29.03.2021 - 15:48 Uhr
EbermannsdorfOberpfalz

Flächenfraß: Warnung vor „systematischer Waldvernichtung“ im Freihölser Forst und Sulzbach-Rosenberg

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Täglich werden in Bayern über zehn Hektar Fläche verbaut – doppelt so viel wie angestrebt. Auch im Landkreis Amberg-Sulzbach klagt Peter Zahn über Wald- und Flächenzerstörungen. Der erfahrene Naturschützer fordert ein öffentliches Umdenken.

Auf dem Weg zur Sandgrube „Amberg-Ost“ durchtrennt eine breite, zweispurige Schneise den Freihölser Forst. Der BUND Naturschutz fürchtet, dass der Lkw-Verkehr in dem Staatswald mit seinen Trockenkiefern künftig weiter zunehmen könnte – und mehrere Hundert Hektar des Ökosystems abgeholzt werden.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Der internationale Tag des Waldes war schon am 21. März. Doch schutzbedürftig ist die grüne Lunge im Landkreis Amberg-Sulzbach auch an allen anderen 364 Tagen im Jahr. Und nicht nur das: „Der lokale Staatswald wird zu einem Flächenbereitstellungsbereich degradiert, aus dem sich jeder nach Wunsch herausnehmen kann, was er will“, schlägt Peter Zahn Alarm.

Der Vorsitzende der Kreisgruppe des BUND Naturschutz wirft Kommunen und Unternehmen vor, sie würden viel zu leichtfertig mit Wäldern und Naturflächen umgehen und sich kaum um Ausgleichsflächen kümmern. Als Beispiele nennt Zahn Projekte in Sulzbach-Rosenberg und die Eingriffe im Amberg-Freihölser Forst.

Kiefern weichen Sandtagebau

An dem Trockenstandort mit seinem Sandboden an der Kreuzung von A 6 und B 85 ist durch die Erweiterung der Gewerbegebiete Schafhof I bis III bereits bis jetzt viel Bestand der dort verbreiteten Trockenkiefern verloren gegangen. Weil die Godelmann GmbH ihr Betonwerk in Högling in südlicher Richtung um eine Sandaufbereitungsanlage erweitern will, gehen allein dafür weitere 22,9 ha Naturfläche verloren (siehe Infokasten). Dies ist den Unterlagen des laufenden Planfeststellungsverfahrens zu entnehmen.

Die Anlage soll über ein zwei Kilometer langes Förderband mit der Sandgrube verbunden werden, um den dort abgebauten Rohstoff zum Betonwerk transportieren zu können. „Allein für das Sandförderband muss eine fünf Meter breite Trasse in den Wald geschlagen werden“, erklärt Zahn. „Hinzu kommt die Lärmbelastung, weil das Förderband vermutlich rund um die Uhr läuft und rattert.“

Direkt an der Autobahnausfahrt Amberg-Ost entsteht zudem das Gewerbegebiet Schafhof III. Von vorgesehenen 24,5 ha wurden aktuell bereits über 10 ha gerodet. Für das angedachte Areal Schafhof IV könnten weitere 5,5 ha folgen. Der schlimmste Eingriff in den Waldbestand drohe jedoch, wenn Godelmann die Sandgrube „Tagebau Ost“ tatsächlich ausbauen würde wie angedacht. Dann wäre ein 160 ha großes Waldgebiet zwischen der Sandgrube und der A 6 betroffen.

213 Hektar Wald bedroht

Peter Zahn ist völlig klar, dass die geplante Abgrenzung des Sandtagebaus nicht Gegenstand des aktuell laufenden Genehmigungsverfahrens ist – noch nicht: „Meine Erfahrung aus anderen Rodungsprojekten lehrt mich, frühzeitig zu warnen und Politik und Öffentlichkeit zu sensibilisieren. Später heißt es sonst: ‚Warum hast du dich denn nicht früher gemeldet, jetzt ist es zu spät‘.“

Weil Sand ein weltweit knapper und damit wertvoller Baurohstoff ist, wolle sich Godelmann die Ressource langfristig sichern und nehme dafür perspektivisch auch das 160 ha große Waldareal in den Blick“, ist Zahn sicher. „Langfristig sind im Freihölser Forst 213 ha Staatswald betroffen“, will der 79-Jährige aufrütteln.

