich wollte aber nach Regensburg, das ist circa 90 Kilometer entfernt." Kißeler steckt das Auto an – doch die Ladestation an der Kräuterwiese funktioniert nicht. Der Mitarbeiter in der Service-Hotline rät, zum Liebgrabenweg zu fahren und an der dortigen Station den Akku zu laden. Kißeler, der für seinen Tagesausflug extra früh aufgestanden ist, zapft dort den Strom. Aber: "Nach zwei Stunden war der Akku bei gerade einmal 50 Prozent. Regensburg war damit für mich gestorben. Ich hab mich dann von meiner Frau abholen lassen", sagt der Siemensianer mit einem ironischen Lächeln im Gesicht.

Gerhard Kißeler ist versiert im Umgang mit Smartphone, Tablet und dem Internet. Doch beim E-Car-Sharing in Amberg droht auch der Online-Spezialist den Überblick zu verlieren.

Chaos bei Apps und Service

Auch der Kofferraum sei nicht alltagstauglich. "Man muss zusätzlich immer zwei dicke Ladekabel mit Stecker mitführen. Die nehmen viel Platz weg", bemängelt Kißeler.

Trotz dieser negativen Erfahrungen hat der 64-Jährige eine differenzierte Sicht behalten. "Mit dem E-Auto an sich bin ich eigentlich sehr zufrieden. Das Problem ist nur die Infrastruktur außen herum. Amberg ist eine Diaspora für Car-Sharing-E-Mobilität." Im Vergleich zu anderen Städten bestehe hier "keine vernünftig nutzbare Infrastruktur. Der Nutzer muss sich erst aus verschiedensten Apps Informationen zusammenfügen." So habe E-Wald keine eigene App, sondern nur eine Website. "Dort sieht man lediglich, welche Autos von E-Wald gerade verfügbar sind. Als Nutzer will ich doch aber alle Autos sehen." Dafür brauche man die Flinkster-App, betrieben von der Deutschen Bahn. Sei man auf der Suche nach Ladestationen, so brauche man auch hierfür eine gesonderte App.

"Am besten man ist Rentner"

Neben dem chaotischen Buchungssystem kritisiert Kißeler einen undurchsichtigen Service bei technischen Problemen. So ist für die Buchungen die Firma E-Wald als Dienstleister zuständig - aber nicht der richtige Ansprechpartner bei Fragen und Notfällen. "Das bedeutet im Alltag viel Telefonieren mit den zu erfragenden Ansprechpartnern." Kißelers Fazit: "Man braucht halt Zeit dafür, am besten man ist Rentner."

Der Geist ist willig, aber die Umsetzung des E-Car-Sharings in Amberg ist dilettantisch.

Gerhard Kißeler

Besonders die unterschiedlichen Apps und Internetseiten für das Buchen und die Ladesäulensuche machten E-Car-Sharing unattraktiv, sowohl für Senioren als auch für Touristen, findet Kißeler. "Ich denke, viele Ältere würden gerne mit E-Autos fahren, zum Beispiel für kurze Einkaufsfahrten, aber denen ist das einfach zu kompliziert."

Öffentliche Debatte nötig

Der frühere SPD-Stadtrat wünscht sich eine breite öffentliche Debatte über die Möglichkeiten und Probleme des E-Car-Sharings in Amberg. Kißeler will nicht als Nörgler verstanden werden, sondern als konstruktiver Kritiker, der in der E-Mobilität grundsätzlich viel Potenzial sieht. Deshalb macht der 64-Jährige, der von Berufs wegen bei Siemens viel mit Apps und Cyber-Sicherheit zu tun hat, Verbesserungsvorschläge.

Trotz seiner grundsätzlich positiven Einstellung gegenüber E-Mobilität - Kißelers persönliche Entscheidung ist gefallen: "Ich werde mir kein E-Auto kaufen. Die Anschaffungskosten für ein privates E-Auto sind zu hoch, und das E-Car-Sharing in Amberg als Alternative dazu hat noch zu viele Fallstricke."

Oberpfalz-Medien hat beim Zweckverband angefragt und um eine Stellungnahme gebeten. Weil die mit dem E-Car-Sharing befassten Mitarbeiter im Urlaub sind, konnten unsere Fragen nicht beantwortet werden. Unsere Zeitung wird jedoch über das Thema weiter berichten, sobald die Antwort vorliegt.

Bislang war der Strom kostenlos - künftig kostet das Aufladen der E-Autos in Amberg Geld

Amberg
Anregungen:

Der Amberger Ingenieur Gerhard Kißeler hat mit dem E-Car-Sharing in der Stadt schlechte Erfahrungen gemacht. Seiner Ansicht nach werde das Potenzial der E-Autos kaum ausgeschöpft. Mit folgenden Verbesserungsvorschlägen will Kißeler eine öffentliche Debatte anstoßen:

  • Einbindung in den ÖPNV
    E-Autos könnten am Bahnhof und an den Endstationen von städtischen Bushaltestellen abgestellt werden. So könnten E-Autos den ÖPNV ergänzen und auch für Landkreisbewohner attraktiver machen.
  • „Floating“-Prinzip
    E-Autos wären damit nicht mehr an Ladestationen gebunden, an denen sie geholt und wieder abgestellt werden. In der Stadt könnte jeder den Stromer abstellen, wo er möchte. Der Folgenutzer ortet das Auto per App – und steigt ein.
  • Zustell-Option vor die Haustür
    Weite Wege bis zur nächsten Ladestation sind gerade für ältere Menschen eine Belastung. Den Aufpreis für einen Zustell- und Abholservice – zum Beispiel für Einkaufsfahrten – würden viele gerne zahlen, glaubt Kißeler.
  • App mit Echtzeit-Information
    Wo ist das Auto aktuell? Ist der Akku geladen? Gäbe es diese Informationen vorab aufs Smartphone, ließen sich Überraschungen beim Einsteigen – wie ein leerer Akku – verhindern.
  • Buchung und Service bündeln
    Ein gemeinsames Tool für Buchung, Service und Fahrzeuginformationen: „Nicht fünf Apps für eine Sache, sondern alles gebündelt unter einem Hut bei einem Dienstleister“, wünscht sich Kißeler.
  • Kostenloses Parken
    Wer ein E-Auto nutzt, parkt in der Stadt kostenlos. Dies könnte Akzeptanz und Attraktivität der Stromer erhöhen.
  • Größerer E-Sharing-Fuhrpark
    Die vier E-Autos in Amberg sind oft ausgebucht. Eine größere Flotte, breit über das Stadtgebiet verteilt, sei nötig.

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.