29.09.2021 - 16:54 Uhr
FlossenbürgOberpfalz

KZ-Gedenkstätte Flossenbürg: Mit Theater gegen Antisemitismus

Mit dem Projekt "ReMember" beschreitet die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg in der Erinnerungsarbeit neue Wege. Mit dabei sind Flüchtlinge und Migranten aus Schwandorf. Das Ergebnis: Ein Theaterstück, das nicht nur an Schulen aufgeführt wird.

20 Jugendliche aus dem Raum Schwandorf nehmen am Workshop des Projekts ReMember in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg teil. Nach einigen Vortreffen lernen sie im Sommer die Gedenkstätte und deren Geschichte kennen.
von Alexander Pausch Kontakt Profil

Die 20 jungen Frauen und Männer stehen auf einer kleinen Anhöhe am Rande der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg (Landkreis Neustadt/WN). Sie kommen unter anderem aus Afghanistan, aus Irak und Syrien, sowie aus Afrika und aus der Oberpfalz. Manche leben erst seit kurzem in Deutschland. Sie sind Flüchtlinge und Migranten. Andere sind hier aufgewachsen. Alle sind Schüler am Beruflichen Schulzentrum oder an der FOSBOS in Schwandorf. Mit Hilfe eines historischen Fotos versuchen sie an diesem Samstagnachmittag zu verstehen, wie sich das Gelände nach der Befreiung des Lagers kurz vor Ende des Zweiten Krieges entwickelt hat.

Vor gut einem Jahr haben sich die Jugendlichen auf eine gemeinsame Reise begeben. An diesem Donnerstag haben sie einen wichtigen Zwischenhalt erreicht. In der KZ-Gedenkstätte wird ihr Theaterstück "Damals wie heute" aufgeführt. Am Samstag wird es in Regensburg gezeigt werden. Weitere Aufführungen in Schulen in Bayern und in ganz Deutschland sind geplant. Die Inszenierung spiegelt das wider, was sich die jungen Menschen in den vergangenen Monaten erarbeitet haben. Darüber wollen sie nach dem etwa 30-minütigen Stück mit dem Publikum diskutieren. Die Fragen: Wie wirkt das, was im Nationalsozialismus geschehen ist, weiter? Wie ehrlich ist unsere Gesellschaft in der Auseinandersetzung?

Eigene und deutsche Geschichte entdecken

Im Zuge des Projekts "ReMember" der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg und von MIND prevention haben sich die jugendlichen Teilnehmer mit Vorurteilen, Diskriminierung und Ausgrenzung auseinandergesetzt. Sie erkundeten ihre eigene und die deutsche Geschichte. Die jungen Frauen und Männer befassten sich mit Antisemitismus, Judenverfolgung und dem Holocaust sowie dem jüdischem Leben in der Gegenwart. Dazu gehören unter anderem Begegnungen mit Juden und Zeitzeugen. Die pädagogischen Kräfte bieten den Jugendlichen im Projekt einen offenen Raum. Es gibt keine Belehrung. Diskussionen und Rollenspiele helfen den Teilnehmenden die eigene Biographie in einem historischen, politischen und gesellschaftlichen Zusammenhang zu verstehen.

„Wir laden junge Menschen ein, Geschichte zu entdecken – ihre eigene, und unsere gemeinsame“, sagt Dennis Forster, wissenschaftlicher Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte und einer der Projektleiter von "ReMember". Politisch-historische Bildung treffe auf Radikalisierungsprävention und Erinnerungskultur. "Wir tun etwas gegen Feindbilder und ausgrenzende Ideologien, die unserem gelingenden Zusammenleben im Wege stehen.“ Im Projekt werden die Teilnehmer werden nicht nur angeregt, über ihre Geschichten zu sprechen sondern auch kritisch über ihre Haltungen nachzudenken, etwa über ihre Vorstellungen von Geschlechterrollen, über Homosexualität oder über Religion.

