03.05.2021 - 15:47 Uhr
AmbergOberpfalz

Not und Armut verlassen das Amberger Leprosenhaus

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Seit Frühjahr 2018 sollte das ehemalige Leprosenhaus am Katharinenfriedhof eigentlich schon fertig saniert und bewohnt sein. Tatsächlich ist es bis zum heutigen Tag eine einzige große Baustelle. Aber eine mit einer deutlichen Perspektive.

Das Gerüst ist weg, im Leprosenhaus am Katharinenfriedhof wird wieder gebaut. Schon im Sommer soll die Baustelle beendet sein, auf der über Jahre Stillstand geherrscht hat.
von Andreas Ascherl Kontakt Profil

Wie ein Stein gewordenes Mahnmal für Seuchen, Kriege und Armut steht das Leprosenhaus seit rund 500 Jahren direkt neben dem Katharinenfriedhof. Ursprünglich waren hier Frauen und Kinder untergebracht, die an einer der Seuchen früherer Jahrhunderte wie Tuberkulose oder eben Lepra litten. An der Hauptverkehrsstraße nach Nürnberg konnten sie betteln, um ihr erbärmliches Leben ein bisschen erträglicher zu gestalten. Später diente das Gebäude nach einer Erweiterung als Lazarett für die Amberger Kasernen, spätestens ab Mitte des 20. Jahrhunderts war hier die Wärmestube der Stadt Amberg und Unterkunft für Obdachlose untergebracht.

Investor sprang ab

Vor etwa zehn Jahren verkaufte die Bürgerspitalstiftung das Haus samt Grundstück, doch dem damaligen Eigentümer dauerte die Genehmigungsphase zu lange, er stieß das stark sanierungsbedürftige Objekt wieder ab. Von Anfang an dabei ist Bauingenieur Horst Kraus, der als Planer für eine neue Nutzung des Leprosenhauses verantwortlich ist. Bis heute erinnert er sich daran, wie er zum ersten Mal in das vermüllte, stinkende Haus gekommen ist, in dem die Ärmsten der Armen versuchten, ein einigermaßen menschwürdiges Leben zu führen.

Bis zu 13 Obdachlose lebten hier den Winter über gleichzeitig in kleinen, nicht heizbaren Verschlägen. "Sie haben die Wände mit Zeitungen und allem möglichen tapeziert, um die Wärme wenigstens ein bisschen zu halten", erzählt Horst Kraus. Unten gab es eine Gemeinschaftsdusche und ein uraltes Klo. Weil Heizmaterial immer knapp war, rissen die Obdachlosen die Bretter zwischen den Dachsparren heraus und verheizten sie. "Wir haben hier zig Container an Müll rausgeschafft, bevor wir überhaupt anfangen konnten", sagt Horst Kraus.

Bis vor das Verwaltungsgericht

2017 ging der zweite Eigentümer daran, Mietwohnungen in das historische Gebäude einzubauen. Doch auch dieser Investor gab beinahe wieder auf, zermürbt von den Vorgaben des Landesamtes für Denkmalschutz und der Stadt Amberg, wie Horst Kraus erzählt. "Die wollten, dass wir eine Art Museum daraus machen", so Kraus. "Ein Einfamilienhaus hätte es werden sollen, aber das kann doch keiner bezahlen." Irgendwann stand dann die Baustelle, über Jahre hinweg ging nichts mehr. Weil sich Planer und Bauherr nicht an die ausgehandelten Kompromisse gehalten haben, heißt es dazu aus dem Baureferat. Tatsächlich ging die ganze Angelegenheit dann vor das Verwaltungsgericht, dort bleib die Klage aber im Verfahrensstau stecken. So dass der Eigentümer, Martin Kloss, diese zurückzog und den Rückbau der strittigen Dachgauben, um die es hauptsächlich ging, vornahm.

