15.11.2021 - 17:10 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Wasserschaden: Seidel-Archiv in höchster Gefahr

Für das Kultur-Ensemble „Seidel-Druckerei“ in Sulzbach-Rosenberg ist es eine Katastrophe: Ein Leitungsleck in einer Wohnung hat im darunterliegenden historischen Bibliotheksgewölbe einen Wasserschaden verursacht.

Rund 1000 Bücher, Schriften und Drucke waren dem herabtropfenden Wasser im Seidel-Archiv ausgesetzt. Die Schadensbilder fallen unterschiedlich aus.
von Andreas Royer Kontakt Profil

Es war mehr oder weniger Zufall, dass der Wasserschaden am Samstag, 13. November, im Seidelanwesen überhaupt entdeckt wurde. Nach Angaben von Markus Lommer waren Helfer mit etwa 20 Realschülern damit beschäftigt, alles für den am Martinimarkt anberaumten Bücherflohmarkt im Saal der Seidel-Druckerei herzurichten. „Zwei Schülerinnen zeigten dabei besonders Interesse an historischen Schriften, weshalb ich ihnen einen Blick ins Allerheiligste des Seidel-Archivs – das historische Bibliotheksgewölbe – anbot“, so Lommer. Beim Eintritt in den Raum tropfte es schon wie bei einem Regenschauer von der hohen Decke. Ohne das von den Schülerinnen gezeigte Interesse wäre der Schaden aber wahrscheinlich tagelang nicht entdeckt worden und sicherlich Hunderte von weiteren Bänden beschädigt und zerstört worden, ist sich der Stadtheimatpfleger und Kurator des Seidel-Anwesens sicher.

Kurz vor 18 Uhr war dann am Samstag schnelles Handeln gefragt, es ging an die Bergung der etwa 1000 Bücher und Schriften aus dem 18. und 19. Jahrhundert, die dem Wasser unmittelbar ausgesetzt waren. Markus und Brunhilde Lommer sahen sich mit wenigen Helfer vor eine unlösbare Aufgabe gestellt. Sie setzten die Notfallkette in Gang, informierten die Feuerwehr Sulzbach-Rosenberg, das Liegenschaftsamt und den für Archiv-Notfälle zuständigen Mitarbeiter des Staatsarchivs Amberg, Erwin Stoiber. Alle eilten zum Schadensort im Herzen der Sulzbach-Rosenberger Altstadt, teils mit Notfall-Boxen, um ein schnelles Auslagern der in Mitleidenschaft gezogenen Bände zu gewährleisten.

Wertvollster Archiv-Bereich

„Auf etwa zwei Quadratmetern tropfte das Wasser auf die Archivalien herab. Ursache dafür war ein Leck in einer Wasserleitung, die in einer Zwischenwand in der Wohnung darüber verläuft. Warum es zu dieser Leckage kam, ist noch ungeklärt. Was allerdings Fakt ist, ist die Tatsache, dass es sich hier um den historisch wertvollsten Bereich des Seidel-Archivs handelt, der jetzt extrem beschädigt wurde“, schildert Lommer die Umstände der Schäden gegenüber Oberpfalz-Medien.

Zunächst seien die Bücher und Hefte von vier Helfern aus dem durchnässten Bereich geschafft worden. Danach half auch die Feuerwehr, der Markus Lommer ganz besonders für ihr beherztes und schnelles Eingreifen dankt, mit, um die schadhaften Bücher im trockenen ersten Stock des Seidel-Rückgebäudes zwischenzulagern. Dort begutachteten sie Erwin Stoiber und Stadtarchivar Johannes Hartmann, um sie in vorläufige Schadensklassen einzuordnen. Noch am Montag wurden die beschädigten Bücher und Seidel-Drucke in das Zentrum für Bucherhalt nach Leipzig gebracht, wo sie unter anderem gefriergetrocknet werden.

Klares Warnsignal

Nach Auffassung Lommers konnte ein Totalschaden der Seidel-Bibliothek gerade noch verhindert werden. Ein deutliches Warnsignal sei es ab er trotzdem, schnellstmöglich eine Entscheidung bei der Übernahme des Archiv-Inventars durch die Kommune herbeizuführen. Die Stadt sei zwar seit 1. Januar 2020 Besitzer der Seidel-Immobilie, die unschätzbar wertvollen Archivalien gehörten aber laut Stadtheimatpfleger immer noch den Vorbesitzern. Nicht zuletzt habe sich Bernd Sibler, Bayerischer Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, mehrfach im Seidel-Archiv von dessen Kultur-Schätzen überzeugt, auch regte dieser das Nutzen von Fördertöpfen für Inventarisierungen und Ertüchtigungen an. Nach Lommers Ansicht stehe der Minister „felsenfest hinter dem Konzept für das Seidel-Archiv“.

Der Stadtheimatpfleger, der den entstandenen finanziellen Schaden noch nicht beziffern konnte, blickte beim Pressegespräch sorgenvoll in die Zukunft. Er sieht einen großen Hemmschuh in der Verweigerungshaltung im Stadtrat, das Archiv zu übernehmen, spricht von demotivierendem Verhalten und einer Hinhaltetaktik. Mittlerweile sei der promovierte Theologe auch gesundheitlich an seine Grenzen gelangt, ein Zusammenbruch liege wenige Wochen zurück. „Es gibt feuchte Keller im Seidelanwesen, die Archivalien müssen jetzt schnellstens aus dem gefährdeten Bereich gebracht werden. Es besteht dringender Handlungsbedarf“, so Lommer, der jetzt auf ein Signal des Zusammenhalts hofft, um das gemeinsame Seidel-Erbe zu erhalten.

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Hintergrund:

Seidel-Verlagsarchiv

  • Historische Druckerwerkstätte
  • Herrschaftliche Eigentümerwohnung
  • Repräsentative Verlagsräume
  • Historischer Buchbestand
  • Historische Archivalien
  • Bestandteil der Denkmalliste mit „nationaler Bedeutung“
  • Kleinkunstbühne seit 2011

„Auf etwa zwei Quadratmetern tropfte das Wasser auf die Archivalien herab.“

Stadtheimatpfleger Markus Lommer

Stadtheimatpfleger Markus Lommer

 

 

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