17.01.2022 - 11:09 Uhr
NeukirchenOberpfalz

Frustrierte Arzthelferin kämpft um Corona-Bonus

Seit zwei Jahren arbeitet Christina Markert aus Neukirchen an vorderster "Corona-Front": Die Dauerbelastung medizinischer Fachangestellter wird ihrer Ansicht nach nicht gewürdigt. Von Politikern ist sie enttäuscht. Nun redet sie offen.

Schutzkittel, Handschuhe, Maske - bis zu neun Stunden am Tag: Die Medizinische Fachangestellte Christina Markert aus Neukirchen weiß, wie sich Dauerbelastung in Pandemiezeiten anfühlt. Anerkennung in Form eines Corona-Bonus bekommen sie und ihre Kollegen aber nicht.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Christina Markert übt ihren Beruf mit Leidenschaft aus, seit 38 Jahren. Der Kontakt zu den Menschen, helfen und für Kranke und Schwache da sein zu können, "das macht mir Spaß". "An sich macht es Spaß", schiebt die 58-Jährige aus Neukirchen bei Sulzbach-Rosenberg relativierend nach. Denn seit rund zwei Jahren hat die medizinische Fachangestellte einen faden Beigeschmack in der Arbeit. Genau wie ihre sechs Kolleginnen in der Neukirchener Hausarztpraxis Kerscher und Amsel oder jene sieben in der Sulzbach-Rosenberger Praxis-Nebenstelle. Sie alle gingen bislang leer aus, wenn es um den Corona-Pflegebonus geht, dessen Neuauflage aktuell wieder im Gespräch ist.

Die neue Bundesregierung will Anfang diesen Jahres erneut einen Bonus für Pflegekräfte zahlen. Die erste Zahlung umfasste 500 Euro. Diesmal soll die Anerkennung größer ausfallen, bis zu 3.000 Euro pro Person sind im Gespräch. Wer die Zahlung erhält, entscheidet in Bayern das Gesundheitsministerium und legt das in der Corona-Pflegebonusrichtline genau fest. Arzthelferinnen wie Christina Markert oder Zahnarzthelferinnen, die täglich bei Dutzenden Patienten im Sprühnebel oraler Behandlungen stehen und sich dabei einem hohen Infektionsrisiko aussetzen, gehörten bislang nicht dazu. Genau wie Ärzte, Mitarbeiter in Dialysezentren und viele mehr. Für diese nicht berücksichtigten Berufsgruppen will Markert stellvertretend sprechen.

Ungerecht behandelt

Markerts Schreiben an Landtags- und Bundestagsabgeordnete, das Landesamt für Pflege, die damalige Gesundheitsministerin Melanie Huml oder Ministerpräsident Markus Söder liefen alle ins Leere – die verheiratete Mutter von vier Kindern fühlt sich deshalb nicht gehört. Nun reicht es ihr: "Ich fühle mich ungerecht behandelt. Was unterscheidet uns von Sozialstationen oder Pflegern in Altenheimen, obwohl wir den gleichen Job machen?"

Markert ist nicht nur Medizinische Fachangestellte, sondern hat sich zur Versorgungsassistentin weiterqualifiziert. Im Auftrag ihrer Chefs, der Hausärzte Dr. Gerhard Kerscher und Dr. Tatjana Amsel, ist sie im gesamten Raum Neukirchen und Sulzbach-Rosenberg unterwegs, um nahezu täglich Menschen zu Hause zu behandeln. "Es sind bis zu 15 Patienten an einem Vormittag. Ich nehme Blut ab, messe Blutzucker und Vitalwerte, setze Spritzen, mache Corona-Abstriche." Weil Altenpfleger bestimmte Tätigkeiten wie Blutabnahme oder Corona-Abstriche nicht machen dürfen, ist die Versorgungsassistentin auch in Pflegeheimen im Einsatz.

Dauereinsatz und Corona-Stress

"Ich betreue acht Heime in der Region. Die Bewohner leben weitgehend isoliert und haben viel mehr Gesprächsbedarf als vor Corona-Zeiten. Oft bekommen sie das Essen wie einen Hundenapf bloß vor die Tür gestellt. Meist muss ich sie abwürgen, weil der Zeitdruck groß ist und ich dringend zum nächsten Hauspatienten weiter muss." Solche Erfahrungen belasten, genauso wie die Schutzkleidung. "Wir rennen seit März 2020 verkleidet herum, tragen auch im Hochsommer immer FFP2-Maske, einen Schutzkittel, Handschuhe und oft noch ein Plastik-Schutzschild vor dem Gesicht. Vieles davon muss nach jedem Patienten gewechselt werden."

Auch die Arbeit in der Praxis ist anstrengender geworden. Plötzlich sei politisch beschlossen worden, dass Hausärzte auch impfen sollen. "Der Bürokratie-Aufwand ist enorm, wir müssen ständig diskutieren mit Impfskeptikern oder Verunsicherten über Nebenwirkungen. Dann wollen viele bloß Biontech, aber nicht Astrazeneca, dann fehlt plötzlich der Impfstoff und wir müssen alle Termine absagen. Dann werden die Empfehlungen für den Impfabstand verändert. Es geht drunter und drüber, jeden Tag. Wir kämpfen an vorderster Front und machen alles mit." Im Gegensatz zu vielen Betrieben gebe es beim Arzt auch keine Kurzarbeit. "Wir arbeiten seit Pandemiebeginn im Akkord."

