03.03.2020 - 12:28 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Anna Toman will in die Stichwahl

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Überraschend zog Anna Toman 2018 in den Landtag ein. Nun will die Grünen-Politikerin neue Landrätin werden. Im Interview erklärt sie, wie Tirschenreuth der "grünste Landkreis" Bayerns werden soll.

Anna Toman will die erste Landrätin des Landkreises Tirschenreuth werden.
von Martin Maier Kontakt Profil

Bei Landratswahlen sind die Grünen in Tirschenreuth bisher kaum in Erscheinung getreten. 2008 stellten sie keinen Kandidaten und sechs Jahre später holte Jürgen Merzinger nicht einmal zwei Prozent. Mit Anna Toman tritt nun die Newcomerin der Öko-Partei im Landkreis an. Und die 28-Jährige rechnet sich Chancen aus. Das Interview führten die Redakteure Wolfgang Benkhardt und Martin Maier.

ONETZ: Sie wollen die erste Frau sein, die im Landratssessel Platz nimmt. Darauf weisen Sie immer wieder explizit hin. Mit Blick auf ihre ersten eineinhalb Jahre als Landtagsabgeordnete: Haben es Frauen in der Politik schwerer?

Anna Toman: Ich habe schon den Eindruck, dass man genauer beobachtet wird. Und was man im Plenum in München feststellen kann: Die Zwischenrufe bei Frauen sind lauter und es wird härter reingegangen. Es wird viel genauer geschaut, wie diejenige spricht. Da wird sich auch oft über die Tonlage lustig gemacht. Ich glaube, wir haben schon noch ein hartes Stück Arbeit vor uns, um von einem gleichberechtigten Job zu reden.

ONETZ: Sie setzen offenbar neben Erstwählern vor allem darauf, möglichst viele junge Frauen mit Ihrem Wahlkampf zu erreichen. Unter anderem haben Sie diese direkt postalisch angeschrieben.

Anna Toman: Natürlich. Junge Menschen sind politisch sehr interessiert. Da braucht man nicht drum herumreden: das sind vor allem unsere Wählerinnen und Wähler. Gerade junge Frauen haben es nicht so einfach, wenn man Familie und Karriere unter einen Hut bringen will. Das ist bei uns noch einmal eine Ecke schwieriger. Ich würde gerne ein Zeichen als erste Landrätin im Landkreis Tirschenreuth setzen.

ONETZ: Glauben Sie wirklich, dass Sie als Grüne eine Chance haben, Landrätin zu werden?

Anna Toman: Ganz ehrlich: Nach der Podiumsdiskussion in Kemnath sage ich, dass alles offen ist. Denn es hat keinen klaren Sieger oder klare Siegerin gegeben. Zudem glaube ich, dass sich die Menschen bei uns schon ein Stück Veränderung wünschen. Und das bekommt man nicht mit CSU oder den Freien Wählern, die genau so weitermachen würden.

ONETZ: Ihr Ziel ist die Stichwahl?

Anna Toman: Ja. Und dann ist alles möglich. Das hat man 2008 auch bei Wolfgang Lippert gesehen.

ONETZ: Ist der Landkreis schon bereit für eine Grünen-Politikerin an der Spitze?

Anna Toman: Ich glaube, die Bürger und Bürgerinnen hier können sich das schon vorstellen. Aber die Mehrheitsverhältnisse im Kreistag müssen natürlich auch verändert werden. Das Verständnis für eine „grüne Politik“ ist im Landkreis da, das zeigt das Volksbegehren „Rettet die Bienen“.

ONETZ: Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf im Landkreis?

Anna Toman: Da ist zum einen das Thema Wohnen. Wir haben zu wenig Mietwohnungen für junge Leute und auch für ältere Leute braucht es passende Angebote. Das müsste in Zusammenarbeit mit der Kewog und den Gemeinden erfolgen. Dazu müssen die Kommunen noch mehr zusammenarbeiten. Da sehe ich den Landkreis als Bindeglied, der zusammenführt und anstößt. Zudem gibt es beim Umwelt- und Klimaschutz Nachholbedarf. Das betrifft bei uns im Landkreis hauptsächlich erneuerbare Energien. Und hier kommt natürlich die Windkraft ins Spiel, auch wenn es viele Leute nicht gerne hören: Wir könnten viel mehr Windenergie erzeugen und so mehr Einnahmen für den Landkreis generieren.

ONETZ: Wie wollen Sie die Gegner mit ins Boot holen?

Anna Toman: Wir müssen die Windkraftanlagen selber betreiben, um dann das Geld vor Ort investieren zu können. Damit meine ich Gemeinden, Landkreis oder Bürgerenergiegenossenschaften. Nur damit schafft man Akzeptanz. Das Gleiche ist es mit Freiflächen-Photovoltaik-Anlagen. Natürlich kommt es immer auf den jeweiligen Standort an.

ONETZ: Brauchen wir die Gleichstromtrasse Süd-Ost-Link, wenn wir die erneuerbaren Energie ausbauen?

Anna Toman: Dieses Thema ist so wahnsinnig aufgeheizt, dass es, egal was man sagt, nur falsch sein kann. Wir haben in Bayern die Energiewende verpennt. Vielleicht können wir einen Teil dezentral meistern, aber wir brauchen uns nicht einreden, dass unsere Ballungszentren das alleine schaffen. Das bedeutet, dass wir Strom von A nach B transportieren müssen. Die Bundesnetzagentur hat sich Gedanken gemacht, warum der Süd-Ost-Link sinnvoll ist. Die aber immer wieder von der CSU ins Spiel gebrachte Autobahnvariante ist Märchenerzählerei. Dort kann der Süd-Ost-Link nicht verlegt werden. Das ist technisch nicht möglich. Diese Variante immer wieder ins Spiel zu bringen, ist fahrlässig. Da würde ich mir mehr Ehrlichkeit wünschen. Die endgültige Trassenbreite ist rund 15 Meter, die frei bleiben müssen.

