28.02.2021 - 14:55 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Corona-Helden: "Man muss umgehen können mit Trauer und Einsamkeit"

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Die Mitarbeiter der Patientenaufnahme im St. Anna-Krankenhaus Sulzbach-Rosenberg erleben mit dem Virus eine nie dagewesene Herausforderung. Teil 3 der Serie „Corona-Helden“.

Schutzkleidung und Helme mit Gebläse-Atemschutz müssen Matthias Bohmann und Marina Ehras tragen beim Umgang mit infektiösen Patienten.
von Helga KammProfil

Sie sind rund um die Uhr da, die rund 30 Schwestern und Pfleger, die in der Patientenaufnahme im St.-Anna-Krankenhaus den Ärzten zur Seite stehen. Als ein höchst motiviertes, zuverlässiges Team bezeichnet sie Matthias Bohmann, der Pflegerische Leiter der Station. Seit Beginn der Pandemie habe es kaum Ausfälle gegeben, denn „die Kollegen schauen auf sich und schützen sich entsprechend“.

Über 400 bestätigte Covid-19-Fälle hatte das Krankenhaus in einem Jahr zu behandeln, viel mehr Verdachtsfälle kamen hinzu. Da es aber auch in Pandemie-Zeiten zu Brüchen, Herzinfarkten und Unfällen kommt, gab es viel zu tun. Vor allem jetzt in der zweiten Welle. In der ersten Welle musste der Routinebetrieb zeitweise komplett ausgesetzt werden, so dass Ressourcen für teilweise täglich neu hinzukommende Aufgaben wie Abstriche und Testabläufe frei wurden. Während der vergangenen Monate musste zum gesteigerten Pandemiegeschehen auch „das normale geplante Patientenklientel abgearbeitet“ werden.

Großes Einzugsgebiet

Matthias Bohmann (42) ist nach seiner Ausbildung zum Krankenpfleger im Jahr 2000 in die Patientenaufnahme gekommen und hat die Abteilung mit aufgebaut. „Anfangs waren wir zu zweit in der Schicht“, erinnert er sich, „das ist heute unvorstellbar“. Die Ansprüche seien gestiegen und die Anzahl der Krankenhäuser weniger geworden. Für das Sulzbach-Rosenberger Haus, so Bohmann, habe sich das Einzugsgebiet sehr vergrößert, es erstreckt sich mittlerweile bis an Bayreuth heran, über Lauf, Hersbruck sogar bis ins Nürnberger Stadtgebiet und das Weidener Umland. „Natürlich trägt auch unser guter Ruf als Krankenhaus mit Herz dazu bei“, ist er überzeugt. Jetzt in der Corona-Zeit habe er mehrfach erlebt, dass Kliniken, die keine Patienten mehr aufnehmen konnten wussten: In Sulzbach bringen wir sie unter. Zwanzig Jahre jünger als ihr Chef ist Marina Ehras. Auch die 22jährige Krankenschwester aus Weißenberg hat im St.-Anna-Krankenhaus gelernt und ist geblieben. Eine Tante, sagt sie, war ihr berufliches Vorbild, und nach kurzer Findungsphase habe auch sie gewusst: das ist mein Beruf. „Man könnte es anderswo vielleicht schöner haben“, meint sie nachdenklich, hätte keinen Nachtdienst, freie Wochenenden und keinen Dienst an Feiertagen. Aber der Umgang mit Menschen und das Helfen seien ihr wichtig, entschädigten für manch schwierige Situation.

Wartezeiten, Vorschriften, Verbote fänden des Öfteren kein Verständnis bei Patienten und Angehörigen, da sei „Unmut leichter zu ernten, als Dank“. Wenn aber zum Beispiel die Frau eines Patienten mitten in der Nacht nach Hause fährt und mit Schlüsselanhängern als Anerkennung für sie und ihre Kollegin wiederkommt, in die sogar die Namen eingraviert sind, „da kommt schon Dankbarkeit zum Ausdruck und darüber freut man sich sehr“.

