10.09.2021 - 17:34 Uhr
OberviechtachOberpfalz

Das "9-11 WTC Memorial Oberviechtach": Erinnerung aus Stahl und Licht

Mehr als 1000 Stahlträgerstücke aus dem zerstörten World Trade Center gingen in alle Welt, um an die Opfer der Anschläge vom 11. September 2001 zu erinnern. Einer ist Teil eines Denkmals in Oberviechtach. Der einzige in Deutschland.

Mit einer feierlichen Zeremonie, zu der Soldaten des Panzergrenadierbataillons 122 und des 2. US-Kavallerieregiments aus Vilseck angetreten waren, wurde am Samstagnachmittag. 8. Oktober 2011, das „9-11 WTC Memorial“ in der Oberviechtacher Allee seiner Bestimmung übergeben.
von Alexander Pausch Kontakt Profil

Es beginnt mit einer Leidenschaft, die viele diesseits und jenseits des Atlantiks teilen, mit der Leidenschaft für die Feuerwehr. Als Josef Suckart aus Oberviechtach (Kreis Schwandorf) im Jahr 1998 bei der Feuerwehr in Freeport auf Long Island anklopft, ahnt niemand, dass daraus im Lauf der Jahre eine Partnerschaft wird und Freundschaften entstehen.

Knapp ein Jahrzehnt später, im Jahr 2007, marschieren rund 100 Oberviechtacher von der Feuerwehr, der Blaskapelle und vom Spielmannszug bei der 50. Steuben-Parade auf der "Fifth Avenue" in New York mit. Keiner, der damals aus der Oberpfalz mit in die Vereinigten Staaten gereist ist, erwartet, dass in Oberviechtach vier Jahre später mit einem Teil des bei den Terroranschlägen vom 11. September 2001 zerstörten World Trade Centers ein Denkmal gebaut werden werden wird – gewidmet all denen, die sich als Helfer für andere einsetzen: "Dedicated to all who serve."

Begegnung im Museum an Ground Zero

Auslöser ist eine Begegnung im Spätsommer 2009 in einem kleinen Museum am Ground Zero, an dem Ort, an dem einst die beiden Türme des Word Trade Centers standen. Lee A. Ielpi, ein ehemaliger, hochdekorierter New Yorker Feuerwehrmann führt Besucher aus Oberviechtach durch das "Tribute WTC Visitor Center". Ielpi hat es zusammen mit anderen Angehörigen der Opfer des Terroranschlags vom 11. September 2001 gegründet.

Der heute 76-Jährige ist ein bemerkenswerter Mann. Er ist der Präsident der "September 11th Families' Association" und sitzt im Aufsichtsrat des "National September 11 Memorial Museum". Am 11. September 2001 verlor Ielpi seinen Sohn Jonathan in den Trümmern des einstürzenden World Trade Centers. Der damals 29-Jährige wollte helfen. Jonathan war ein New Yorker Feuerwehrmann, wie sein Vater. Jonathan Ielpi ist einer von mehr als 340 Feuerwehrleuten und Rettungskräften, die ums Leben kommen. Trotz des Verlustes seines Sohnes sagt Ielpi bei einem Besuch vor zehn Jahren in München über sich: "Ich hatte Glück."

Leichnam des Sohnes aus den Trümmern geborgen

Vor 20 Jahren, als die beiden Hochhaustürme durch den Anschlag zerstört werden, ist Lee A. Ielpi schon pensioniert. Er kehrt in den aktiven Dienst zurück und hilft, Trümmer und Schuttberge des World Trade Centers nach Überlebenden zu durchsuchen. Er arbeitet zusammen mit sieben anderen Vätern, ebenfalls Feuerwehrleute. Sie werden "The Fathers’ Eight" genannt. Nach Monaten wird der Leichnam seines Sohnes Jonathan gefunden, in den Trümmern des Südturmes. "Ich war der Einzige, dem es möglich war, den Leichnam seines Sohnes mit nach Hause nehmen zu können." Deshalb schätzt Lee A. Ielpi sich glücklich.

Das kleine Museum, durch das Ielpi die Besucher an diesem Septembertag führt, dient dem Gedenken an die Opfer. Es gibt eine Ausstellung mit Gegenständen, die an die Opfer erinnern. Darunter ist auch die Feuerwehrjacke von Jonathan Ielpi. Lee A. Ielpi zeigt diese den Besuchern. Vermittelt hatte die Führung für Maggie und Doug Eberhart aus Baldwin sowie Oliver Süß, Josef Suckart und Martin Zimmermann aus Oberviechtach ein ebenfalls pensionierter New Yorker Feuerwehrmann, Bob O'Donnel.

