23.11.2021 - 18:57 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Uhrmacherin Carina Sindel die beste in Bayern – wie einst ihr Vater

Nur wenige wissen, dass der Beruf des Uhrmachers mittlerweile zu den Raritäten zählt. Aber die Gilde hat kompetenten Nachwuchs: Die Landessiegerin kommt aus Sulzbach-Rosenberg, und ihr Vater ist aus besonderem Grund mächtig stolz auf sie.

Carina Sindel kann sich gut konzentrieren. Das ist Voraussetzung dafür, feinste Arbeiten an den oft teuren Werkstücken auszuführen. Die Arbeit macht ihr enormen Spaß.
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Der Beruf ist inzwischen extrem selten. So sehr, dass die UNESCO das Uhrmacherhandwerk und die Kunstmechanik in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit eingetragen hat. Zwar gibt es viele Uhren- und Schmuckgeschäfte, aber nur die wenigsten Inhaber sind gelernte Gesellen oder gar Meister. So wie Markus Sindel: 1998 kam er von Feuchtwangen nach Sulzbach-Rosenberg und übernahm dort die Firma Pemsel. Er hatte 1995 mit 23 Jahren seinen Meisterbrief erhalten. Und er war selber 1990 bei der Gesellenprüfung Kammersieger und Landessieger. Jetzt, nach gut 30 Jahren, hat er eine würdige Kollegin bekommen – sie stammt aus der eigenen Familie.

Carina Sindel wuchs in Sulzbach-Rosenberg im väterlichen Meisterbetrieb auf. Als die Realschülerin nach einem Praktikum verkündete, sie wolle beim Papa in die Lehre gehen, war daheim die Freude groß. Und so saß sie tagtäglich mit der Lupe an ihrem Arbeitsplatz und lernte die Grundbegriffe, Standard-Übungen und auch die Feinheiten des Handwerks. Jetzt, nach dem dritten Lehrjahr und bestandener Prüfung, beherrscht die 20-Jährige praktisch alle Fertigkeiten.

Hinter ihr liegt die Blockbeschulung in der Franz-Oberthür-Berufsschule in Würzburg. Dort trafen sich nämlich die bayerischen Uhrmacher-Azubis – ganze vier an der Zahl und noch weitere aus vier Bundesländern. Von den zu Beginn 16 Auszubildenden blieben nur neun bis zum 3. Ausbildungsjahr an der Schule.

Uhr selbst entwerfen und bauen

Bei der Gesellenprüfung war Geschick gefragt: Die Aufgabenstellung verlangte von den Lehrlingen, eine Baugruppe einer Uhr mit handwerklichen Fähigkeiten wie dem Feilen, Bohren, Fräsen, Nieten und Drehen herzustellen. Auch war die Reparatur einer Quarzuhr und einer mechanischen Herrenarmbanduhr Prüfungsgegenstand. So musste diese repariert und gewartet werden und mit Hilfe von Präzisionsarbeit an kleinen Rädchen, Spiralen und Hebeln funktionstüchtig abgegeben werden.

Carina Sindel ist gut in ihrem Beruf, sogar sehr gut: Sie legte sowohl die praktische wie auch theoretische Gesellenprüfung mit einer jeweils glatten 1,0 ab und wurde dadurch und auch mit ihrem 1,0-Berufsschulzeugnis zur Klassen- und somit Schulbesten in diesem Jahr. Mit diesem Ergebnis ergatterte die 20-Jährige auch den stolzen Titel der Kammer- und bayerischen Landessiegerin 2021. Nun wird sie im Januar in Würzburg ihren Meisterkurs Teil I und II beginnen. Die Kurse Teil III und IV hat sie bereits bei der Handwerkskammer Oberpfalz/Niederbayern abgelegt. Die dafür nötigen Praxisstunden sammelt Carina Sindel in der väterlichen Werkstatt. Dabei muss sie, wie ihr Vater vor drei Jahrzehnten, eine eigene Uhr komplett selbstständig entwerfen und zusammenbauen.

Beruf extrem gut bezahlt

Und die Nachwuchs-Uhrmachmeisterin wollte eigentlich noch überbetriebliche Wochen bei anderen Uhrmachern in Landshut und Germering absolvieren, um praktische Erfahrungen zu sammeln. Doch Corona machte ihr hier einen Strich durch die Rechnung. „Nach meiner Meisterprüfung plane ich aber noch ein Auslandsjahr in Frankreich oder der Schweiz, um mein Handwerk zu verbessern“, kündigt Uhrmacherin Carina Sindel an.

Wie sieht das junge Talent ihre Zukunft? Sie will sich weiter spezialisieren und viele Erfahrungen sammeln in Deutschland und Europa, sagt sie. Denn vor allem die Edelmarken der Uhrenbranche brauchen qualifizierte Wartung von zertifizierten Uhrmachermeistern. „Während das Luxussegment im Markt ständig wächst, sinkt laufend die Zahl der Uhrmacher“, berichtet Markus Sindel. Der Beruf sei inzwischen extrem gut bezahlt. Die Firmen selbst böten Arbeitsplätze an, etwa in Glashütte, Schwenningen oder bei der Swatchgroup in der Schweiz. Aber der Vater hofft natürlich, dass es die Tochter nach ihren Wanderjahren irgendwann wieder nach Sulzbach-Rosenberg verschlägt und sie das familieneigene Geschäft übernimmt. Dann würde sich der Kreis komplett schließen.

Nachwuchs im Handwerk dringend gesucht

Schwandorf
Hintergrund:

Carina Sindel

  • Geboren 2001 in Sulzbach-Rosenberg
  • Besuch der Walter-Höllerer-Realschule
  • Ab 2018 Ausbildung zur Uhrmacherin im väterlichen Betrieb
  • 2021 Gesellenprüfung als bayerische Landessiegerin mit der Note 1,0
  • Anschließend Arbeit im elterlichen Betrieb und Aufnahme des neunmonatigen Meisterkurses
  • Schulstandorte für Uhrmacher unter anderem in Würzburg, Glashütte, Furtwangen, Villingen-Schwenningen, Pforzheim oder Hamburg zu finden
Der Stolz der Familie: Vater Markus und Tochter Carina Sindel mit ihren Urkunden zum Landessieger - zwischen beiden Erfolgen liegen über 30 Jahre.

 

 

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