Der Sulzbach-Rosenberger Arzt Klaus Gebel über die Corona-Helden-Kür des Lions-Clubs

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Hygiene intensiviert

Der Alltag in der Patientenaufnahme sieht für Matthias Bohmann und Marina Ehras sehr ähnlich aus. Natürlich muss der Stationsleiter organisieren, hat mehr an Büroarbeit zu leisten, aber die Arbeit mit den Patienten ist für alle in seinem Team ziemlich gleich. „Wir wissen am Morgen nicht, ob heute jemand sterben oder ob es ein Tag ohne Herzklopfen wird“, sagt Bohmann. Die üblichen Arbeitsgänge sind Einschätzen der Dringlichkeit von Behandlung, die Anamnese, Patientendaten in den EDV-Systemen erfassen, Überwachung am Monitor, Assistenz beim Nähen von Wunden, Brüche versorgen, kleine Operationen. Seit der Corona-Pandemie gilt als zusätzliche Vorschrift: Jeder Patient, der ins Haus kommt, ob als Notfall oder zu einer OP, wird nach speziellen Symptomen befragt. Von allen, die stationär aufgenommen und behandelt werden, müssen Abstriche gemacht werden.

Corona habe vor allem die Hygienemaßnahmen intensiviert, berichtet der Stationsleiter. Zum Beispiel mussten in der Notaufnahme zusätzliche Isolationsräume eingerichtet werden, zudem sichern Absperrbänder diese Bereiche, das Personal trägt entsprechende Schutzkleidung, seit einiger Zeit bei hochinfektiösen Patienten auch Helme mit Gebläse-Atemschutz.

„Man schützt sich entsprechend“, sagt Schwester Marina, „man will ja schließlich gesund bleiben und nichts zu Hause einschleppen“. Und das ist dem Team in der Patientenaufnahme bisher gelungen. Matthias Bohmann ist voll des Lobes: „Beinahe alle haben sich impfen lassen, die Kollegen schauen auf sich, eine bessere Mannschaft kann man sich nicht wünschen“. Sorgen bleiben aber trotzdem. Das Klatschen und Jubeln der ersten Corona-Welle sei vorbei, stellt der Krankenpflege-Chef fest. Er und seine Mitarbeiter durften sich über den Corona-Pflegebonus freuen, wie es aber weitergehe mit den kleinen Krankenhäusern das sei ungewiss. „Dass unser Landrat sehr um das St.-Anna-Krankenhaus und dir St.-Johannes-Klinik in Auerbach kämpft, macht uns Hoffnung“, sagt Bohmann dazu.

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Emotionale Belastung

Marina Ehras spricht auch die emotionalen Belastungen an. „Es geht oft um Gefühle. Man muss umgehen können mit Einsamkeit, Kontaktbeschränkungen, Traurigkeit der Patienten – das nagt auch an uns“. Auch wenn um ein Leben gekämpft und schließlich der Kampf doch verloren wird, besonders bei jungen Menschen, „das beschäftigt einen nicht nur einen Tag“. Dann aber gibt es auch die anderen Tage, die „normalen“, bei denen nicht jede Sekunde zählt, sondern nur die üblichen Verletzungen oder Unfälle. Dann kann es auch einmal locker werden in der Patientenaufnahme, mit ein wenig flachsen und lachen, ganz wie an jedem anderen Arbeitsplatz auch. Das tut dann allen gut, den Helfern und den ihnen anvertrauten Patienten.

Start der Serie "Corona-Helden"

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Zweiter Teil der Serie "Corona-Helden"

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Serie:

Oberpfalz-Medien und Lions-Club küren „Corona-Helden“

Menschen in sozialen Berufen, die sich tagtäglich für ihre Mitbürger einsetzen und in der Pandemie dabei teils auch ihre eigene körperliche oder seelische Gesundheit gefährden: Solche „Corona-Helden“ gibt es auch in Sulzbach-Rosenberg. Der Lions-Club will sie aus der Anonymität holen, ihnen ein Gesicht geben und schlägt dafür ausgewählte Mitarbeiter für ein Zeitungsinterview vor.

Die Serie mit Oberpfalz-Medien soll ihnen öffentliche Aufmerksamkeit für ihre Sorgen und Nöte bringen, aber auch Respekt zollen für den Dienst an Menschen und Gesellschaft – gerade in Pandemiezeiten. In den folgenden Wochen kommen in losen Abständen weitere „Helden“ aus diesen sozialen Einrichtungen in Sulzbach-Rosenberg zu Wort.

„Wir wissen am Morgen nicht, ob heute jemand sterben oder ob es ein Tag ohne Herzklopfen wird.“

Matthias Bohmann

Matthias Bohmann (links) und Marina Ehras am Bett eines Covid-19-Patienten.

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