19.03.2021 - 15:39 Uhr
AmbergOberpfalz

Die Leopoldkaserne in Amberg: Leere Räume voll Geschichte(n)

Hier schiebt schon lange kein Soldat mehr Wache. Stattdessen hat ein Sicherheitsdienst ein Auge auf die Leopoldkaserne. Die steht seit 2018 leer. Ein Lost Place – mit Geschichte(n). Hubert Hüttner erzählt einige davon bei einem Rundgang.

Alles versperrt. Ein Wachdienst hat trotzdem ein Auge auf die Leopoldkaserne.
von Heike Unger Kontakt Profil

Hubert Hüttner kennt jeden Winkel in der seit 2018 verwaisten Leopoldkaserne. Kein Wunder. Der ehemalige Bundeswehr-Offizier hat hier viele Jahre seiner aktiven und danach auch seiner Reservisten-Zeit verbracht. Er war Kasernenfeldwebel. Und er hat hier auch die militärhistorische Sammlung betreut und ausgebaut. So schwingt bei ihm auch ein kleines bisschen Wehmut mit, als Stefanie Piller-Bogner die sonst verschlossenen Tore zum Gelände aufsperrt. Sie ist die zuständige Objektmanagerin bei der Bundestanstalt für Immobilienaufgaben (Bima), der aktuellen Eigentümerin der Liegenschaft. Damit beginnt ein Rundgang, der die Gegenwart leerstehender Räume mit der Vergangenheit munterer Anekdoten aus dem Bundeswehr-Alltag verbindet. Damals, als Amberg noch eine Garnisonsstadt war.

Das Wachlokal der Leopoldkaserne sahen Besucher nur von außen: Hier musste man sich anmelden. Wer ins Innere des kleinen Gebäudes am Kaserneneingang kam, tat hier Dienst. Oder er wurde eingesperrt. Hinter den Räumen für die Wachhabenden gab es zwei "normale" Zellen und eine für besonders Renitente. Heute sind es einfach nur leere Räume. Hubert Hüttner öffnet die Tür zum "Randaliererraum": Hier gab es nur eine Matratze (kein Bettgestell: zu gefährlich), eine Stehtoilette und ein eisernes Waschbecken – "für Soldaten, die besonders aufgebracht waren", sagt Hüttner. Er winkt aber gleich ab. "Ich war acht Jahre der Kasernenfeldwebel – und ich hab' vielleicht alle ein oder zwei Jahre mal einen einsperren müssen." Und der kam dann meist aus einer fremden Einheit.

12 m² für den Hund, 6,75 für den Soldaten

Ein paar Schritte weiter, das Offiziersheim. Dass es Baujahr 1936 ist, lässt sich erahnen – über dem Eingang prangt ein Adler. Die begleitenden Hakenkreuze wurden entfernt. Die kleine Standortschießanlage für Kleinkalibergewehre hinter diesem Gebäude wurde 2006 aufwendig umgebaut, in einen Hundezwinger mit Fußbodenheizung, für die sechs Sprengstoff- und sechs Leichenspürhunde der Feldjäger, erzählt Hüttner. Er lacht. " Dafür musste ich eine umfangreiche militärische Bedarfsanforderung schreiben. Die ist dann zurückgekommen, weil ich nach den alten Bestimmungen den Hunden nur 10 Quadtratmeter zugestanden hatte." Der Kasernenfeldwebel musste das korrigieren, die Hunde hatten ein Anrecht auf 12 Quadratmeter. Einem Soldaten, der in der Kaserne einquartiert war, standen damals 6,75 Quadratmeter in seiner Sechs-Mann-Stube zu.

Aus der Sechser-Belegung wurde später eine Vier-Mann-Stube, dann eine für zwei. Heute haben die Soldaten Einzelzimmer. Mit W-Lan. Die Wehrpflicht ist Geschichte, die Bundeswehr muss ihrem Personal heute etwas bieten. Hat sie damals, als der Stab der Panzerbrigade 12 in die Leopoldkaserne umzog, auch schon: Unter Hüttners Vorgänger als Kasernenfeldwebel wurden im Obergeschoss des ehemaligen Geschütz- und Geräteschuppens, heute Gebäude G genannt, eine Sauna und ein Fitnessraum eingebaut. Dafür gab es einen eigenen Fitness- und einen Saunasoldaten, die dafür sorgten, dass alles seine Ordnung hatte. Die Sauna stand allen Soldaten offen, sagt Hüttner – gegen Eintrittsgeld.

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Der Holzboden wölbt sich

Stefanie Piller-Bogner hat inzwischen die Tür unter dem Adler aufgesperrt. Der Holzboden knarzt, als Hubert Hüttner und Jürgen Hoffmann, der von 1984 bis 2012 als Offizier in der Leopoldkaserne tätig war, eintreten. Die Holztreppe mit dem prächtigen Geländer, die nach oben führt, ist noch original, von 1936. Die Dielen im Erdgeschoss haben sich stark aufgeworfen. "Schau mal, wie sich das wölbt! Das ist ja der Wahnsinn", sagt Hüttner. "Da muss Feuchtigkeit reingekommen sein." Im großen Offiziersspeisesaal haben Empfänge und Feste stattgefunden. Die kleine Empore war dafür vorgesehen, "dass da Musikensembles zur Unterhaltung der Gäste spielen konnten." Haben sie auch. Hüttner erinnert sich noch gut daran. "Geige, Cello. Was Klassisches halt." Schön war das.

