27.03.2020 - 14:14 Uhr
RegensburgOberpfalz

Der Tod war die ganze Zeit mein Nachbar

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Nichts bräuchten die Menschen in Syrien nach neun Jahren Krieg mehr als eine Atempause. Doch jetzt bedroht sie die weltweite Ausbreitung des Coronavirus. Aber sie reagieren ganz anders als in Europa.

Seit Beginn des Bürgerkriegs war der Jesuit Sami Hallak in Aleppo und leitet dort die Hilfsprojekte der Jesuitenmission. Der Syrer schätzt daran, dass muslimische und christliche Helfer gemeinsam arbeiten.
von Alexander Pausch Kontakt Profil

Der Jesuit Sami Hallak hat in den Jahren des Bürgerkrieges in Syrien in Aleppo die Hilfe für Bedürftige organisiert. Er musste mit ansehen, wie die Einrichtungen der Jesuiten zerstört wurden, und er hat Mitbrüder verlosen. Aufgegeben hat er nie. Von der Zeit im Krieg und den Menschen wollte er bei seiner Reise durch die Oberpfalz erzählen. Wegen des Coronaausbruchs musste diese abgesagt werden. Im Interview erzählt er, wie es seiner Heimat derzeit ergeht.

ONETZ: Pater Sami, wegen der Ausbreitung des Coronavirus konnten Sie nicht nach Deutschland reisen. Sind Sie besorgt?

Pater Sami Hallak: Natürlich bin ich besorgt wie alle anderen. Ich habe sechs Jahre Krieg in Aleppo erlebt. Der Tod war die ganze Zeit mein Nachbar. Zuerst hat es mich erschreckt. Aber nach und nach habe ich es gezähmt. Es macht mir keine Angst mehr. Früher oder später würde ich sterben. Jeder kennt diese Realität, aber man will sie nicht wahrhaben. Nicht-Wollen verwandelt sich bei Menschen in Verdrängung, und man tut so, als ob der Tod nicht existiert. Aber der Krieg dauerte lange, lange. Er erinnerte uns in jedem Moment an die Existenz des Todes. Deshalb mussten wir uns dem Tod stellen und konnten ihn nicht unterdrücken.

ONETZ: Wie war das Leben im Krieg?

Pater Sami Hallak: Das Leben während des Krieges war schwer zu ertragen. Ohne Strom, ohne Wasser aus den Wasserhähnen, ohne Heizmittel im Winter. Unsere Bindung an das Leben verschlechterte sich und unsere Angst vor dem Tod nahm ab. Was ich hier über mich sage, gilt für die meisten Menschen in Aleppo. Das Coronavirus weckt Erinnerungen an Krieg und Tod. Die Menschen sind nicht in Panik geraten, wie wir es in anderen Ländern sehen, denn der Tod ist eine Bedrohung, die uns nicht mehr viel Kraft abverlangt. Anders ist die Situation in anderen Teilen Syriens, die nicht unter den Schrecken des Krieges gelitten haben. Es gibt dort mehr Angst und Panik als hier.

Jesuit Sammour berichtet aus Syrien

ONETZ: Ist das Gesundheitssystem gerüstet?

Pater Sami Hallak: Das Land wurde aufgrund des amerikanischen Embargos vieler Materialien beraubt, die für die Gesundheit notwendig waren. Wie auch immer, die Zahl der in den anderen Ländern angekündigten Todesfälle ist im Vergleich zu den Todeszahlen während des Krieges in Syrien gering. Mit anderen Worten, wir reagieren nicht empfindlich auf kleine Todeszahlen. Leider ist dies eine der schädlichen Folgen des Krieges.

ONETZ: Gibt es vorbeugende Maßnahmen?

Pater Sami Hallak: Der Staat hat Schulen geschlossen, Verwaltungen arbeiten mit der Hälfte des Personals. Restaurants sind geschlossen sowie Moscheen, Sportvereine usw. Feste oder Versammlung sind abgesagt. Auf der Ebene der Kirche bitten die katholischen Kirchen, lateinisch sowie östlich, vom Handgeben und dem Friedenskuss während der Messe abzusehen. Es gibt kein Wasser in den Weihwasserbecken der Kirchen.

