02.11.2021 - 15:44 Uhr
NürnbergOberpfalz

Der NSU-Terror und die Verbindungen in die Neonazi-Szene in Ostbayern

Vor zehn Jahren ist die rechtsextremistische Terrorgruppe NSU und deren rassistische Mordserie aufgeflogen. Damit wurde das beispiellose Versagen der Sicherheitsbehörden sichtbar. Bis heute sind Fragen offen, auch in der Oberpfalz.

Demonstranten zeigen am Abend des 11. Juli 2018 Porträts der Opfer, um daran zu erinnern, wofür die Angeklagten im NSU-Prozess am Oberlandesgericht München verurteilt vwurden: die Ermordung von zehn Menschen.
von Alexander Pausch Kontakt Profil

Rund 70 Kilometer sind es von Amberg nach Nürnberg. Dort werden am 9. September 2000 neun Schüsse auf Enver Simsek abgefeuert. Fünf Projektile treffen den 38-Jährigen in den Kopf. Die Täter fotografieren ihr schwer verletztes Opfer und verschwinden. Zwei Tage später stirbt Enver Simsek im Krankenhaus. Erst elf Jahre später wird klar, dass der türkisch-stämmige Blumenhändler das erste Opfer einer rassistischen Mordserie war. Die Täter: die rechtsextremistische Terrorgruppe NSU.

Simsek ist nicht das einzige Opfer in Nürnberg. Am 13. Juni 2001 erschießen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt den 49-jährigen Schneider Abdurrahim Özüdogru. Der 50-jährige Ismail Yasar wird am 9. Juni 2005 in seinem Döner-Imbiss getötet. Quer durch die Republik ermordet der NSU sieben weitere Menschen: Süleyman Tasköprü, Habil Kilic, Mehmet Turgut, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubasik, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter. Zudem gehen zwei Anschläge in Köln und 15 Raubüberfälle auf das Konto des NSU. Offen ist, ob ein Anschlag in Nürnberg, ebenfalls auf das NSU-Konto geht.

Ermittlungen in die falsche Richtung

Die Sicherheitsbehörden sind den Terroristen nie wirklich auf die Schliche gekommen. Stattdessen wird in die falsche Richtung ermittelt: Von Drogenhandel und organisierter Kriminalität ist die Rede. Selbst trauende Angehörige werden verdächtigt und abgehört.

Aus dem Killertrio ist Beate Zschäpe als Mittäterin zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Das Oberlandesgericht München stellte zudem die besondere Schwere der Schuld fest. Mundlos und Böhnhardt haben sich am 4. November 2011 selbst umgebracht. Zschäpe zündete damals die gemeinsame Wohnung an und flüchtete, ehe sie gefasst wurde. Derzeit versucht sie mit einer Verfassungsbeschwerde gegen ihr Urteil vorzugehen. Als Waffenbeschaffer hat Ralf Wohlleben wegen Beihilfe zum Mord zehn Jahre Haft erhalten. Wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung sind Holger G. zu drei Jahren Haft und André E. zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt worden.

NSU-Unterstützerin mit Verbindung nach Amberg

Im Prozess ist deutlich geworden, dass es zwischen Helfern des NSU (Nationalsozialistischer Untergrund) und Oberpfälzer Rechtsextremisten enge Verbindungen gibt. Mandy S, die dem Trio nach dessen Abtauchen die erste Wohnung in Chemnitz vermittelt hatte, pflegt zu Richard L. während dessen Haft in der JVA Straubing eine Brieffreundschaft. Der einschlägig bekannte Neonazi hatte zusammen mit einem anderen Skinhead am 7. September 1995 in Amberg Klaus Dieter Beer ermordet, weil der 48-jährige Busfahrer schwul war. Richard L. besucht nach seiner Haftentlassung Mandy S. in Thüringen. Noch während der Haft von L. veröffentlichen sie im Neonaziblatt "Der Landser“ einen gemeinsamen Text.

Zeitweise wohnt Mandy S. in Franken und hat Verbindungen zu Matthias Fischer, einem Führungskader der Neonazi-Kameradschaft "Freien Netz Süd". Diese ist bis zum Verbot 2014 auch in der Oberpfalz aktiv. Die Telefonnummer von Fischer steht auf der Telefonliste von Mundlos. Die Liste fand die Polizei in einer als Bombenwerkstatt genutzten Garage in Jena. Fischer ist inzwischen in Brandenburg in der rechtsextremem Kleinstpartei "Der III. Weg" aktiv. In jener Bewegung, die verkündet: "Attentate einsamer Wölfe werden in dem Maße steigen, wie der große Austausch voranschreitet... An islamischen Terror mussten wir uns gewöhnen, an weißen Gegenterror müssen wir es auch."

Regelmäßige Besuche in Bayern

Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt sind in den 1990er Jahren häufiger in Bayern. Mundlos feiert im August 1994 mit anderen den Geburtstag eines Neonazi in einer Kiesgrube bei Straubing. Mundlos und Böhnhardt nehmen 1997 in München an der Demonstration gegen die Wehrmachtsausstellung teil. Beide waren von der Nürnberger Polizei registriert worden, weil sie im Neonazi-Treff "Tiroler Höhe" in Nürnberg verkehrten.

Es gibt damals enge Verbindungen zwischen Neonazi-Kameradschaften in Nordostbayern und in Thüringen. Wechselseitig treffen sie sich zu Konzerten. Ein Ort ist das "Pilspub 500" in Amberg. Belege dafür, dass das NSU-Trio in Amberg war gibt es nicht. Aber noch heute gibt es einen Austausch zwischen Oberpfälzer und Thüringer Neonazis.

