29.04.2020 - 13:35 Uhr
IllschwangOberpfalz

Gastronomen in der Krise: "Wir müssen wieder Mut fassen"

Hans-Jürgen Nägerl, der Bezirksvorsitzende des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes, verrät, wie es den Gastro-Betrieben in der Region während der Coronakrise geht, und lobt die Bundesregierung für ihr durchdachtes Eingreifen

Blauer Himmel über dem Amberger Marktplatz. Die Tische und Stühle der Cafés und Restaurants bleiben trotzdem leer. Noch ist eine Öffnung der Gaststätten nicht in Sicht.
von Florian Bindl Kontakt Profil

Die Gastronomie ist von der Coronakrise so heftig getroffen worden wie kaum eine andere Branche. Seit die Ausgangsbeschränkungen in Kraft sind, suchen die Betreiber verzweifelt nach Einnahmequellen. Hans-Jürgen Nägerl hat die Lage in der Oberpfalz und speziell im Landkreis Amberg-Sulzbach im Blick. Der Herr des Hotels "Weißes Ross" in Illschwang ist gleichzeitig Bezirksvorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA) Die Lage in der Region sei nicht weniger als "katastrophal". Und doch versprüht er Optimismus.

ONETZ: Herr Nägerl, als die Bundesregierung die Lockerungen der Ausgangsbeschränkung vorstellte, kam ein Thema kaum zur Sprache: die Gastronomie. Was halten Sie davon?

Hans-Jürgen Nägerl: Ehrlich gesagt bin ich frustriert. Es geht um unsere Gesellschaft, um unser aller Wohl. Das muss Vorrang haben vor Eigeninteressen. Das verstehe ich und auch 95 Prozent der Bundesbürger kapieren das. Trotzdem stehen wir unter riesigem Druck. Da hängen schließlich Familienbetriebe und Generationen dran, die sich etwas aufgebaut haben. Das alles zu halten, ist nicht so einfach.

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München

ONETZ: Vor kurzem veröffentlichte der DEHOGA Zahlen, denen zufolge einem Drittel aller Gastronomie-Betriebe die Pleite droht. Gilt das auch für unsere Region?

Nägerl: Ja, das sind 70.000 Betriebe in Deutschland. Das ist definitiv so. Die Lage ist katastrophal. 30 bis 40 Prozent werden den Jordan runter gehen. Besonders die in der Stadt sind stark betroffen, weil sie meistens Pachtbetriebe sind. Die Fixkosten in der Stadt sind immer höher. Gleichzeitig haben aber Gaststätten in der Stadt eher die Möglichkeit, Essen zum Abholen anzubieten. Das Größte, was wir momentan haben, ist die Solidarität. Die Leute fahren zu jedem Kollegen von mir, der etwas anbietet, hin, auch auf dem Land, und unterstützen den. Bei mir kamen zwei vorbei und haben gesagt: "Hans, wir müssen jetzt zu dir kommen und helfen". Die haben dann Schnitzel mit Spargel abgeholt. Das ist grandios. Die Solidarität, die wir von der Bevölkerung erfahren, ist der Wahnsinn. Ich mag auch nicht immer selber kochen und bin deshalb in der Region unterwegs, um andere Gaststätten zu unterstützen.

ONETZ: Aber helfen die Abhol- und Lieferdienste den Betrieben finanziell wirklich?

Nägerl: Nein, das nicht. Die machen höchstens 25 Prozent des normalen Umsatzes aus. Und es fehlen uns ja alle Zusatzleistungen wie ein Getränkeservice nach dem Essen. Aber die Angebote sind ein Symbol, das sagt: Vergesst uns nicht! Wir sind auch noch da.

ONETZ: Immer wieder ist von einer "verantwortungsvollen Öffnung" der Gaststätten die Rede. Was bedeutet das?

Nägerl: Mundschutz im Lokal wird auf jeden Fall kommen, genauso wie ein Tischabstand von 1,50 Metern. Um was wir wahrscheinlich nicht herumkommen, sind Gloschen, in denen wir das Essen servieren – einer Abdeckung, wie sie schon früher in der klassischen Küche üblich war. Die Hygienestandards sind sowieso schon sehr hoch, die müssen wir trotzdem nochmal erhöhen. Das ist jedem Hotelier, Gastronomen, Metzger oder Bäcker klar. Wenn ich da einen Fehler mache, ruiniere ich mich selbst.

ONETZ: Der Staat hat umfangreiche Soforthilfe-Maßnahmen für gefährdete Betriebe angekündigt. Kommt davon etwas bei den Gastronomen an?

Nägerl: Ja, das funktioniert. Ich habe schon von mehreren Kollegen gehört, dass sie nach zwei Wochen Geld erhalten haben. Natürlich dauert das etwas. Man muss verstehen, dass die Situation auch für die Ämter von heute auf morgen gekommen ist. Die müssen da auch erst Strukturen schaffen und das neu aufbauen. Denen liegen 70.000 Anträge auf Kurzarbeitergeld vor, die bearbeitet werden sollen. Persönlich finde ich, das hat der Staat wirklich gut gemacht. Natürlich muss man an mancher Stelle nachbessern, aber das ist normal. Meiner Meinung nach braucht es einen Hilfsfonds, um das Ganze abzufedern. Die gewährten Darlehen müssen schließlich auch zurückgezahlt werden. (Anm. d. Red.: Mittlerweile hat die Regierung die befristete Senkung des Mehrwertsteuersatzes für Gastro-Betriebe von 19 auf 7 Prozent beschlossen. Diese gilt für ein Jahr ab Juli.)

ONETZ: Wie kann der Schritt zurück zu einem normalen Gaststätten-Betrieb gelingen?

Nägerl: Wir dürfen jetzt auch nicht zu stark einbremsen, sonst dauert es umso länger, bis wir wieder rauskommen. Wir dürfen den Konsum nicht abwürgen. Der hat unser Land stark gemacht und die Maschine am Laufen gehalten. Außerdem: Der Aufwand nach der Öffnung wird deutlich höher sein. Wir müssen desinfizieren, Türen, Zimmer, alles. Überall braucht es Desinfektionsmittelspender. Alle Mitarbeiter müssen auf neue Hygieneregeln eingestimmt sein.

ONETZ: Vermutlich wird aber auch das Kundenaufkommen erstmal geringer ausfallen.

Nägerl: Jeder Mensch hat Angst, das ist ganz normal. Ich auch. Es wird recht verhalten losgehen. Aber wir müssen auch wieder Mut fassen und sagen: Hey, es gibt auch noch ein Leben. Nicht so extrem wie vorher. Aber gemeinsam etwas Gutes essen und trinken, das ist wichtig für ein positives Lebensgefühl.

ONETZ: Und wie nutzen Sie im Moment die Zeit in Ihrem Hotel?

Nägerl: Wir haben unseren Garten umgebaut, versuchen einen Englischen Rasen zu bekommen. Das ganze Grundstück ist auf den Kopf gestellt, nächste Woche kommt der Maler nochmal. Im Schwimmbecken haben wir das Wasser neu eingelassen. Ansonsten kochen wir natürlich zum Abholen. Am 1. Mai bieten wir einen Drive-In, Bike-In oder Walk-In an. Die Leute können auf ihrer Tour vorbeikommen und sich etwas mitnehmen. Das haben sich meine Tochter und mein Schwiegersohn ausgedacht, eine echt coole Idee.

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