06.08.2021 - 14:59 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Mitarbeiter von Shelter Now wegen Taliban in Lebensgefahr

Versinkt Afghanistan nach dem Abzug der westlichen Schutztruppen wieder in Chaos und Blut? Bei der Familie Taubmann in Sulzbach-Rosenberg gehen täglich besorgniserregende Nachrichten ein.

Wieder Massenflucht in Afghanistan: Mittlerweile lassen in dem Land am Hindukusch fast 300 000 Menschen ihre Habe zurück und versuchen, sich vor der Dürre oder den Taliban zu retten. In den Flüchtlingslagern herrscht größte Not.
von Autor RLÖProfil

Georg Taubmann, Direktor des christlichen Hilfswerks Shelter Now International, das seit Jahrzehnten in Afghanistan auf humanitärem Gebiet tätig ist, fürchtet angesichts des schier unaufhaltsamen Vormarsches der radikalen Taliban das Schlimmste. Vor allem bangen Marianne und Georg Taubmann, so erklären sie in einem Gespräch mit Oberpfalz-Medien, um die Sicherheit und das Leben ihrer vielen afghanischen Mitarbeiter. „Der Westen hat diese Menschen schmählich im Stich gelassen“, urteilt der erfahrene Shelter-Leiter und scheut vor dem Wort Verrat nicht zurück.

Lähmende Angst beherrscht inzwischen das öffentliche Leben in Afghanistan, denn nach dem schier fluchtartigen Abzug der westlichen Schutztruppen im Juli erobern die radikal-islamischen Taliban - offenbar materiell und logistisch unterstützt vom „großen Bruder“ Pakistan - immer mehr Distrikte, Dörfer und Städte.

"Beim Abzug alles mitgenommen"

Dass die offizielle afghanische Armee oft erfolglos Widerstand leistet, ja bisweilen ihr Heil in der Flucht sucht, führt Georg Taubmann weniger auf mangelnde Ausbildung oder Kampfmoral zurück: „Man muss hier einfach sehen, dass es an Material und Waffenausstattung fehlt. Die westlichen Schutzmächte haben bei ihrem Abzug alles mitgenommen, sämtliches Material, Fahrzeugpark, die komplette Infrastruktur ihrer Stützpunkte, ihre Waffen und Helikopter. Es gab sogar Fälle, wo Militärbasen vor dem Abzug einfach in die Luft gesprengt wurden.“

Der Afghanistan-Kenner erklärt, dass die afghanische Armee vor allem Helikopter bräuchte, um den Taliban-Vormarsch zu stoppen. „In einem Land, das fast nur aus Gebirgen und unwegsamen Landstrichen besteht, ist so ein Kampf ohne Hubschrauber fast nicht zu führen, geschweige denn zu gewinnen.“

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Terror und Unterdrückung nehmen zu

Inzwischen häufen sich Menschenrechtsverletzungen in den von den Taliban beherrschten Gebieten, die Bevölkerung dort sieht sich zunehmendem Terror, willkürlichem Morden und massiver Unterdrückung ausgesetzt. Vor diesem Hintergrund ist die massive Sorge um Wohlergehen und Leben der afghanischen Mitarbeiter von Shelter Now International mehr als verständlich. „Unsere Leute dort flehen uns unter Tränen an, sie hier herauszuholen“, berichtet Georg Taubmann. „Als deutsche Hilfsorganisation haben wir uns an die deutsche Botschaft in Kabul gewandt, ob die Menschen, die jahrelang bei unseren Projekten mitgearbeitet haben, Ausreiseanträge stellen dürfen. Das wurde abgelehnt. Wir wissen momentan nicht, was wir noch machen sollen oder können. Unseren einheimischen Mitarbeitern können wir derzeit nur Geld zukommen lassen, damit sie ihre Flucht organisieren oder zumindest untertauchen können. In Feisabad, einem der früheren Bundeswehr-Standorte, konnten wir mit dem letzten Flugzeug unsere ausländischen Mitarbeiter noch ausfliegen.“

Sohn Benjamin Taubmann derzeit in Kabul

Die Familie Taubmann ist auch persönlich tangiert von der dramatischen Entwicklung, denn ihr Sohn Benjamin (34) hält sich momentan im (noch relativ sicheren) Kabul auf. „Aber auch hier“, erklärt Georg Taubmann, "müssen wir die Lage genau beobachten, um notfalls schnell reagieren zu können.“ Der Flughafen Kabul bleibe wohl noch auf absehbare Zeit offen, zumindest bis im Notfall alle ausländischen Diplomaten das Land verlassen haben. „Wir müssen jetzt erstmal alles schließen, vor allem auch unsere Mädchenschulen und Frauenprojekte, und abwarten, wie die total unberechenbaren Taliban reagieren. Ich bin täglich in Verbindung mit unseren Leuten vor Ort, wir wollen unsere rund 30 Hilfsprojekte weiterführen, so lange es geht, treffen aber zugleich Vorkehrungen für Gebiete, die in Kürze in Taliban-Hand fallen könnten. Ich selbst plane, noch im August, falls ich dann noch reinkomme, nach Afghanistan zu fliegen.“

