27.05.2021 - 14:47 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

„Ich wollte kein Täter werden“: Post bietet sechs Syrern neues Leben

Bei der Deutschen Post am Zustellstützpunkt in Sulzbach-Rosenberg gibt es viel kulturelle Vielfalt: Dort arbeiten sechs Brief- und Paketzusteller aus Syrien. Der Job bietet den Geflüchteten nicht nur ein Auskommen, sondern Zugehörigkeit.

Anas Alzamel ist der Hölle des Bürgerkriegs in Syrien entkommen. In Sulzbach-Rosenberg hat er bei der Post als Brief- und Paketzusteller nicht nur einen Job bekommen, sondern auch Zugang zur deutschen Gesellschaft.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

In der vergangenen Woche war bei der Deutschen Post DHL „Diversity Week.“ In der „Woche der Vielfalt“ will das Unternehmen laut einer Pressemitteilung das Miteinander von Menschen verschiedenster Kulturen, Religionen oder sexueller Orientierungen feiern. In puncto Vielfalt nicht verstecken braucht sich auch der Zustellstützpunkt in der Sulzbach-Rosenberger Bahnhofstraße.

Jeden Morgen fahren von dort aus sechs junge Mitarbeiter die Post für die Stadt und das Umland aus. Das Besondere: Es handelt sich um Geflüchtete aus Syrien, die hier zu einem Teil der deutschen Gesellschaft geworden sind.

Gute Deutschkenntnisse

Zu ihnen gehören Anas Alzamel, Fares Alzamel, Bassam Haidar und Adham Mheres. Die jungen Männer sind nach Deutschland geflüchtet, weil in ihrer Heimat seit sechs Jahren ein Bürgerkrieg tobt. Alle sechs sprechen mittlerweile gut Deutsch. Daher ist es reine Höflichkeit, dass sie für das Gespräch Bassam Haidar und Fares Alzamel zu ihren Wortführern erklären. In ihrer Heimat Syrien haben die beiden Sprachen studiert und diese Vorgeschichte macht sich auch bei ihren Deutschkenntnissen bemerkbar.

Bassam Haidar hatte der Mitteilung zufolge in Syrien ein gutes Auskommen. In seiner Heimatstadt Damaskus studierte er englische Literaturwissenschaft, das Studium finanzierte er als Hauslehrer in einem vermögenden Privathaushalt. Trotzdem machte er sich 2015 auf den Weg nach Deutschland. Schuld war der Bürgerkrieg: „Ich sollte vom Militär eingezogen werden“, sagt der mittlerweile 31-Jährige. „Ich hatte weniger Angst davor, Opfer zu werden. Ich wollte nicht auf meine Landsleute schießen.“

Flucht vor Einberufungsbefehl

Sein um ein Jahr jüngerer Freund Fares Alzamel, der ebenfalls aus Damaskus stammt und dort Französisch studierte, wollte ebenfalls kein Täter werden. Auch er ergriff vor dem Einberufungsbefehl die Flucht. „Die Deutschen haben sich oft gefragt, weshalb aus Syrien so viele junge Männer kommen“, sagt Fares Alzamel. „Dabei ist der Grund ganz einfach. Wir haben uns entschieden, für die Flucht und gegen das Kämpfen und Blutvergießen. Die allermeisten sind abgehauen.“

Während sich Bassam Haidar gleich nach Deutschland aufmachte, blieb Fares Alzamel zunächst in Jordanien. Dort wollte er den Bürgerkrieg aussitzen und nach Syrien zurückzukehren, sobald dies die Lage zulassen würde. Letztlich trieb auch ihn die Perspektivlosigkeit nach Deutschland.