ONETZ: Wie bereiten sich die Jesuiten vor, um Menschen zu helfen, mit Corona fertig zu werden?

Pater Sami Hallak: Es gibt keine Vorbereitung. Die Corona-Affäre ist jenseits unserer Möglichkeiten. Auf der Ebene des JRS (Jesuit Refugee Service, Flüchtlingsdienst der Jesuiten) haben wir alle unsere Aktivitäten mit Kindern und Erwachsenen eingestellt. Die von Misereor unterstützten Kliniken arbeiten jedoch in Teilzeit. Sie sind vier Stunden am Tag geöffnet. Es ist riskant, das wissen wir. Aber das Personal hat darum gebeten. Wir haben das Glück, Freiwillige zu haben, die ihre Arbeit als Mission und nicht als Arbeit erledigen. Was ist die wichtigste Mission während einer Epidemie? Ist das nicht die medizinische Mission? Deshalb wollen sie weitermachen, zumal wir in Gebieten arbeiten, in denen aufgrund des Krieges keinerlei medizinische Versorgung besteht. Kurz gesagt, sie gehen das Risiko ein.

Hintergrund:

Misereor Fastenaktion 2020

„Gibt Frieden!“ lautet der Titel der „Misereor Fastenaktion 2020“. Der Blick richtet sich dabei auf Syrien. Dazu wollte der Jesuit Sami Hallak wollten Schulen und Pfarreien im Bistum Regensburg besuchen und von seiner Arbeit in Aleppo berichten. Wegen der Ausbreitung des Coronavirus wurde die Reise abgesagt. „Der Krieg war ein langer Karfreitag für mich“, schreibt Pater Sami und sagt: „Ich möchte ich mich bei allen Deutschen bedanken, die an uns denken und eine so vornehme Großzügigkeit zeigen.“ Ohne die Spenden aus Europa, ohne die Hilfe von Misereor könnte der Flüchtlingsdienst der Jesuiten in Syrien seine langjährige Hilfe für Ärmsten, für Vertriebene und Rückkehrer nicht fortsetzen. Wer Pater Sami schreiben will, kann dies über Ruth Aigner vom Bistum Regensburg: ruth.aigner[at]bistum-regensburg[dot]de

Spendenkonto:

Bischöfliches Hilfswerk MISEREOR e.V. Pax-Bank eG

IBAN DEIBAN DE75 3706 0193 0000 1010 10

Aktionsnummer: S07801 HAL

ONETZ: Viele Jahre verteilten die Jesuiten Tausende Mahlzeiten an Menschen in Not. Was ist jetzt das Hauptziel Ihrer Arbeit?

Pater Sami Hallak: Wir hatten die Feldküche, die sich tatsächlich einen Ruf auf der ganzen Welt gemacht hat. In Zeiten von Krieg und Mangel waren bis zu 18 000 warme Mahlzeiten pro Tag gekocht worden. Wir haben jedoch folgende Prinzipien: Erstens: Wir öffnen ein Projekt, um es später irgendwann wieder abzuschließen. Zweitens: Das Unglück anderer darf für uns kein Mittel zum Lebensunterhalt sein. Im Krieg sehen sich die Menschen plötzlich im Elend. Sie fallen und brauchen Hilfe, um aufzustehen. Aber sobald sie wieder aufgestanden sind, brauchen sie unsere Hilfe nicht mehr. Also hörten wir auf zu kochen und behielten die Kliniken, weil die Menschen sterben, weil sie kein Geld haben, um sich behandeln zu lassen.

ONETZ: Unterstützen Sie noch bedürftige Familien?