Seit einigen Wochen wird nun wieder gewerkelt auf der Baustelle. Die für Martin Kloss finanziell nur noch zu stemmen ist, weil er selbst eine Baufirma besitzt, wie er sagt. "Sonst wäre das ein reines Draufzahlgeschäft." Sieben Mietwohnungen hat Horst Kraus in die historische Bausubstanz eingeplant, unterschiedlich groß, doch mit modernster Technik ausgestattet. Fußbodenheizung und Kabelanschluss inklusive. "Wir erreichen sogar den KfW-Standard für den Denkmalsschutz", sagt Kraus. Trotzdem verzichtet der Bauherr wegen der hohen Hürden auf öffentliche Zuschüsse oder die verbesserte Steuerabschreibung für denkmalgeschützte Gebäude. Ihm sei es wichtiger gewesen, nutzbaren Wohnraum zu schaffen, dafür habe er auf diese Vorteile verzichtet, sagt Martin Kloss.

Noch fehlen die Türen

Noch ist viel zu tun auf der Baustelle. Es fehlen beispielsweise die Fußböden, die Türen für die einzelnen Wohnungen müssen maßgeschreinert werden. Aber Martin Kloss und Horst Kraus sind zuversichtlich, dass sie es bis zum Sommer hinkriegen. Trotz Corona und Denkmalschutz. Voller Optimismus gehen sie in den letzten Bauabschnitt, diskutieren über Stellplätze für Autos, Fahrräder oder Kinderwagen. Sogar das Amberger Gelb haben sie sich von ihrem Farbenhersteller mischen lassen, um das ehemalige Leprosenhaus so aussehen zu lassen, wie es den Ambergern seit Jahrhunderten in Erinnerung ist. Aber Not und Elend, wie früher, soll es hier künftig nicht mehr geben.

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Amberg

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Das Leprosenhaus in Amberg wird endlich fertigsaniert.
Hintergrund:

Leprosenhaus und Militärspital

  • Um 1370 entstand ein erstes Leprosenhaus neben der neuen Katharinenkirche und dem Friedhof außerhalb der Stadtmauer.
  • 1522 wurde das jetzige Leprosenhaus errichtet, Mitte des 17. Jahrhunderts noch einmal erweitert.
  • Zunächst waren hier Frauen und Kinder untergebracht, die an Lepra und anderen Seuchen erkrankt waren.
  • Sie konnten an der Hauptverkehrsstraße nach Nürnberg betteln und so ihren Lebensunterhalt bestreiten.
  • Nach 1700 wurden die Leprosenhäuser aufgegeben, in Amberg zog das Militär ein. Das Gebäude diente als Hospital.
  • Deutlich ist auch heute noch die Einteilung des Hospitals zu erkennen. Von der Aufnahme über die leichteren Fälle bis hin zum Sterbezimmer ganz hinten.
  • Spätestens ab Mitte des 20. Jahrhunderts diente das Leprosenhaus als Wärmestube und Obdachlosenunterkunft.
  • 2012 verkaufte die Bürgerspitalstiftung das Gebäude an einen Privatinvestor.
  • Inzwischen gehört das Leprosenhaus dem Bauunternehmer Martin Kloss, der hier insgesamt sieben Mietwohnungen schafft.
Kommentar:

Bei Denkmälern auch die künftige Nutzung berücksichtigen

Fast hätte niemand mehr geglaubt, dass es noch was wird mit dem Leprosenhaus am Katharinenfriedhof. Jahrelang passierte auf der Baustelle nichts mehr, ein einsames Gerüst an der Fassade zeugte vom Stillstand. Doch nun geht es plötzlich ziemlich schnell. Nachdem der alte Investor an den bürokratischen und nicht nur seiner Ansicht nach zum Teil nutzerfeindlichen Vorgaben in Sachen Denkmalschutz verzweifelt war, hat sich mit Martin Kloss ein lokaler Bauunternehmer gefunden, der sich das Projekt zutraut – und nun auch zu einem guten Ende führt. Natürlich ist es schön, wenn Denkmäler einfühlsam und möglichst behutsam saniert werden. Doch ohne eine adäquate Nutzung wird sich niemand finden, der so ein sperriges Objekt wie das Leprosenhaus anpackt. Wer investiert, will doch wenigstens einen Teil dieser Summe wieder erlösen. Darf er oder sie das nicht, bleiben alte Häuser wie das Leprosenhaus künftig leer und verfallen nach und nach – ein lokaler Investor mit Sinn fürs Denkmal ist vertrieben. Das kann gerade nicht im Sinne der Denkmalschützer sein.

Andreas Ascherl

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