Verknüpfung mit eigener Biografie

„Vor dem Projekt hatte ich immer gehört, dass Juden reich sind und alle Länder kontrollieren wollen. Es hieß, sie seien schuld am Krieg,“ erzählt etwa Naqib Zadran, ein Teilnehmer des Projekts. Er lebt seit zwei Jahren in Schwandorf. Über den Holocaust und die NS-Zeit wurde in seinem Heimatland Afghanistan nicht gesprochen. „Es war ganz neu für mich, darüber zu lernen.“ Nadine Seidl weist auf die lange Verdrängung in Deutschland hin: „Über das Thema Juden spricht man nicht.“ Die 18-jährige Teilnehmerin fügt hinzu. „Man kennt Juden nur aus dem Geschichtsunterricht. Es hat immer etwas Tabubehaftetes.“

Andere stellen Verknüpfungen zur dramatischen Entwicklung in ihrer Heimat her. Sie wie Mohamad al-Wahha aus den syrischen Deir-ez Zor und Sipan Al-Sala aus dem irakischen Karakosch. In den Heimatorten der beiden herrschte und mordete über Monate hinweg die islamistische Terrormiliz IS. "Das was hier passiert ist, passierte auch bei uns", sagt al Wahha, ohne beides gleichsetzen zu wollen. Er sieht ähnliche Muster der Ausgrenzung und Entmenschlichung. "Ich will verstehen, warum Menschen, die nichts getan haben, ermordet werden."

Projekt läuft seit zwei Jahren

Später an diesem Samstagnachmittag gehen die Teilnehmer des Workshops durch die Ausstellung in der Gedenkstätte. Sie hören die Berichte über die verschiedenen Opfer und stehen zum Ende des Rundgangs im Häftlingsbad im Keller des Gebäudes. Dort erfahren sie von Matthias Rittner, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gedenkstätte, wie die Häftlinge ihrer Identität und Würde beraubt wurden.

An diesem Abend haben die Jugendlichen vieles untereinander zu besprechen. Während dieses Wochenendes schlafen die Teilnehmer in der Jugendherberge Burg Trausnitz (Kreis Schwandorf). Stoff zur Diskussion bieten auch die Fotografien, die sie in der Ausstellung gemacht haben, um die Texte später noch einmal in Ruhe zu lesen und zu verstehen.

Das Projekt läuft im zweiten Jahr. Angelegt ist es bislang auf drei Jahre. "ReMember" wird aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien im Rahmen des Programms „Jugend erinnert“ sowie des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus finanziert. Vergangenes Jahr hatte die Corona-Pandemie auch das Projekt aus dem Tritt gebracht. Am Ende konnte deshalb nicht wie vorgesehen ein Theaterstück entwickelt werden, mit dem die Teilnehmer Gleichaltrige als Geschichtsbotschafter ansprechen. Statt dessen war ein etwa 20-münitiger Film entstanden. Nun gibt es erstmals ein Theaterstück.

Debatte vor Gericht

Flossenbürg
Weiden in der Oberpfalz
Hintergrund:

Projekt ReMember

  • Das Projekt ReMemeber wird durch das Förderprogramm „Jugend erinnert“ der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien mit 400.000 Euro unterstützt. Es läuft drei Jahre. Förderung gibt es auch vom bayerischen Kultusministerium.
  • ReMember ist eine gemeinsame Initiative der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg und MIND prevention aus Berlin mit dem Beruflichen Bildungszentrum Schwandorf.
  • MIND prevention – die Mansour-Initiative für Demokratieförderung und Extremismusprävention wurde 2017 durch Ahmad und Beatrice Mansour gegründet.
  • Im Workshop sollen Jugendliche mit verschiedenen Herkunftsbiografien zu Geschichtsbotschaftern ausgebildet werden. Setzen befassen sich unter anderem mit Vorurteilen und Diskriminierung, dem Holocaust und jüdischen Leben auseinander.
  • Bis ins nächste Frühjahr soll das von den Jugendlichen entwickelte Theaterstück "Damals wie heute" in Schulen gezeigt werden. An diesem Donnerstag ist es ab 16 Uhr in der KZ Gedenkstätte Flossenbürg zu sehen. Es gilt die 3-G-Regel. Einlass nur nach Anmeldung: buchung[at]gedenkstaette-flossenbuerg[dot]de

 

 

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