29.01.2021 - 11:16 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Bäckerei Aures in Sulzbach-Rosenberg: Tradition endet nach 130 Jahren

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16 unterschiedliche Brotsorten, einmalige Laugenstangen und heißbegehrte Sahneschnitten: Die Bäckerei Aures in der Sulzbacher Altstadt war für viele eine Institution. Doch nach fast 130 Jahren traditioneller Handwerkskunst ist Schluss.

Wohnhaus, Backstube und bis vor einigen Jahren auch Verkaufsraum: Seit 1892 haben drei Generationen der Familie Aures die Traditionsbäckerei in der Spitalgasse geführt.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

60 Laibe Brot, 400 Laugenstangen, 300 Brezen und 700 Semmeln. Das ist die durchschnittliche Menge an Gebäck, die im Verkaufsraum der Bäckerei Aures in der Frühlingsstraße 1 täglich über die Theke gereicht wurde. Das Geschäft ging gut, auch Torten und Kuchen waren beliebt. Doch zum Jahreswechsel hat Inhaber Wolfgang Aures seine Bäckerschürze an den Nagel gehängt – nach 52 Berufsjahren. Viele Sulzbach-Rosenberger vermissen die Spezialitäten schon jetzt.

Die Entscheidung, aufzuhören, hat der Bäcker- und Konditormeister gemeinsam mit seiner Frau Waltraud getroffen. Der Grund ist das Alter. „Ich bin jetzt 78 Jahre alt“, sagt Waltraud, „wer arbeitet schon so lange? Irgendwann muss auch mal Schluss sein.“ Ihr 67-jähriger Mann ergänzt: „Wir haben uns immer angestrengt, immer getan, was wir konnten, aber jetzt gehen wir in den Ruhestand. Das macht jeder andere auch.“ Doch natürlich ist das Bäckerehepaar nicht gewöhnlich – mit ihnen stirbt eine lange Handwerkstradition, die bis ins Jahr 1892 zurückreicht (siehe Infokasten unten).

Bäckereien schließen reihenweise

In den vergangenen Jahren machten bereits die Bäckereien Kliegel (Neustadt), Vieracker (Rosenberger Straße) und Heuberger (Luitpoldplatz) dicht oder schlossen zumindest ihre Filialen in der Stadt. Dass nun auch noch die Bäckerei-Aures schließt, bedauern viele. „Ich werde seine Brezen, Semmeln und vor allem seine Bamberger vermissen. Und es gab noch `richtige´ Salzstangen“, schreibt ein Nutzer auf Facebook wehmütig. „Jetzt gibt´s gar keinen gescheiten Bäcker mehr in Sulzbach, nur noch Fabrikware“, klagt ein weiterer. Sollte damit die Bäckerei-Übler gemeint sein, die im Weißbeckhaus in der Frühlingstraße als Folgemieter eingezogen ist, widerspricht Wolfgang Aures vehement. „Das ist ein Schmarrn, der Übler ist auch nicht schlechter.“ Der Bäcker-Kollege habe sogar angeboten, bei ihm weiterarbeiten zu können. Doch Aures hat dankend abgelehnt.

Das Lob der ehemaligen Kunden jagt dem Neu-Ruheständler aber doch ein Lächeln übers Gesicht. „Wenn man so etwas hört, dann weiß man, wir haben vieles richtig gemacht.“ Und einfach war die Tätigkeit sicher nicht. Während andere schliefen, herrschte in der Backstube in der Spitalgasse längst Hochbetrieb. An Werktagen hat Aures um 2 Uhr nachts begonnen, Brezen und Semmeln zu formen. Samstags sogar schon um Mitternacht. „Da schließt der Laden früher, also muss man auch eher aufstehen.“

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Arbeitsbeginn um 2 Uhr nachts

Seine Frau Waltraud, eine gelernte Bäckerin, stieß einige Stunden später als Unterstützung in der Backstube hinzu. „28 Jahre lang habe ich auch immer um 2 Uhr angefangen. Irgendwann habe ich mir gesagt, ich bin Seniorin, ich komme erst um halb 4.“ Richtigen Feierabend hat es nicht gegeben. „Wir haben versucht, bis 12 Uhr mit der Arbeit fertig zu sein, aber: „Im eigenen Betrieb ist nie wirklich Schluss. Wenn im Verkauf Not am Mann war, sind wir auch am Nachmittag eingesprungen“, berichtet die 78-Jährige über die Arbeit im Aures-Team. Das bestand neben den beiden Chefs noch aus drei Gesellen, einem Lehrling und vier Verkäuferinnen.