Impf-Akkord in Praxis

Warum sie keinen Bonus gezahlt bekommt, will Markert vom Landesamt für Pflege wissen. Antwort: "Nicht berechtigt." Arzthelfer stehen nicht auf der Liste. Das Amt handelt damit gemäß der politischen Vorgabe korrekt, doch unbefriedigend ist das für viele Berufsgruppen dennoch. "Nur, weil wir in einer Hausarztpraxis arbeiten, bekommen wir das Geld nicht." Was für Markert dem Fass den Boden ausschlägt, ist Folgendes: "Wenn es um den Corona-Bonus geht, zählen wir nicht zu den Pflegekräften. Aber bei der Impfpflicht fallen wir plötzlich darunter und sollen auch in Hausarztpraxen impfen." Markert, die seit längerem nur noch in Teilzeit arbeitet, sagt, ihr gehe es "überhaupt nicht" um das Geld, sie neide es auch niemandem, der formal berechtigt sei. Aber: "Ich erwarte von der Politik, dass wir mit auf der Liste stehen, wenn es eine neue Bonus-Zahlung gibt." Medizinische Fachangestellte hätten bislang nämlich nicht mal den vielzitierten Applaus wie Pfleger bekommen.

Enttäuscht ist Markert auch von Ex-Bundestagsabgeordnetem Alois Karl und Landtagsabgeordnetem Harald Schwartz (beide CSU). Beide habe sie um Unterstützung gebeten, um in dieser Sache etwas zu bewegen. Während Karl gar nicht geantwortet haben soll, sei vom Büro Schwartz nur die Eingangsbestätigung gekommen und die Versicherung, man würde in der Sache nachhaken." Das war vor zwölf Monaten, im Januar 2021. Seitdem hat die Arzthelferin nichts mehr gehört. "Unsere Abgeordneten verkünden immer groß, dass sie für die Leute da sind, und dann gibt es nicht mal eine Antwort", sagt sie enttäuscht. Was ist herausgekommen? Was ist die inhaltliche Begründung dafür, dass Arzthelfer nicht Bonus-berechtigt sind? All dies hätte Markert gerne gewusst.

Harald Schwartz zeigt Verständnis

Als Oberpfalz-Medien nachhakt, meldet sich Harald Schwartz – und zeigt Verständnis. "Das Anliegen von Frau Markert ist nachvollziehbar." Der Landtagsabgeordnete gibt eine offene Antwort: "Als die Anfrage von Frau Markert Anfang 2021 kam, war bei uns im Büro die Hölle los. Der Katastrophenfall war frisch ausgerufen, die Impfkampagne ging los, wir wurden überflutet mit Anfragen." Und weiter: "Wir hätten ihr noch inhaltlich antworten sollen, das tut mir auch leid." Schwartz versichert aber, dass sein Büro für die Arzthelferin beim Landesamt für Pflege nachgehakt habe, aber auch nur mitgeteilt bekam, dass ihr Beruf klar jenseits der Richtlinie stehe.

Schwartz kennt die Problematik. "Frau Markert steht hier stellvertretend für viele im Gesundheitsbereich. Auch Beschäftigte in Dialysezentren bekommen keinen Bonus. Oder die Putzkraft auf der Intensivstation." Doch hätte Schwartz als Abgeordneter und Mitglied der CSU-Fraktion hier nicht Einfluss nehmen können? Immerhin ist der Ministerpräsident ein Parteifreund. Schwartz versichert, beim jetzigen Gesundheitsminister Klaus Holetschek darauf hingewirkt zu haben. "Ich habe ihm per Whatsapp geschrieben und um eine Begründung gebeten." Zu einer Anpassung der Pflegerichtlinie sei es aber dennoch nicht gekommen.

Heikle Abwägung

Zudem sei die Frage, wer das Geld noch bekomme und wer nicht, heikel. "Wo ziehen wir die Grenze? Das ist eine Abwägung, die nicht getroffen werden kann, ohne, dass jemand unzufrieden ist", plädiert er für eine realistische Sicht auf das Thema. Auch die finanziellen Folgen eines zu großen Kreises von Berechtigten seien nicht zu unterschätzen. Doch als einfacher Abgeordneter habe er hier kaum Einfluss. "Der Minister setzt Kriterien, zieht eine Linie, und ich als Abgeordneter kann mich dafür rechtfertigen." Es handele sich hierbei um eine "exekutive Entscheidung". Auch die Frage einer Neuauflage des Bonus sei in erster Linie Angelegenheit der neuen Bundesregierung und des Bundestages. Aber: "Ich hoffe sehr, dass medizinische Fachangestellte wie Frau Markert in den Kreis der Bonus-Berechtigten mit aufgenommen werden." Frau Markert hofft das auch.

Hier gehts zu Teil 2: So begründet das Ministerium, warum Arzthelfer keinen Bonus bekommen

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"Ich fühle mich ungerecht behandelt. Was unterscheidet uns von Sozialstationen oder Pflegern in Altenheimen, obwohl wir den gleichen Job machen?"

Christina Markert, Medizinische Fachangestellte und Versorgungsassistentin

Christina Markert, Medizinische Fachangestellte und Versorgungsassistentin

"Frau Markert steht hier stellvertretend für viele im Gesundheitsbereich. Auch Beschäftigte in Dialysezentren bekommen keinen Bonus. Oder die Putzkraft auf der Intensivstation."

Landtagsabgeordneter Dr. Harald Schwartz (CSU)

Landtagsabgeordneter Dr. Harald Schwartz (CSU)

 

 

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