10.01.2019 - 14:53 Uhr
BayernOberpfalz

Schneechaos in Südbayern: Isolierte Dörfer, einsturzgefährdete Häuser

Kaum zu bewältigende Schneemassen, Bäume stürzen um, Straßen sind gesperrt, manche Häuser einsturzgefährdet, gepanzerte Bundeswehrfahrzeuge müssen die Versorgung sichern. Ein weißer Katastrophenfall in Berchtesgaden.

Berchtesgaden versinkt im Schnee.

Berchtesgaden. Die Katastrophe sieht in Berchtesgaden idyllisch aus. Leise rieselnder Schnee, weiße Pracht überall. Still und starr ruhen Bahn und parkende Autos. Doch die Winteridylle ist auch trügerisch.

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Die Bäume biegen sich unter der weißen Last, viele brechen unter ihr zusammen - und auch für die Dächer in der Gemeinde wird der nasse Schnee mehr und mehr zum Problem. Einige Gebäude sind einsturzgefährdet und müssen vom Schnee befreit werden, wie der Berchtesgadener Bürgermeister Franz Rasp (CSU) sagt. Kurz darauf ruft das Landratsamt am Donnerstag den Katastrophenfall für den südlichen Landkreis Berchtesgadener Land aus.

 

Bilder vom Schneechaos

Zahlreiche Straßen in der Region sind gesperrt, weil Bäume umgestürzt sind oder umzufallen drohen. Wo Autos noch fahren dürfen, geht der Verkehr auf schneeglatter Straße nur sehr schleppend voran. Der Berchtesgadener Bahnhof hat den Betrieb vorerst vollständig eingestellt. Oberleitungsschaden. Das Dach über den Gleisen wird mit Pfeilern gegen die Schneelast gestützt.

„Die Situation ist schon außergewöhnlich“, sagt Rasp. Er spricht von einer „professionellen Gelassenheit - aber auf sehr, sehr hohem logistischen Niveau“. Rund 25.000 Euro wird es die Kommune extra kosten, Herr der Schneemassen zu werden - und zwar pro Tag.

29 Räumfahrzeuge und „40 Mann im Winterdienst“ sind im Gemeindegebiet, wo weniger als 8000 Menschen leben, im Dauereinsatz. Den Schnee nur zur Seite zu räumen, reicht längst nicht mehr aus. Er wird mit Lastwagen weggekarrt und mit Schneefräsen in hohem Bogen weggeschleudert. „Der Schneeberg hinter dem Bahnhof, der kommt nur aus der Fußgängerzone - dabei ist das hier alles ja noch gar nichts im Vergleich zu weiter oben“, sagt Rasp.

Im Süden gilt in zwei Landkreisen der Katastrophenfall.

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Weiter oben, auf etwa 1000 Metern, ist der Ortsteil Buchenhöhe mit seinen 350 Bewohnern von der Außenwelt weitgehend abgeschnitten. Die Zufahrtsstraßen sind gesperrt, sagt Markus Heiß von der Berchtesgadener Feuerwehr, die an einem einzigen Schneechaos-Tag rund 120 Einsätze zählt. „Alles kleinere Sachen.“ „Die da oben“, so sagt er, seien „bestens versorgt“.

„Wie es hier aussieht? Weiß“, sagt der Mitarbeiter eines Hotels in Buchenhöhe, der seinen Namen nicht in den Medien lesen will, am Telefon. Er gibt sich entspannt. Strom und Heizung funktionieren, sagt er. „Das Internet schwankt.“

Bundeswehr im Einsatz

Damit die Lage sich nicht verschärft, ist inzwischen die Bundeswehr im Einsatz, die nach dem offiziellen Ausrufen des Katastrophenfalles eine Art Shuttle mit gepanzerten Fahrzeugen bilden will, um die Menschen in der abgeschnittenen Ortschaft zu versorgen, wie der Presseoffizier Eckhard Michel sagt, der als Major zur See, so seine Berufsbezeichnung, eigentlich eher am Wasser in anderem Aggregatszustand zu vermuten wäre.

Schon seit Mittwoch hatten die Soldaten vor allem die Bewohner und Mitarbeiter eines Asthma-Zentrums gefahren und versorgt.

Die Bundeswehr und ihre Gebirgsjäger sollen nun aber auch dabei helfen, Dächer von der Schneelast zu befreien. „Auf den Dächern liegen zum Teil jetzt schon anderthalb bis zwei Meter Schnee“, sagt Rasp. Damit drücke der Schnee mit einem Gewicht von bis zu 400 Kilo pro Quadratmeter aufs Dach. Die meisten Dächer im Ortsteil Buchenhöhe seien auf 500 Kilo ausgelegt. Aber weitere Schneefälle sind ja angesagt.

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Die Kommune hat inzwischen verfügt, dass alle Gemeindegebäude vom Schnee befreit werden sollen - darunter auf die Eishalle, deren Dach laut Bürgermeister 160 Kilo pro Quadratmeter aushält - und nun schon 150 Kilo tragen muss. Bad Reichenhall, wo im Januar 2006 eine Eissporthalle unter Schneemassen zusammenbrach und 15 Menschen in den Tod riss, liegt nur 20 Kilometer von Berchtesgaden entfernt.

