18.06.2021 - 16:20 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Hans-Watzlik-Straße: Nazi-Gegner für Umbenennung statt „Alibi-Lösung“

Die Meinungsbildung in der Bevölkerung zur Umbenennung der Hans-Watzlik-Straße in Sulzbach-Rosenberg wird um neue Aspekte bereichert. Nazi-Gegner beziehen jetzt klare Position, Anwohner werben um Verständnis.

Die Anlieger der Hans-Watzlik-Straße wollen bei einer möglichen Umbenennung nicht benachteiligt werden.
von Andreas Royer Kontakt Profil

Die Personalie Hans Watzlik beschäftigt Stadtrat und Öffentlichkeit. Nach dem SURO2030 im Dezember 2020 einen Antrag auf Umbenennung der gleichnamigen Straße am Loderhof gestellt hatte, nahmen Diskussionen Fahrt auf, wie mit Straßen in Sulzbach-Rosenberg generell zu verfahren sei, deren Namensgeber kein Vorbilder für eine demokratische Gesellschaft darstellen.

Diesen Gesprächsfaden nahmen aktuell die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) und der Verein für Politik und Kunst in Sulzbach-Rosenberg (PunK e.V.) bei einer Online-Veranstaltung mit Dr. Harald Mundig unter dem Titel „Wer war Hans Watzlik?“ auf. Wie Stefan Dietl als einer der Vertreter beider Organisationen am Ort beim Gespräch mit Oberpfalz-Medien erklärte, beschäftige sich Mundig als bayerischer Landessprecher der VVN seit vielen Jahren mit dem umstrittenen Dichter und seinen Verstrickungen in das NS-Regime.

„Bei unserer Veranstaltung zeichnete der Referent detailliert den Lebensweg des böhmischen Dichters vom Dorflehrer zum NS-Propagandisten nach. Bereits nach dem ersten Weltkrieg gehörte Watzlik zu den bekanntesten Vertretern völkisch-nationalistischer Kreise im Sudetenland“, berichtet Dietl von der virtuellen Veranstaltung.

Werber für NSDAP

Wie dort weiter angeführt worden sei, schrieb Watzlik für den Völkischen Beobachter, wurde später Herausgeber der völkischen Zeitschrift „Ackermann aus Böhmen“ und Funktionär der nationalsozialistischen Sudetendeutschen Partei. Auf seinen Vortragsreisen warb er für die NSDAP und eine „nationale Sammlungsbewegung“ in Tschechien und Österreich. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten machte er sich für einen militärischen Einmarsch des Deutschen Reiches in die Tschechoslowakei stark, erfuhren die Zuhörer beim Vortrag von VVN und PunK.

Viele Fakten sprächen nach Auffassung der Befürworter für eine Umbenennung, was mitunter auch Kosten für die dortigen Bewohner verursachen könnte. Hier seien auch schon Entschädigungen ins Spiel gebracht worden. Wie unter anderem Hansjürgen Forster und Thomas Grundler als Anlieger der Hans-Watzlik-Straße gegenüber Oberpfalz-Medien betonten, sei die Problematik durchaus bekannt und nachvollziehbar. Eine Entscheidung – egal in welche Richtung – müsse aber immer gut abgewogen werden und dürfe niemanden benachteiligen. Beide stellten fest, dass der Bekanntheitsgrad Watzliks in der Stadt eher gering sei und eine Umbenennung mehr oder weniger logistische Probleme mit sich bringen würde. „Die Lösung in Form eines Zusatzschildes wäre für uns sicher ein akzeptabler Weg“, so die beiden Straßen-Anlieger. Eine kritische Auseinandersetzung etwa auch in Schulen, Vereinen und Parteien sei auch nach Auffassung von Bürgermeister Michael Göth, der bei einer Entscheidung auf einen breiten Konsens abziele, unabdingbar.

Wenn eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema gewünscht werde, dürften nach Auffassung von Stefan Dietl und Harald Mundig die zahlreichen dunklen Flecken auf der Weste des böhmischen Dichters nicht verschwiegen werden. „Watzlik war nicht nur ein Nutznießer des Regimes, er war auch ein völkisch-nationaler Propagandist der ersten Stunde und Vordenker nationalsozialistischen Gedankengutes“, bilanziert Munding Leben und Wirken Hans Watzliks.

