Archivar Josef Mutzbauer hat zum 900-jährigen Bestehen in der Geschichte Schmidgadens geblättert. Nach den historischen Anfängen und dem im Bergbau verhafteten wirtschaftlichen Aufschwung widmet sich Mutzbauer nun in dritten Teil der aktuellen Entwicklung. Über 1600 Einwohner, also 1000 mehr als 1958, bewohnen laut der Statistik aus dem Jahr 2018 562 Häuser. Wie ist es zu dieser rasanten Entwicklung gekommen?
Auf ein Statement angesprochen, antworten Bürgermeister Josef Deichl und Verwaltungsleiter Martin Janz unisono: „Dank bürgerlichem Engagement, politischer Entscheidungsfreudigkeit und Zusammenhalt in der Bevölkerung hat sich die Ortschaft Schmidgaden mit seinen gut 1600 Einwohnern zu einem fortschrittlichen Wohn-, Arbeits- und Erholungsraum mit öffentlichen Einrichtungen, zahlreichen Vereinen und Klein- und Mittelstandsunternehmen entwickelt. Die verkehrsmäßig wichtigen Anschlüsse haben die Ortschaft attraktiv gemacht". Trotzdem habe das Dorf seinen ländlichen Charakter bewahrt und pflege die Tradition. "Schmidgaden zeigt sich bestens gerüstet für die Ansprüche der Gegenwart und wird auch die Herausforderungen der Zukunft meistern, ", ist sich Bürgermeister Josef Deichl sicher.
Sprunghafter Aufstieg
Der Status Quo wurde Schmidgaden nicht in den Schoß gelegt, er wurde hart erarbeitet. Pioniere haben die vorhandenen Möglichkeiten erkannt, optimal genutzt und den Ort kontinuierlich weiterentwickelt. Mit dem staatlichen Auftrag 1937 mit Buchtal einen grobkeramischen Betrieb zu errichten, begann für Schmidgaden ein sprunghafter Aufstieg, der auch heute noch mit der Ortschaft in Verbindung steht. Waren seit den 1920iger Jahren schon die Hälfte der Bürger im Grubenbau beschäftigt, wandelte sich das Dorf nun vollends zu einem Industriestandort. "Auch nach dem Zweiten Weltkrieg, als Deutschland am Boden zerstört lag, war es auch in Schmidgaden dem ungebrochenen Aufbauwillen und der Pionierleistung vieler zu verdanken, dass der Aufwärtstrend fortgesetzt werden konnte", berichtet Archivar Josef Mutzbauer mit Blick auf die Unterlagen im Gemeindearchiv.
Er skizziert die Entwicklung der politischen Gemeinde: Maßgeblichen Anteil an der positiven Entwicklung trugen Bürgermeister mit Weitblick, die den Bürgern zudem ein Wir-Gefühl vermitteln konnten. Acht Bürgermeister trugen von 1900 bis 1971 Verantwortung für die Entwicklung der politischen Gemeinde. Besonders Josef Bauer lenkte 30 Jahre lang als Motor die Geschicke Schmidgadens, stets unterstützt von einem fortschrittlich gesinnten Gemeinderat. Der Nachholbedarf der 1950iger und 1960iger Jahre und das ständige Wachstum des Dorfes, erforderten einen Gewaltaktakt für eine bedarfsgerechte Infrastruktur. Riesige Summen wurden in den Straßenbau, die Wasserversorgung, die Abwasserbeseitigung und Straßenbeleuchtung investiert. Um eine ordnungsgemäße Gemeindeverwaltungsarbeit zu gewährleisten, wurden 1966 im alten Schulgebäude die dringend erforderlichen Verwaltungsräume eingerichtet. Mit dem Bau von zwei Blockhäusern für acht kinderreiche Familien wurde der sozialen Infrastruktur Rechnung getragen und das Leben in den ehemaligen Buchtalbaracken beendet.
20 Gewerbebetriebe
Auch nach der Gebietsreform 1972 führten seine Nachfolger Adelbert Bauer und Johann Prifling in gleicher Weise die begonnene Pionierarbeit Arbeit des Vorgängers fort. Mit dem Ausweisen von Baugebieten, Gewerbeflächen und Industriegebieten wurden frühzeitig die Zeichen der Zeit erkannt, um den Menschen erforderliche Lebensbedingungen zu schaffen und sie am Ort zu behalten. Mittlerweile haben sich im Gewerbeverzeichnis 153 Schmidgadener Bürger mit verschiedenartigem Gewerbe eingetragen, überwiegende Kleingewerbe im Einzelunternehmen. Immerhin 20 Gewerbebetriebe sorgen auch für die Schmidgadener für Arbeitsplätze.
Eng mit Zuzug und Arbeitsplätzen ist die schulische Situation verbunden: Die heutige Mittelschule wurde 1973 bezogen und nach der Gebietsreform von Hauptschülern der neuen Gemeinde Schmidgaden sowie aus der Gemeinde Fensterbach besucht. Mit 470 Schülern war die Schule ausgelastet.
Mit der Einführung der Schulpflicht wurden die Kommunen vor große Probleme gestellt. Auch für Schmidgaden wurde der Schulsaal im „Fáwerhaus“ schnell zu klein und so wurden der Reihe nach 1875 ein eigenes Schulhaus (ehemalige Poststelle), 1947 ein weiteres Schulgebäude (jetzige Gemeindeverwaltung) bis hin zum heutigen Mittelschulgebäude aus dem Jahr 1973 erstellt. In den 70iger Jahren war mit 470 Schülern die Lehranstalt voll ausgelastet. Heute besuchen diesen Schulstandort 67 Hauptschüler aus dem Schulverband Schmidgaden-Fensterbach.