Pater Sami Hallak: Auf der JRS-Ebene haben wir die materielle Unterstützung für Familien eingestellt. Unsere Unterstützung betrifft hauptsächlich den Gesundheitsbereich, teilweise unterstützt von Misereor. Wir arbeiten an zwei Orten ohne medizinische Versorgung wegen der durch den Krieg verursachten Zerstörung. Das erste Zentrum dient 3500 Familien oder ungefähr 18 000 Einwohnern. Das zweite Zentrum wurde gerade für 5000 Familien eröffnet. Außerhalb des JRS verfügen wir über einen Fonds, um den Armen und den vom Krieg Betroffenen zu helfen. Dieser Fonds wird durch private Spenden finanziert. Freunde und Gemeinden in Europa schicken uns von Zeit zu Zeit kleine Geldsummen, um zu helfen. Diese Quelle ist wichtig, da sie die Löcher stopft, die Projekte nicht vorhersehen können: Zahnpflege, Mieten, Heizöl, Notfallkrankenhaus, Notfallreparaturen usw. Die Anzahl derer, die davon profitieren übersteigt 300 pro Monat.

Der Jesuit Sami Hallak (links) steht mit zwei Freunden zwischen den zerstörten Häusern in seiner Nachbarschaft in Aleppo. Das Bild entstand vor zwei Jahren. Damals, im Sommer 2018, besuchte eine Mitarbeiterin der Jesuitenmission in Nürnberg die Jesuiten in Syrien, um zu sehen welche Hilfe diese weiterhin brauchen.

ONETZ: Wer die Fotos der Zerstörung in Aleppo sieht, kann sich kaum vorstellen, wie Menschen dort leben können. Was brauchen sie am meisten?

Pater Sami Hallak: Ich bin nicht in der Lage, diese Frage zu beantworten. Das Wort „normales Leben“ ist ein relatives Wort. Wir haben drei Jahre ohne Strom gelebt. Einzelne installierten Generatoren und begannen, Strom zu dieser und jener Zeit zu verkaufen. Unser ganzes Leben passt sich dem an. Wir beenden die Abende vor Mitternacht und gehen schlafen, weil die Generatoren nur bis Mitternacht laufen. Das ist normal geworden. Ich erinnere mich, als der Strom teilweise zurückkam: Ich und viele empfanden das als verschwendet, wenn der Strom um 3 Uhr oder 4 Uhr morgens kam. Jeder schläft zu dieser Stunde und niemand profitiert. Was nützt es, elektrischen Strom zu haben? Es ist nicht normal, es zu solchen Zeiten zu haben. Deshalb fällt es mir schwer, diese Frage zu beantworten. Was Sie sich wahrscheinlich nur schwer vorstellen können, ist für uns zu einer normalen Tatsache geworden. Das ist alles.

Bericht über die Ermordung des Jesuiten Pater Frans in Syrien

ONETZ: Pater Frans van der Lugt SJ wurde vor sechs Jahren getötet. Wie erinnern Sie sich an ihn?

Pater Sami Hallak: Ich kannte Pater Frans, als ich Student an der Fakultät für Ingenieurwissenschaften war, lange bevor ich Jesuit wurde. Er ist bekannt für seine seltsamen Ideen in unserer konservativen Gesellschaft. Als Jesuit lebte ich zehn Jahre bei ihm. Eine Zeit lang war er mein Vorgesetzter, wieder zu anderer Zeit war ich sein Vorgesetzter. Er war ein Mann, dem der Geist Gottes inne wohnte. Er strahlte Freude und Optimismus aus. Mein großer Wunsch ist es, den Tag zu sehen, an dem die Kirche sein heiliges Martyrium verkündet. Er war prophetisch in seiner Mission. Er sah religiöse und ethnische Barrieren zwischen den Gemeinschaften und versuchte, sie abzubauen. Er sagte: Wir können mit diesen Barrieren nicht in wahrem Frieden leben. Sehr wenige Leute stimmten zu. Wir brauchten zehn Jahre Krieg, um zu verstehen, dass er Recht hat. Wir treten als Jesuiten in Syrien in seine Fußstapfen. Wir haben seine Idee übernommen und bauen Brücken zwischen Christen und verschiedenen religiösen und ethnischen Gemeinschaften.

Video über die Arbeit des Jesuitenflüchtlingsdienstes in Syrien

Hintergrund:

Über das Interview

Das Interview wurde per E-Mail geführt. Pater Sami Hallak erhielt die Fragen in englischer Sprache und antwortete auf Französisch. Ruth Aigner von der Fachstelle Weltkirche der Diözese Regensburg leitete die Fragen weiter und übersetzte die Antworten.

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