Unverständnis und Kritik

Wie Stefan Dietl formuliert, herrsche deshalb Unverständnis bei VVN und PunK darüber, dass dem Schriftsteller in Sulzbach-Rosenberg noch immer eine Straße gewidmet sei. Gerade dass die Entscheidung über eine Umbenennung aus ihrer Sicht immer wieder hinausgezögert wird, stößt auf Kritik.

„Es ist beschämend, dass es tatsächlich einer langen Diskussion bedarf, um festzustellen, dass ein bekennender Nationalsozialist nicht geehrt werden sollte“, so Stefan Dietl im Namen von Punk e.V. und VVN. Die zuletzt diskutierte Anbringung eines erklärenden Schildes statt einer Umbenennung sehen Mundig und Dietl einhellig als „Alibi-Lösung“.

„Ein Schild mag der bequemere Weg sein, da man ohne viel Aufwand behaupten kann, etwas getan zu haben, zugleich wird so aber auch ein problematisches Geschichtsbild verewigt“, wird Mundig beim Online-Vortrag zitiert. Watzlik sei als Namensgeber ungeeignet und „ein Schlag in Gesicht für alle, die nicht den Weg eines Hans Watzlik gingen, die nicht Krieg und Vernichtung propagierten, sondern die sich widersetzten“. Dieser Kritik des VVN-Landessprechers schließt sich auch Dietl an: „Das Festhalten an dieser Ehrung wäre nichts anderes als Ignoranz gegenüber den Opfern der deutschen Vernichtungspolitik, die nicht zuletzt Hans Watzlik propagierte“. Die politisch Verantwortlichen der Stadt, zuvorderst der Stadtrat, seien gefordert, sich kritisch mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen und die Hans-Watzlik-Straße endlich umzubenennen.

Holocaust-Überlebender mahnt

Wie Dietl beim Pressegespräch zudem ergänzte, habe bei der Veranstaltung auch der Holocaust-Überlebende und Präsident der Lagergemeinschaft Dachau Ernst Grube eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte angemahnt. Es seien nicht zuletzt literarische Propagandisten wie Hans Watzlik, der auch als Kinderbuchautor wirkte, gewesen, die den geistigen Nährboden für die Nationalsozialisten bereiteten.

Eine Zusatzschild-Lösung, wie bereits in der Aprilsitzung von Yvonne Rösel (Grüne) angeregt, sehen VVN und Punk zwar etwas anders, könnten sich aber durchaus dafür erwärmen: „Eine Umbenennung der Hans-Watzlik-Straße, verbunden mit der Anbringung eines Hinweises wie es dazu kommen konnte, diese Straße 1953 Hans Watzlik zu widmen und jahrzehntelang an dieser Ehrung fest zu halten, wäre tatsächlich ein erster Schritt zur kritischen historischen Beschäftigung“, resümiert Stefan Dietl bei einem weiteren Schritt zur Meinungsbildung.

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Sulzbach-Rosenberg
Hintergrund:

Hans Watzlik

  • Geboren am 16. Dezember 1879 in Unterhaid, Österreich-Ungarn
  • Seit 1921 freier Schriftsteller mit 96 Einzelwerken, 393 Erzählungen, 285 Sagen und Märchen sowie 445 Gedichten
  • Beiträge im Völkischen Beobachter während der Nazizeit
  • Herausgabe der völkischen Zeitschrift „Der Ackermann“
  • Seit 1938 Mitglied der NSDAP
  • 1946 Haft in Tschechoslowakei
  • Gestorben am 24. November 1948 in Tremmelhausen. Quelle: Wikipedia

„Es ist beschämend, dass es tatsächlich einer langen Diskussion bedarf, um festzustellen, dass ein bekennender Nationalsozialist nicht geehrt werden sollte.“

Stefan Dietl, Vertreter von VVN/PunK

Stefan Dietl, Vertreter von VVN/PunK

 

 

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