Der Bürgermeister selbst hat am Vortag vier Stunden lang auf dem Dach seines eigenen Hauses gestanden, um den Schnee loszuwerden. „Heute Nachmittag muss ich wieder hoch.“ Er betont, dass der Katastrophenfall vorsorglich ausgerufen wurde, um Einsatzkräfte zu bündeln und auch die Bundeswehr stärker einbinden zu können. Es sei eine reine Vorsichtsmaßnahme. „Es ist ja keine Gefahr für Leib und Leben. Es ist halt Winter.“

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Berchtesgaden: Wegen der Schneefälle gilt nun in drei oberbayerischen Landkreisen der Katastrophenfall. In dieser Region fallen durch das Wetter auch viele Züge aus. Rund um Berchtesgaden sind immer mehr Menschen von der Außenwelt abgeschnitten. Die Orte Vorderbrand und Ettenberg seien nun nicht mehr erreichbar, teilte das Landratsamt mit. Die Zufahrtsstraßen seien gesperrt, weil Bäume unter der Schneelast umzukippen drohten. Eine Notversorgung der Bewohner sei eingerichtet. Zuvor waren schon die Straßen zur Siedlung Buchenhöhe in Berchtesgaden und zur Gemeinde Jachenau zugeschneit worden.

Aying: Ein neunjähriger Junge ist in Aying bei München von einem umstürzenden Baum erschlagen worden. Wie die Polizei am Donnerstag mitteilte, war der Baum unter der hohen Schneelast zusammengebrochen. Erst nach 20 Minuten entdeckten Zeugen den darunter begrabenen Bub und alarmierten die Rettungskräfte. Diese versuchten rund eine Stunde lang vergeblich, das Kind wiederzubeleben.

 

Salzburg: In Österreich starben seit dem Wochenende mindestens sieben Menschen im Schnee - darunter zwei Deutsche, die am Sonntag in Vorarlberg von Lawinen verschüttet wurden. Am Mittwoch wurde ein 16 Jahre alter Deutsch-Australier vor den Augen seiner Familie beim Skifahren von einer Lawine in den Tod gerissen. Unter anderem starben zwei Skifahrer, die bei Stürzen im meterhohen Schnee versanken, sowie zwei junge Schneeschuhwanderer, die am Montag tot unter einem Lawinenkegel gefunden wurden. Die andauernden Schneefälle in weiten Teilen Österreichs haben der Tourismusbranche einen Dämpfer versetzt: Bei der österreichischen Wirtschaftskammer ist bereits von einem Minus von 50 Prozent bei kurzfristigen Buchungsanfragen die Rede.

Allgäu: Polizisten retteten in Kaufbeuren einen frierenden Säugling vor dem Schnee und hielten ihn mit einer Uniformjacke warm. Passanten hatten die hilflose Mutter des Kindes betrunken im Schnee neben einem Gehweg entdeckt, die Frau hielt ihr nur unzureichend bekleidetes Baby im Arm. Die Streifenbeamten wickelten das kleine Mädchen in eine Uniform und legten es in den Polizeiwagen, bis der Rettungsdienst kam: "Nachdem es im warmen Rettungswagen noch eine Mütze aufgesetzt bekommen hatte, fiel es sofort in Schlaf."

Ruhpolding: Mit vielen Helfern kämpfen die Organisatoren vor dem Biathlon-Weltcup in Ruhpolding (Bayern) gegen die Schneemassen. Der örtliche Ski-Club hatte in einem öffentlichen Aufruf darum gebeten, den Schnee in der Chiemgau-Arena zu beseitigen, um die Veranstaltung in der nächsten Woche nicht zu gefährden. Engelbert Schweiger, der Generalsekretär des Weltcup-Organisationskomitees, sagte dem "Traunsteiner Tagblatt": "Der Weltcup ist derzeit nicht gefährdet." Doch er ergänzte: "Dass wir aber vor großen logistischen Herausforderungen stehen, ist nicht zu bestreiten."

Hermsdorf: Auf der A9 in Thüringen kam es in der Nacht zum Donnerstag zu einem zeitweise rund 50 Kilometer langen Stau. Die Fahrer Dutzender Lastwagen mussten die Nacht in ihren Fahrzeugen auf der Autobahn verbringen. Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerks und des Deutschen Roten Kreuzes verteilten warme Decken und heiße Getränke. Der Stau löste sich am Donnerstag auch deshalb nur zögerlich auf, weil viele Fahrer erst hätten geweckt werden mussten.

Ulm: Auch auf der A8 saßen in der Nacht zum Donnerstag Hunderte Lastwagen- und Autofahrer wegen Schneefalls und Glätte fest. Der Verkehr sei dadurch zwischen Ulm und Nellingen in Baden-Württemberg auf einer Länge von etwa 35 Kilometern zum Erliegen gekommen. In dem stockenden Verkehr starb bei Dornstadt eine 54 Jahre alte Autofahrerin. Sie stand Polizeiangaben zufolge in dem Stau und saß allein in ihrem Fahrzeug. Die Todesursache werde geklärt, sagte ein Polizeisprecher. Ein Verbrechen schließe die Polizei aus.

Chemnitz: In der sächsischen Stadt finden bis zum 14. Januar aus Sicherheitsgründen keine Beerdigungen auf dem Städtischen Friedhof statt. Alle bis Montag geplanten Beisetzungen wurden abgesagt. Wegen der hohen Schneebruchgefahr bleibe der Friedhof vorerst geschlossen.

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