Schreiben an Fensterbrettern
Von älteren Bürgern wird berichtet, dass 1948 im Gasthaus Götz ein Notschulsaal eingerichtet wurde und die Schüler oftmals an Fensterbrettern stehend ihre Schreibarbeiten erledigen mussten. Stellvertretend für alle verdienten Schulleiter und Lehrer wird hier Ortwin Wenzelides, Ehrenbürger der Gemeinde, erwähnt. Er trat 1947 als Lehrer den Dienst an der hiesigen Volksschule in Schmidgaden an, wurde später Rektor. Er bereicherte mit Theaterspiel und Vorträgen wesentliche das kulturelle Leben des Ortes. Im Gemeindedienst erledigte er Verwaltungsarbeiten und arbeitete rege in den örtlichen Vereinen. In den 23 Jahren seines Schuldienstes verfasste er eine detaillierte und umfangreiche Ortschronik, die er der Gemeinde anlässlich der 850-Jahrfeier überreichte.
Bürgermeister Josef Bauer, einer der drei Schmidgadener Ehrenbürger, erkannte den Wert der kindlichen Früherziehung sehr bald und so erhielt Schmidgaden unter seiner Regie schon 1961 einen Kindergarten. Mittlerweile werden in drei Einrichtungen 125 Kindergartenkinder und 48 Bambini in der Kindertagesstätte verschiedenen Alters aus der Gemeinde betreut. Erst letztes Jahr wurde der neue Kindergarten „Moritz“ seiner Bestimmung übergeben.
Leistungsstarke Feuerwehr
Von jeher hatten die Schmidgadener Bürgermeister ein Faible für die Vereine. Großzügig wurden die Anlage von Sportstätten und der Bau von Vereinsheimen unterstützt. In der Amtszeit von Bürgermeister Josef Bauer wurde der erste Sportplatz errichtet. Für die Förderung der 20 Ortsvereine und Einrichtungen sind im jährlichen Haushaltsbudget Gelder ausgewiesen. Auch das Feuerlöschwesen nahm unter Josef Bauer konkrete Formen an. Mit dem Bau eines Feuerwehrhauses 1953/54, dem Erwerb einer Motorspritze 1961 sowie dem Ankauf eines Löschfahrzeuges 1964 trug er einerseits der Pflichtaufgabe Feuerschutz Rechnung und legte andererseits den Grundstein für den heutigen zeitgemäßen Maschinenpark einer leistungsstarken und hoch motivierten Schmidgadener Feuerwehr.
Auch die Pfarrherren waren allesamt stets bemüht, die ihnen übertragenen Pfarreien weiterzuentwickeln und den jeweiligen Verhältnissen anzupassen. Ehrenbürger Pfarrer Josef Willkofer übernahm 1940 die Pfarrgemeinde. Ihm blieb es vorbehalten, 1961 den Erweiterungsbau des Gotteshauses abzuschließen als auch in der Filiale Trisching den Bau der Marienkirche ausführen zu lassen. Pfarrer Johannes Neidl ließ ein neues Pfarrhaus erbauen. Unter der Regie von Pfarrer Josef Gmeiner wurde das Pfarrheim erbaut. Pfarrer Alois Scherm gestaltete den Friedhof neu. Die politische Gemeinde war mit finanzieller Unterstützung ebenfalls gefordert; die Friedhofsmauer wurde saniert, der Friedhof mehrmals erweitert bis hin zur Installation einer Urnenwand, die Kirche mit einer elektrischen Heizung ausgestattet.
Durch die Ausweisung vieler Baugebiete, die Schaffung von Gewerbe- und Industrieflächen, die relativ gute Verkehrsanbindung erlangte Schmidgaden zunehmend an Attraktivität. Durch die Schaffung verschiedener Sportstätten und Vereinsheime, inklusive eines außergewöhnlich regen Vereinslebens, verfügt die Ortschaft über einen beachtlichen Freizeitwert. Die intakte Nahversorgung und auch die medizinische Grundversorgung werteten die Ortschaft auf. Es gibt Lebensmittelgeschäfte, Metzgereien und eine Bäckerei. Eine Arzt- sowie die Zahnarztpraxis waren gerade für die älteren Bewohner zu Fuß zu erreichen. Wohl dem Phänomen der Landflucht geschuldet, konnten die beiden Arztpraxen keine Nachfolger finden. Ein spürbarer Verlust für den Ort. Einen weiteren Aderlass bedeutet auch für Schmidgaden das Wirtshaussterben. Während sich früher das gesellschaftliche Leben im Gasthaus „Zur Linde“, in der „Rosenau“ oder im Gasthaus Götz abspielte, beschränken sich die Möglichkeiten heute vermehrt auf die Vereinsheime. Das gute alte Dorfwirtshaus ist passé. Allein das Gasthaus „Zum Anderl“ hält hier am Wochenende noch das Fähnlein hoch. Ungeachtet dessen und gegen den Trend der Landflucht nahm die Einwohnerzahl Schmidgadens ständig zu. Durch die vielen jungen Leute, die sich in den neuen Baugebieten ansiedelten, liegt die Altersdurchschnitt unter dem Landesdurchschnitt. Schmidgaden ist jung.
Ausstellung zum Jubiläum
- Wann: In der Ausstellung des heimatlichen Arbeitskreises in der Aula der Mittelschule vom 12. bis 14 August können sich die Besucher sowohl über die Historie als auch über die stetige Entwicklung ihrer Heimat informieren.
- Vereinsbeiträge:Auch alle Vereine präsentieren ihre Chronik und stellen ihre Vereinsziele in Dokumenten und vielen Bildern dar.





















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