ONETZ: Noch einmal zurück zu den Windrädern: Viele Gegner bringen das Argument vor, dass diese dem Tourismus schaden.

Anna Toman: Das sehe ich nicht so. Wir wollen ja nicht den gesamten Landkreis zupflastern. Im Tourismus haben wir ganz andere Probleme. Zum Beispiel gibt es kein flächendeckendes Konzept und die Radwege sind nicht gut vernetzt. Wanderwege sind oftmals schlecht ausgeschildert. Da haben wir Nachholbedarf, aber natürlich haben wir auch sehr viel Potenzial. Wir haben eine beeindruckende Natur und auch tolle Kultur vor Ort. Das müssen wir besser verkaufen. Beim Tourismus könnte man zum Beispiel auch das Baxi mit einbeziehen.

Erklärvideo zur Wahl:

ONETZ: Mit dem Baxi ist der Landkreis aber Vorreiter.

Anna Toman: Natürlich. Aber es fehlt das Angebot für Pendlerinnen und Pendler. Das müsste man mit einer pfiffigen Idee über das Baxi schaffen. Und für junge Leute muss man das Baxi anders buchbar machen, beispielsweise über eine passende App. Der öffentliche Personennahverkehr endet zudem nicht an der Landkreisgrenze. Wir müssen die Nordoberpfalz mit Neustadt/WN und Weiden gemeinsam stärker vernetzen und vermarkten, auch in den Bereichen Wirtschaft und Arbeitsplätze. Dafür muss man als Landrätin auch nach außen werben.

ONETZ: Mir fällt da spontan die Aktion „Freiraum für Macher“, die deutschlandweit für das Fichtelgebirge trommelt, ein. Können Sie sich so etwas auch für den Landkreis vorstellen?

Anna Toman: Sicher. Noch besser natürlich für die Nordoberpfalz.

ONETZ: Zusammenarbeit ist auch bei der künftigen Entwicklung der Kliniken Nordoberpfalz AG gefragt.

Anna Toman: Die Kliniken AG, also die Zusammenarbeit der Landkreise Tirschenreuth und Neustadt/WN sowie der Stadt Weiden, ist immer noch der richtige Weg. Die Herausforderung für die neuen Verantwortungsträger wird sein, dass die Last gerecht zwischen den drei Akteuren verteilt wird. Hier ist vor allem der Landkreis Neustadt/WN in der Pflicht. Insgesamt ist es mir ein besonderes Anliegen, die Krankenhäuser im Landkreis Tirschenreuth zu erhalten, denn sie gehören zur Daseinsvorsorge für unsere Bürger.

ONETZ: Sie haben gesagt, dass Tirschenreuth der „grünste Landkreis“ Bayerns werden soll. Wie stellen Sie sich das vor?

Anna Toman: Ein Baustein ist sicher, dass der Landkreis schon flächendeckend Öko-Modellregion ist. Wenn wir das nicht nur als Stempel sehen, sondern es auch tatsächlich leben, indem wir Dorfläden nutzen, regional einkaufen und mehr Bäuerinnen und Bauern auf Bio umstellen, dann ist das eine Chance. Man darf nicht denken, dass es mit ein bisschen Bio-Karpfen im Stiftland erledigt ist. Und es fängt schon im Kleinen an. Beispielsweise wenn man sich als Glyphosat-freien Landkreis ausweisen würde. Das würde zunächst ja nur auf den landkreiseigenen Flächen gelten. Aber man muss halt anfangen. Natürlich spielen auch hier die erneuerbaren Energien wieder eine große Rolle. Wir hängen zwar ein bisschen hinterher, aber wir können noch aufholen.

ONETZ: Zu dem Thema würde auch ein Klimaschutzmanager passen.

Anna Toman: Mich hat wirklich gewundert, dass gerade der CSU-Landratskandidat das auf der Podiumsdiskussion ins Spiel gebracht hat. Das fordern wir Grünen schon seit langer Zeit für den Landkreis. Diese Person hätte unter anderem die Aufgabe, Baubelange auf ihre Energieeffizienz zu überprüfen und die Bürger zu beraten.

ONETZ: Zum Schluss noch eine persönliche Frage. Was macht mehr Spaß: Landtagsabgeordnete oder Lehrerin?

Anna Toman: Das lässt sich leicht beantworten. Den Job als Lehrerin habe ich sehr, sehr gerne gemacht. Aber die Arbeit als Abgeordnete macht mir tatsächlich mehr Spaß. Da fühle ich mich wohler. Der nächste Schritt wäre Landrätin. Denn wenn man etwas bewegen will, muss man im Kleinen anfangen.

Zur Person:

Anna Toman stammt aus Bärnau und ist seit November 2018 Grünen-Landtagsabgeordnete. Die Lehrerin für Real- und Mittelschulen ist verheiratet, lebt aber getrennt. Reiten ist eines ihrer Hobbys. Mit Stute Goldi und Sam hat sie zwei Pferde. Wenn es die Zeit zulässt, ist die 28-Jährige auch viel mit ihrer Hündin Luna unterwegs.

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