Auch bayerischer V-Mann mit Kontakt zu NSU-Trio

"Man kennt sich, man trifft sich und man hilft sich." Ein Satz, der beschreibt, was in Teilen der Szene gilt. Nach dem Untertauchen wird das Trio von Mitgliedern des "Blood & Honour"-Netzes aufgefangen. Es werden Wohnungen besorgt, Geld gesammelt. Obwohl die rechtsextremistische Gruppe seit 2000 verboten worden ist, stellen Behörden immer wieder Aktivitäten fest. Auch in der Oberpfalz. Bei einer bundesweiten Razzia im Jahr 2006 schlägt die Polizei auch im Raum Amberg zu.

Im Umfeld des Terror-Trios gab es eine Reihe von V-Leuten. Kai Dalek, ein V-Mann des bayerischen Verfassungsschutzes, stand auf der Telefonliste von Mundlos und hatte Kontakt zu Tino Brandt. Der V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes baute den "Thüringer Heimatschutz" auf, aus dem der NSU hervorgegangen war. Dalek ist eine Schlüsselfigur der frühen Rudolf-Heß-Gedenkmärsche der Neonazis in Wunsiedel. Zudem baute er das "Thule-Netz" mit auf, den Verbund von Computer-Mailboxen über den Neonazis kommunizieren. Auch bei diesem V-Mann stellt sich die Frage, ob er nicht zum Brandstifter geworden ist, und so der Staat jene Szene mitfinanziert hat, aus der das NSU-Mördertrio hervorging und unterstützt wurde.

Drei Jahre bevor das NSU-Trio auffliegt, gibt es in Amberg ein Treffen, das vermuten lässt, dass die Polizei möglicherweise doch darüber nachdachte, ob ein rassistischer Hintergrund das Tatmotiv sein könnte. Am 11. März 2008 treffen sich Ermittler mit Angehörigen des MAD in Amberg, um über die Mordserie zu sprechen. Eine Überlegung sei gewesen, ob "es ein Täter aus dem Bereich der Kommando-Spezialkräfte (KSK) oder ob es ein traumatisierter Soldat sein könnte", heißt es im Schlussbericht des NSU-Untersuchungsausschuss des Landtages.

Debatte über Löschmoratorium

In der parlamentarischen Aufklärung seien alle Fragen gestellt worden, die gestellt werden müssten, aber es seien nicht alle Antworten gegeben worden, beklagt Uli Grötsch. Der Weidener Bundestagsabgeordnete war SPD-Obmann im 3. Untersuchungsausschuss zum Thema "NSU" von November 2015 bis Juli 2017. "Es ist noch ungeklärt, wer die Kontaktleute in Nordostbayerns Neonaziszene waren", sagt Grötsch.

Nach diesen fragen auch Angehörige der Opfer. Wer half beim Ausspähen? Warum wurde mein Mann, mein Vater oder mein Sohn ausgewählt? Manche erhoffen sich Aufschluss aus den Akten. Bislang gibt es ein Löschmoratorium für bei bayerischen Sicherheitsbehörden gespeicherte Daten zum Fall NSU. Derzeit ringt der Innenausschuss darum, ob es so bleibt.

Kommentar zur Aufarbeitung

Nürnberg

Letzter KZ-Wächter von Flossenbürg entgeht einem Prozess

Flossenbürg

Diese Oberpfälzer kämpften gegen das NS-Regime

Weiden in der Oberpfalz

"Ich als Tochter möchte wissen, warum ausgerechnet mein Vater? Nach welchen Kriterien wurde er denn ausgesucht? War das nur Zufall? Für mich gibt es keinen Schlussstrich. Wir dürfen das nicht vergessen."

Semiya Simsek, die Tochter des vom NSU in Nürnberg ermordeten Enver Simsek

Semiya Simsek, die Tochter des vom NSU in Nürnberg ermordeten Enver Simsek

Hintergrund:

Die Opfer des NSU-Terrors

  • 9. September 2000, Nürnberg: Die Mordserie beginnt. Der türkisch-stämmige Blumenhändler Enver Simsek (38) wird beim Arbeiten erschossen.
  • 13. Juni 2001, Nürnberg: Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt erschießen den Türken Abdurrahim Özüdogru (49) in seiner Änderungsschneiderei.
  • 27. Juni 2001, Hamburg: Der türkische Händler Süleyman Tasköprü (31) stirbt durch mehrere Kopfschüsse in seinem Lebensmittelladen.
  • 29. August 2001, München: Mundlos und Böhnhardt erschießen den türkischen Gemüsehändler Habil Kilic (38) in seinem Geschäft.
  • 25. Februar 2004, Rostock: Die Rechtsterroristen töten den türkischen Imbissverkäufer Mehmet Turgut (25).
  • 9. Juni 2005, Nürnberg: Ismail Yasar (50) wird in seinem Döner-Imbiss getötet.
  • 15. Juni 2005, München: Der Grieche Theodoros Boulgarides (41) stirbt durch drei Kopfschüsse in seinem Schlüsseldienst-Laden.
  • 4. April 2006, Dortmund: Mundlos und Böhnhardt töten den türkischstämmigen Kioskbetreiber Mehmet Kubasik (39).
  • 6. April 2006, Kassel: Halit Yozgat (21) stirbt durch Schüsse in seinem Internet-Café, in dem sich in großer zeitlicher Nähe zur Tat ein ehemaliger Mitarbeiter des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz aufhielt.
  • 25. April 2007, Heilbronn: Die Polizistin Michèle Kiesewetter (22) ist das letzte bislang bekannte Opfer des NSU. Sie wuchs in Thüringen auf und arbeitete später in Heilbronn als Polizistin.

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.