Georg Taubmann ist sehr leise geworden im Verlauf des Gesprächs. Man spürt, hier sitzt ein Mann, der große Angst hat. Angst um die Menschen, denen er vielleicht nicht mehr helfen kann. Angst aber auch, dass sein gesamtes Lebenswerk im Land am Hindukusch von islamistischem Terror in Stücke geschlagen werden könnte.

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Sulzbach-Rosenberg

Der neue starke Mann: Hibatullah Achundsada

„Dieser Mann besiegt die USA“ titelte ein Nachrichtensender in einem Beitrag über den selbst ernannten „Befehlshaber der Gläubigen“, der jetzt in Afghanistan nach der Macht greift. Hibatullah Achundsada eilt der Ruf eines brutalen Hardliners voraus. Den Auftakt seines Eroberungszuges markiert ein schockierender Angriff auf eine Mädchenschule in Kabul, dem 58 Menschen zum Opfer fielen.

Der heute 60-jährige Sohn eines Imams war einer der Befehlshaber, die 2001 das Weltkulturerbe der Buddha-Statuen von Bamiyan zerstören ließen. Er gilt inzwischen nicht nur als der theologische, sondern auch als der militärisch-politische Führer der Taliban. Die Vereinten Nationen machen ihn auch verantwortlich für gezielte ethnische Massaker an der überwiegend schiitischen Volksgruppe der Hazara. Der pakistanische Sicherheitsexperte Baschir Bisan beschreibt ihn so: „Achundsada zieht Krieg dem Frieden vor und das Töten dem Leben.“

Vor 20 Jahren: 103 Tage in der Geiselhaft der Taliban

Heuer im August jährt es sich zum 20. Mal, dass acht ausländische Shelter-Now-Mitarbeiter, unter ihnen Georg Taubmann, und 16 afghanische Helfer von Taliban-Kämpfern in Kabul in Geiselhaft genommen wurden. Auf einer 103-tägigen Odyssee lernten sie verschiedene Kerker kennen, ehe sie von amerikanischen Spezialkräften in einer spektakulären Aktion mit Helikoptern aus dem Gefängnis von Ghazni befreit werden konnten. Die Nachricht von diesen Ereignissen ging damals um ganze die Welt.

Bei ihrer Verhaftung durch die Sittenpolizei der Taliban wurde den ausländischen Shelter-Mitarbeitern religiöse Bekehrungsversuche vorgeworfen. Im Verlauf der Gefangenschaft erlitten die Geiseln Misshandlungen und sahen ständig dem Tod ins Auge. Hätten die Taliban sie wie geplant in ihre damalige Hochburg Kandahar (wo sich seinerzeit auch Osama bin Laden aufhielt) bringen können, wären sie dort mit hoher Wahrscheinlichkeit ermordet worden. Der Einmarsch amerikanischer Truppen als Vergeltungsmaßnahme für das Attentat auf das World Trade Center vom 11. September 2001 verhinderte dies jedoch und führte schließlich am 15. November 2001 auch zur Befreiung der 24 Geiseln. Teamleiter Georg Taubmann erklärte damals: „Wenn Gott nicht so viele Wunder getan hätte, wären wir wohl nicht lebend herausgekommen.“

Afghanische Bundeswehr-Mitarbeiter in Weiden angekommen

Weiden in der Oberpfalz
Besorgt studieren Marianne und Georg Taubmann die aktuellen Lageberichte ihrer Mitarbeiter in Afghanistan.
Hintergrund:

Beispiele für den Wandel des Alltags in Afghanistan

  • Frauen dürfen ohne Burka-Verschleierung ihre Häuser nicht verlassen, werden ohne männliche Begleitung nicht mehr medizinisch versorgt.
  • Mädchen-Schulen, soziale Einrichtungen und Resozialisierungsprojekte für traumatisierte und misshandelte Frauen werden geschlossen.
  • Studenten und Lehrer dürfen sich unter Androhung der Todesstrafe nicht mehr rasieren, alle Männer müssen einen Turban tragen.
  • Fernsehprogramme werden abgeschaltet.

 

 

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