Im Februar 2011 kommt die erlösende Zusage

Seine Besuchern erzählt Ielpi, dass die New Yorker Hafenbehörde rund 1000 Teile aus den Überresten des World Trade Center verteilt, damit Mahnmale entstehen. Der Funke springt über – unter den Oberviechtachern reift die Idee, sich um eines der Teile zu bemühen. Wieder zu Hause holen sie sich die Rückendeckung der Stadt Oberviechtach und stellen mit Unterstützung der amerikanischen Freunde einen Antrag. Dann herrscht lange Zeit Schweigen.

Gut eineinhalb Jahre später, im Februar 2011, kommt von Maggie Eberhart plötzlich die erlösende Nachricht: "Es wird wirklich passieren – wir bekommen das Stahlteil H-0031a für Oberviechtach." Aber es gibt Bedingungen: Es muss kostenlos und öffentlich ausgestellt werden. Die Haftung erfolgt nach US-Recht. Eine Bedingung hat auch der damalige Oberviechtacher Bürgermeister Franz Weigl: Kosten darf es nichts. Das hat es dann auch nicht, dank der vielen Sponsoren.

Verein zum Bau eines Denkmals gegründet

Also wird im Juni 2011 zur Umsetzung ein Verein geründet: die "German American Firefighters and Friends" (G.A.F.F.). Dessen Ziel ist die Errichtung eines Ehrenmals mit dem Stahlteil. Anfangs sind es knapp 30 Mitglieder, später 60. Es werden Sponsoren gesucht – und Rainer Wild entwickelt einen Entwurf für das Denkmal. Vor dem Stahlteil sollen im Maßstab 1:200 zwei Glasmodelle an die mehr als 400 Meter hohen Hochhaustürme des World Trade Centers erinnern. Ein Bezug zur Glasstraße. Der rund 1,80 Meter lange, 80 Zentimeter breite und 650 Kilogramm schwere Stahlträger soll auf einem Sockel aus Oberpfälzer Granit ruhen. Aber noch ist das Artefakt H-0031a nicht in Deutschland.

Vor allem die Frage des Transports und die Zoll-Formalitäten scheinen zeitweise unüberwindlich. Die zentrale Frage: Was ist der Wert des Artefaktes? Diese wird für die Versicherung und die Einfuhr benötigt. Hilfe kommt schließlich von Michael Klose, verantwortlich für den Vertrieb bei DB Schenker am Standort Neutraubling. Er hat selbst einige Jahre in New York gearbeitet und kennt das World Trade Center, als es noch stand. Dort im Südturm war ein Büro von DB Schenker. Jetzt übernimmt Schenker den Transport des Stahlteils.

Abholung im Hangar 17 des Flughafens in New York

Ende August 2011 nimmt eine Oberviechtacher Abordnung zusammen mit amerikanischen Freunden Keith Liere, Ethan Theune und der Familie Eberhart das Artefakt H0031a am Hangar 17 des "John F. Kennedy International Airport" in Empfang. Der Stahlträger wird mit der Fahne der Stadt Oberviechtach und der US-Flagge bedeckt. Letztere stellt George Wolfrom, ein amerikanischer Veteran, zur Verfügung.

Den Pick-up für den Transport stellt die Firma "Bay Crane", die mit ihren Kränen auch beim Beseitigen der Trümmer an Ground Zero im Einsatz war und für die Doug Eberhart von der freiwilligen Feuerwehr aus Baldwin arbeitet. Es geht eskortiert von Feuerwehrfahrzeugen und Harleys nach Freeport zur Schenker-Niederlassung. Dort gibt es für das Stahlträgerteil ein "White Glove Treatment" – was das bedeutet sehen die Oberviecher erst beim Auspacken in Neutraubling. Doch der Heimflug verzögert sich, wegen Hurrikan "Irene", der über New York hinwegzieht.

Gedenkfeier in den Rose Baracks in Vilseck

Anfang September trifft das Stahlteil schließlich in Neutraubling ein. Beim Öffnen sehen die Freunde von G.A.F.F. was es mit dem "White Glove Treatment", der bevorzugten Behandlung, auf sich hat. Die Transportkiste ist mit rotem Vlies ausgeschlagen. Auf dem Stahlträger liegen nicht nur die beiden Fahnen, sondern auch ein Zettel: "Packed with Respect by New Yorkers" (Mit Respekt von New Yorkern verpackt) steht darauf in Großbuchstaben, darunter neun Unterschriften.