Dem Kreisvorsitzenden des BUND Naturschutz stößt auch sauer auf, dass die gesetzlich vorgeschriebenen Ausgleichsprojekte nicht oder nur viel zu zögerlich vorankommen. So sei allein für den Bau der 22,9 ha großen Sandaufbereitungsanlage entlang von A 6 und Staatsstraße 2151 auf dem Gebiet der Gemeinde Ebermannsdorf zehn ha Ausgleichsfläche vorgeschrieben. Auf dem Papier sei alles gut, aber: „Niemand kontrolliert, ob die Ausgleichsfläche tatsächlich angelegt wird.“

Außerdem handele es sich dabei nicht um eine geschlossene Fläche, sondern um einzelne Aufforstungsprojekte, die „völlig zerstückelt über den ganzen Landkreis verteilt sind.“ Die Ersatzfläche habe bei weitem nicht den ökologischen Wert des gefällten Waldes im Freihölser Forst. Und selbst wenn an anderen Stellen Bäume neu gepflanzt werden – „Wenn ein Wald zerstört wird, braucht er 80 bis 100 Jahre, ehe er wieder voll funktionsfähig ist.“

Der Amberger Stadtrat diskutiert über neue Gewerbeflächen - und Flächenfraß

Amberg

Kritik an neuen Baugebieten

In Sulzbach-Rosenberg sei die Situation ebenfalls unbefriedigend, sagt Zahn. Schon in den 1980er Jahren wurde in Rosenberg der „Industriepark Ost“ gebaut und bis in die Gegenwart sukzessive erweitert. „Die Regierung der Oberpfalz hat das damals nur genehmigt mit der Auflage, dass ein ‚flächengleicher Ersatz‘ geschaffen werden müsse. Doch den hat es bis heute so nicht gegeben.“ Zahn, zugleich Umweltschutzbeauftragter von Sulzbach-Rosenberg, liege hier „im Clinch mit der Stadt“ und wolle weiter Druck machen. Neben Waldeingriffen seien zudem allein zwischen 2004 und 2018 im Stadtgebiet 211 ha landwirtschaftlicher Äcker und Wiesen für Siedlungs- und Verkehrsflächen zugebaut worden. Dies zeige die „Statistik kommunal“ des Bayerischen Landesamtes für Statistik.

Auch neue Baugebiete wie in Kempfenhof oder in Kropfersricht würden zu großzügig ausgewiesen. „Oft wird das nicht ernst genommen, weil es sich nur um ein paar einzelne neue Wohnstraßen handelt. Aber wir haben 27 Kommunen im Landkreis, und wenn das überall passiert, kommt da schnell ein Flächenverbrauch von mehreren 100 Hektar zusammen.“

Regio-Planungsverband gefordert

Zahn erinnert an die wichtige Funktion von Wäldern als Ökosystem und deren Rolle beim Binden von CO2, beim Speichern von Wasser, der Luftreinigung und dem Sichern von biologischer Vielfalt. Bim Flächenverbrauch sei für ihn im Landkreis „ein Rückgang oder ein Gegensteuern nicht erkennbar“. Der 79-Jährige regt deshalb einen regionalen Planungsverband an, der im Landkreis „verbindliche Reduktionswerte zur Begrenzung der Flächenumnutzung vorschreibt“. Angesichts des Klimawandels müsse auch im Landkreis nachhaltiger mit dem Lebensraum umgegangen werden.

Im Kreis Amberg-Sulzbach gibt es immer weniger landwirtschaftliche Fläche

Sulzbach-Rosenberg
Info:

Daten und Fakten zum Flächenverbrauch

Laut Peter Zahn, dem Kreisvorsitzenden des BUND Naturschutz, sind allein im Freihölser Forst für den Ausbau von Gewerbe- und Tagebauflächen knapp 213 Hektar Wald und Naturfläche bedroht.

  • 24,5 ha: Geplante Erweiterung Gewerbegebiet Schafhof III (über 10 ha bereits gerodet)
  • 22,9 ha: Geplante Sandaufbereitungsanlage Firma Godelmann
  • 160 ha: Geplante Abgrenzung Sandtagebau "Amberg-Ost"
  • 5,5 ha: Angekündigte Erweiterung Gewerbegebiet Schafhof IV

„Wenn ein Wald zerstört wird, braucht er 80 bis 100 Jahre, ehe er wieder voll funktionsfähig ist.“

Peter Zahn, Vorsitzender des BUND Naturschutz Amberg-Sulzbach

Peter Zahn, Vorsitzender des BUND Naturschutz Amberg-Sulzbach

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