Der Blick bleibt oben, bei den großen Kronleuchtern. "Die sind noch original", berichtet Hoffmann. Er hat zum 100-Jährigen der Leopoldkaserne eine Chronik herausgegeben, ist mit der Geschichte entsprechend gut vertraut. Mit den Geschichten dazu aber auch. Deshalb weiß er, dass die Leuchter beinahe ausgemustert worden wären. Die Fassungen waren brüchig. Doch die Offiziere wollten "ihre" Leuchter behalten, deshalb wurden die schadhaften Teile originalgetreu nachgebaut und ersetzt. "Denkmalschutz", sagt Hoffmann. "Das war teuer. Aber immer noch billiger als neue Kronleuchter." Die waren übrigens ursprünglich mit echten Kerzen bestückt. Um die anzuzünden, konnte man die großen Leuchter über einen Mechanismus in der Decke herunterkurbeln.

Der gejagte Chef des Stabes

Noch eine Anekdote steckt im fast leeren Saal. Hubert Hüttner zeigt auf den riesigen Wandteppich, der noch hier hängt. Offenbar hat für ihn niemand mehr Verwendung. Zu sehen ist eine Jagdszene. "Das hat der Chef des Stabes mal so interpretiert: Sie sehen hier zwei Reiter, das ist der Brigadekommandeur mit seinem Stellvertreter, der jagt mit seinen Hunden, also den Stabsabteilungsleitern, den Hirsch. Und der Hirsch, das bin ich, der Chef des Stabes. Der wird immer gejagt." Eine Anekdote, die hier oft für Lacher gesorgt hat, als noch Leben im Offiziersheim war. Jetzt spannen sich Spinnweben in den Ecken der Fenster. Mit Wehmut zeigt Hüttner auf den großen grünen Kachelofen: Hier gab es früher eine urige Bauernstube, in der man gern zum Essen oder einfach nur so gemütlich beisammensaß.

Draußen war's nicht so gemütlich. Hüttner meint damit das alte, erste Wachhäuschen. Dort, wo heute die Schranken stehen. Eine einfache Holzhütte. Als sie aufgestellt werden sollte, wollte Kasernenfeldwebel Hüttner unbedingt eine mit Heizung haben. So ein Wachdienst konnte im Winter nämlich elend kalt sein. Große Debatte, dann ein Nein der Standortverwaltung. Und ein entspannter Lieferant, der Hüttner "unter drei", also vertraulich, zu verstehen gab, dass er sich nicht aufregen müsse – mit dem Hinweis "wir liefern grunsätzlich nur mit Heizung".

Vor den Panzern gab's hier Pferde

Der Rundgang führt vorbei an den ehemaligen Batteriestallungen, die später zu Garagen wurden. Noch heute sieht man die steinernen Futtertröge der Pferde und die Eisenringe, an denen sie angehalftert wurden. "Das war 1914", sagt Hüttner. Damals wurde die Leopoldkaserne gebaut. "Aber Pferde waren auch bei der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg noch da." Bis in die Anfangszeit der Kaserne zurück datiert auch der Schlauchturm, in dem Feuerwehrschläuche zum Trocknen aufgehängt wurden. Eine eigene Feuerwehr gab es hier nicht, wohl aber Soldaten, die für den Löschdienst ausgebildet waren.

Ein wenig wehmütig stellt Hüttner ein paar Schritte weiter fest, dass das Schild "Militärhistorische Sammlung" vom Gebäude E verschwunden ist. In das kleine Museum, das die Militärgeschichte von 1715 bis in die aktuelle Zeit dokumentierte, hat er viel Herzblut fließen lassen. Mit dem Auszug der Bundeswehr ist die Sammlung heimatlos geworden. Sie ist immer noch im Bundeswehrdienstleistungszentrum eingelagert, weil sich kein neues Domizil findet.

Zu klein für den Leo 2

Der Blick fällt auf Garagen, vor deren Toren große Steinpoller stehen. Damit die Panzer nicht anrandelten, erklärt Hüttner. Der Laie staunt. Durch diese schmalen Tore haben Panzer gepasst? Hüttner lacht. "Der M 47 ist da genau reingekommen, man möchte es nicht glauben. Der Leo 2 passt da natürlich nicht mehr rein."

Auf dem Weg zum MAD-Gebäude fällt ihm noch die Geschichte ein, als der militärische Abschirmdienst, der Nachrichtendienst des Verteidigungsministeriums, für seine Garagen in der Kaserne unbedingt "durchwurfsichere Fenster" haben wollte. Genehmigt und eingebaut wurden aus Kostengründen am Ende aber nur "durchsichtsichere". Wer die wohl hätte einwerfen wollen, mitten in einer streng bewachten Kaserne? Hüttner zuckt mit den Schultern. "Da müssen Sie den MAD fragen."

Die geheimen Räume des MAD

Der MAD logierte im Obergeschoss eines großen Gebäudes, das damals ein Hochsicherheitsbereich war. Heute hat Stefanie Piller-Bogner den Schlüssel. Auch hier: Leere Räume, lange Gänge. Die Einrichtung ist längst umgezogen. Oder verkauft. Vor allem die alten Spinde waren gefragt. Die Schleuse zum MAD-Bereich gibt es noch. Sieht ein bisschen aus wie DDR: Wer hier durch wollte, wurde durchleuchtet, ja sogar gewogen. Und musste sein Handy in einen speziellen Schrank sperren. Auch der ist noch da. Er steht offen: So top-sicher wie einst ist es hier jetzt nicht mehr. Das signalisiert auch ein leuchtend roter Aufkleber unter einem Lichtschalter. "Steckdose gesperrt. Es bestehen Mängel mit Gefahr für Leib und Leben sowie für Sachen" steht darauf.

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