Die Zeit drängt. Mit einem Lastwagen des THW geht es nach Vilseck (Kreis Amberg-Sulzbach). Zum zehnten Jahrestag der Terroranschläge wird dort am Sonntag 11. September 2011, um 14.30 Uhr an die Opfer erinnert. Zu diesem Zeitpunkt schlug 2001 das erste Flugzeug in das World Trade Center ein. Die in den Rose Baracks stationierte 2. Schwadron des 2. US-Kavallerieregiments ist der Partnerverband des Panzergrenadierbataillons 122 aus der Grenzland-Kaserne in Oberviechtach. Neben einer Abordnung mit dem damaligen Kommandeur Oberstleutnant Christian Nawrat sind G.A.F.F.-Mitglieder, Sponsoren, Freunde und Bekannte und Bürgermeister Heinz Weigl mit in Vilseck.

Das "9-11 WTC Memorial Oberviechtach" wird enthüllt

Von Vilseck aus bringen die Panzergrenadiere den Stahlträger an seinen endgültigen Bestimmungort, nach Oberviechtach. Am 8. Oktober endet eine beinahe zweijährige Reise mit einigen Tiefen und vielen Höhen, als Maggie Eberhart und Rainer Wild das Tuch wegziehen, das das "9-11 WTC Memorial Oberviechtach" in der Allee in Oberviechtach verhüllt. Zur feierlichen Zeremonie würdigen Politiker und US-Konsul John Crosby die Bedeutung des Mahnmals für die deutsch-amerikanische Freundschaft. Neben Feuerwehrleuten, Rotem Kreuz und THW stehen damals auch Abordnungen des 2. US-Kavallerieregiments und des Panzerbataillons 122. Beide Verbände waren in Afghanistan im Einsatz.

Aus Sicht der Initiatoren soll das Denkmal alle würdigen, die als Ehrenamtliche oder Aktive in Einsätzen für andere ihr Leben riskieren und wie am 11. September 2001 zu Opfern werden können. Unter den rund 3000 Todesopfern der Terroranschläge sind auch 343 Feuerwehrmänner aus New York, 37 Polizisten der Hafenbehörde und 23 Polizisten aus New York. Sie hatten versucht, Leben zu retten.

Es sei "eine Kette von Glücks- und Zufällen" gewesen, dass es gelungen ist, den Stahlträger nach Oberviechtach zu bringen, sagt damals der G.A.F.F.-Vorsitzende Martin Zimmermann. Die Basis dafür legen Freundschaften und die Partnerschaft zwischen den Feuerwehren. "Wir teilen alle die Idee des Dienstes für andere. Kameradschaft ist international."

Ein Trümmerteil mit Symbolkraft

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Gedenkfeier vor zehn Jahren in der US-Kaserne in Vilseck

Video der US-Armee über die Gedenkfeier in Vilseck

Ankunft des Stahlträgers in der Oberpfalz

Der ehemalige New Yorker Feuerwehrmann Lee A Ielpi berichtet

Hintergrund:

"9-11 WTC Memorial Oberviechtach"

  • Das "9-11 WTC Memorial Oberviechtach" ist all jenen gewidmet, die sich als Helfer für andere einsetzen: "Dedicated to all who serve."
  • Zum Denkmal gehören zwei rund zwei Meter hohe Türme aus Glas, Nachbildungen der Zwillingstürme des World Trade Centers (WTC) im Maßstab 1:200.
  • Ein rund 1,8 Meter langes Teil eines Stahlträgers aus dem World Trade Center ruht auf einem Granitblock mit der Inschrift: "Never Forget (Vergesst niemals)".
  • Vom Denkmal in der Oberviechtacher Allee sind es knapp 6500 Kilometer nach New York.
  • Das Artefakt # H-0031a ist ein Bestandteil des Mahnmals und das einzige in Deutschland öffentlich zugängliche Stahlteil aus dem WTC.
  • Ein zweites Stahlteil aus dem WTC befindet sich im Garten des Innenhofs der amerikanischen Botschaft in Berlin, aber dieser ist nur für wenige zugänglich.

"Wir können 9/11 nicht ändern, wir können das nicht, aber wir können dafür sorgen, dass es in Zukunft bessere Tage gibt."

"Lee A. Jelpi, ehemaliger New Yorker Feuerwehrmann, der seinen Sohn beim Einsatz im World Trade Center verloren hat, zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001 auf die USA.

 

 

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