Hier durchliefen die jungen Männer zuerst den üblichen, mit Vorschriften der Asylbürokratie gespickten Weg durch die Erstaufnahmelager und Integrationskurse. „Der Anfang war sehr schwer“, sagt Bassam Haidar. Aber mit der Hilfe von Ehrenamtlichen und guten Sprachkenntnissen ging die Integration immer schneller voran. „In Deutschland habe ich nie das Gefühl der Fremde verspürt“, meint er. „Deutschland ist so, wie ich mir meine Heimat immer gewünscht habe. Die Menschen sind freundlich, das Leben ist friedlich und ruhig.“

„Man fühlt sich nützlich“

Sein Freund Fares Alzamel teilt diesen Eindruck und berichtet, selbst nie Ausgrenzung oder Rassismus erlebt zu haben: „Ich weiß, dass es Menschen gibt, die uns Araber nicht hier haben wollen. Aber zu mir waren bisher alle sehr freundlich und hilfsbereit."

Die sechs syrischen Brief- und Paketzusteller in Sulzbach-Rosenberg sind sich einig, dass die Arbeit wesentlich dazu beigetragen hat, in Deutschland Fuß zu fassen. „Man fühlt sich nützlich“, sagt Fares Alzamel, der sich zunächst in der Gastronomie und im Metallbau versuchte, sich dort aber nur von einem befristeten Job zum nächsten hangelte. Auf Anraten seines Freunds Bassam Haidar, der früh seinen Einstieg bei der Post schaffte, bewarb auch er sich als Zusteller.

Eine Hürde war der deutsche Führerschein. Doch als diese mit Unterstützung des Arbeitgebers genommen war, stand einem festen Einkommen nichts mehr im Wege – und ein gesichertes Einkommen bedeutet, die Sammelunterkunft verlassen zu können und nach Jahren wieder Privatsphäre zu erleben. Bassam Haidar wohnt bei einer deutschen Familie in einer Einliegerwohnung zur Untermiete. Fares Alzamel lebt zusammen mit seinen Eltern, die unabhängig von ihm in die EU geflüchtet sind, in einer kleinen Mietwohnung. Bei ihrem Arbeitgeber gelten die Syrer als zuverlässig und engagiert. Wegen ihrer freundlichen und höflichen Art seien sie bei den Kunden und im Kollegenkreis beliebt, sagt ihr Chef Stephan Schmidt, Standortleiter in Sulzbach-Rosenberg.

Kicken beim FC Großalbershof

Als Sprachtalent hat sich Bassam Haidar von seinen Kollegen aus Russland und Rumänien sogar ein paar Brocken aus deren Landessprache angeeignet und ist daher imstande, vielsprachig zu scherzen. Nicht nur bei der Arbeit, Bassam Haidar ist auch im Sport integriert. Er kickt beim Kreisklassisten FC Großalbershof in der ersten Mannschaft. „Als Zehner, also Ballverteiler im Mittelfeld“, wie er stolz bemerkt. Darüber hinaus gilt er als sicherer Elfmeterschütze und auch aus dem Spiel heraus torgefährlicher Angreifer.

Dürfen Männer Männer heiraten?

Sport und Arbeit sind für die Integration wichtig. Allerdings zeichnet sich die pluralistische Gesellschaft durch mehr aus als durch Fußball und Erwerbstätigkeit. Wie also stehen die Postboten aus Syrien zur Religionsfreiheit, Gleichstellung der Geschlechter, zu Sex vor der Ehe oder dazu, dass in Deutschland Männer mit Männern und Frauen mit Frauen verheiratet sein können?

Bei dieser komplizierten Frage müssen Fares Alzamel und Bassam Haidar laut der Mitteilung für ihre Kollegen übersetzen. Die Diskussion findet auf Arabisch statt. Dann liefert Fares Alzamel das Fazit: „Solange man sich an die Gesetze hält, kann in Deutschland jeder Mensch für sich entscheiden, welches Leben er führt. Es ist gut, in einem freien Land zu leben.“

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„Ich sollte vom Militär eingezogen werden. Ich hatte weniger Angst davor, Opfer zu werden. Ich wollte nicht auf meine Landsleute schießen.“

Bassam Haidar

 

 

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