Die Arbeitsteilung funktionierte gut. Während Wolfgang sich um das Gebäck kümmerte, arbeitete Waltraud als Konditorin und buk Torten, Kuchen oder Plätzchen in der Adventszeit. Von den 16 unterschiedlichen Brotsorten verkauften sich das Bauern- und Mischbrot am besten, sagt Wolfgang Aures. „Und Sahneschnitten, die gingen immer“, wirft seine Frau lachend ein.

Bäcker sind keine Millionäre

Eine goldene Nase habe er sich dennoch nicht verdient, sagt der Bäcker- und Konditormeister. Zwar kenne er das Klischee, dass alle Bäcker und Metzger Millionäre seien, aber: „Wir haben sechs, bei Festen auch mal sieben Tage die Woche hart gearbeitet. Man steckt ständig Geld in die teuren Maschinen – Frosteranlage, Gärunterbrecher, ein Sticken- und ein Etagenofen, zudem Modernisierungen und Umbauarbeiten.“ Beim Thema Reichtum winkt Aures deshalb nur kommentarlos ab.

Der 67-Jährige will nun die einfachen Dinge im Ruhestand genießen. Zwar werde er immer noch mitten in der Nacht wach und zwischen 5 und 6 Uhr steht Aures auf, aber: „Es ist schön, dass kein Wecker mehr klingelt, wir genießen das.“ Sobald es die Pandemie zulässt, wollen beiden mit dem 13-jährigen Enkel eine Urlaubsfahrt machen. „Mit dem Schiff nach Norwegen, auf der Hurtigruten-Strecke, das ist unser Plan. Wir haben das schon einmal gemacht, und es war so schön.“

„Ich werde seine Brezen, Semmeln und vor allem seine Bamberger vermissen. Und es gab noch `richtige´ Salzstangen“

Ein Facebook-Nutzer über die Bäckerei Aures

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Hintergrund:

Drei Generationen Bäckereihandwerk

  • 1892: Georg Aures, Großvater des gegenwärtigen Inhabers Wolfgang Aures, gründet in der Spitalgasse die Bäckerei. Die Backstube besteht zunächst nur aus einem Raum.
  • 1929: Die Feinbäckerei (Konditorei) kommt in der Spitalgasse hinzu. Gleichzeitig eröffnet das Verkaufsgeschäft mit Schaufenster rechts neben dem Eingang.
  • 1932: Gründer Georg Aures erhält als Innungsobermeister den goldenen und zugleich Ehrenmeisterbrief der Bäckerinnung.
  • 1935 bis 1940: In der damaligen Adolf-Hitler-Straße (heute Rosenberger Straße) eröffnet die Bäckerei Aures eine Niederlassung. Dort werden Brot und Konditorwaren verkauft.
  • 20. Mai 1945: Kurz nach Kriegsende übernimmt Georg Aures´ Sohn Konrad die Bäckerei und führt sie 33 Jahre lang als Bäcker- und Konditormeister bis zu seinem Tod 1978.
  • 1978: Konrad Aures´ Ehefrau Apolliona übernimmt die Leitung des Handwerkbetriebs.
  • 1980: Der Verkaufsraum in der Spitalgasse wird vergrößert und modernisiert.
  • 1984: Durch den Ankauf des Nachbargrundstücks (einer früheren Wagnerei) wächst die Backstube deutlich.
  • 1995: Wolfgang Aures übernimmt von seiner Mutter Apolliona die Backstube.
  • 1988: Die Niederlassung in der Frühlingstraße 1 wird angemietet. Später kommt die Metzgerei Nägerl im gleichen Verkaufsraum hinzu. Der Laden im Weißbeckhaus grenzt an die Rosenberger Straße und liegt damit zentral an der Altstadt-Achse zwischen Stadtturm und Rathaus. Sie gibt der Bäckerei Aures ihr bekanntes Gesicht, obwohl Backstube und Wohnung der Familie Aures weiter in der Spitalgasse bleiben.
  • 2010: Der Parallelverkauf direkt an der Backstube in der Spitalgasse wird eingestellt.
  • 31. Dezember 2020: Wolfgang und Waltraud Aures gehen in Ruhestand und schließen ihre Bäckerei. Damit enden 129 Jahre lokaler Handwerkstradition ohne Nachfolger.

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