18.08.2021 - 16:11 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Flutkanal-Prozess: Anwälte fordern dreimal Freispruch

Im Flutkanal-Prozess in Weiden sind die Plädoyers der Verteidiger gesprochen. Sie fordern Freispruch für drei junge Leute, denen vorgeworfen wird, einen betrunkenen Freund nicht vor dem Ertrinken gerettet zu haben.

Vor dem Landgericht erinnern Kerzen an den Tod von Moritz G., ertrunken im Weidener Flutkanal.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Eine Viertelstunde lang riecht es am Mittwochmittag vor der Großen Strafkammer im Weidener Landgericht nach Urteil, dann ist die Sitzung aus. Die Verhandlung wird am Freitag fortgesetzt, wahrscheinlich mit den Schlussworten der Angeklagten.

Die Welle an Beweisanträgen, die über das Verfahren um den Tod des 21-jährigen Moritz G. aus Sulzbach-Rosenberg im September 2020 seit Juli schwappt, scheint inzwischen abgeebbt. Am 15. Verhandlungstag geht lediglich noch ein Hilfsbeweisantrag ein. Er dreht sich wieder mal um eine Bluetooth-Verbindung von der Auswertung des Handys des Toten. Sie soll belegen, dass Moritz angeblich noch einige Stunden gelebt hat, als ihn seine Begleiter nach seinem Sturz in den Weidener Flutkanal zurückgelassen haben.

Da dieser Antrag keine Unterbrechung nach sich zieht, können die Verteidiger ihre Plädoyers halten. Unisono fordern sie Freispruch für ihre Mandaten, eine 22-jährige Frau aus Weiden sowie zwei Männer (24 und 25) aus Sulzbach-Rosenberg.

Die Argumente der Advokaten: Allenfalls könne man bei dem Trio über unterlassene Hilfeleistung diskutieren, auf die ein Jahr Freiheitsstrafe steht. Ansonsten aber sei das Schicksal von Moritz G. mit dem Sturz ins Wasser bereits besiegelt gewesen. Im Grunde hätte keiner mehr etwas für Moritz tun können. Keiner der drei habe ferner eine Garantenstellung für das spätere Opfer gehabt. Juristisch ist damit eine Beschützerfunktion gemeint.

"Menschliche Tragödie"

Die Weidener Anwälte Tobias Konze und Burkhard Schulze sowie der Duisburger André Miegel sprechen von einer „menschlichen Tragödie“. Allerdings habe sich Moritz G. auch selbst in die Lage gebracht, die sich später als lebensgefährlich herausgestellt habe.

Weder hätten ihn die Angeklagten beim Besuch einer Shisha-Bar mit Alkohol abgefüllt noch hätten sie ahnen können, dass er sich auf dem Heimweg plötzlich vom Parkhaus in der Friedrich-Ebert-Straße Richtung Flussufer von der Gruppe entfernt. Das bei der Obduktion festgestellte Rauschgift könne er nur ohne Zutun der anderen zu sich genommen haben.

Da Moritz’ Schuhe und Haare nass waren, seien die Begleiter vielmehr davon ausgegangen, dass er bereits vorher einmal ins Wasser geplumpst sei und sich daraus aus eigener Kraft habe retten können. Dies wäre ihm daher wohl auch ein zweites Mal möglich gewesen, so die Annahme.

Entscheidung offen

Die Verteidiger verbinden ihre Reden mit Vorwürfen in Richtung Strafkammer. Hätten die Richter eine intensivere Auswertung des Handys des Toten durch einen Apple-Techniker zugelassen, würde dies ihre Mandanten entlasten.

Ob am Freitag gleich ein Urteil fällt ist offen. Eventuell lässt die Kammer Anwalt Jan Bockemühl aus Regensburg noch plädieren, der in dieser Woche verhindert ist und erst danach Zeit hätte. Vorsitzender Gerhard Heindl hat bereits vergangene Woche angeboten, dass die Anwälte weitere Termine bis 30. November nennen können. Da es aber schwierig scheint, die Terminwünsche aller Beteiligten unter einen Hut zu bringen, könnte auch diese Woche die Hauptverhandlung noch beendet werden.

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Hintergrund:

Mögliche Tatbestände

  • Unterlassene Hilfeleistung: Paragraf 323c Strafgesetzbuch; darauf steht Haft bis zu einem Jahr oder eine Geldstrafe. Strafbar ist, wer bei Unglücksfällen, Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm zuzumuten ist. Bestraft wird auch, wer jemanden behindert, der Hilfe leistet oder leisten will.
  • Aussetzung mit Todesfolge: Darauf plädiert Oberstaatsanwalt Bernhard Voit. Paragraf 221 Strafgesetzbuch, Mindeststrafe drei Jahre. Strafbar ist, wer einen Menschen in eine hilflose Lage versetzt oder in so einer Lage im Stich lässt, obwohl er ihn in seiner Obhut hat oder ihm sonst beizustehen verpflichtet ist.
  • Totschlag durch Unterlassen: Darauf plädiert Nebenklagevertreter Rouven Colbatz. Paragraf 212 (1) ; Mindeststrafe fünf Jahre. Strafbar ist, wer einen Menschen tötet, ohne Mörder zu sein.
  • Garantenstellung: Sie ist im Flutkanal-Prozess heiß diskutiert und meint eine Pflicht im Strafrecht, dafür einzustehen, dass eine bestimmte Tatbestandsfolge nicht eintritt. Wer rechtswidrig eine Gefahr schafft, ist zur nachträglichen Gefahrabwendung verpflichtet. Eine Garantenstellung kann sich auch ergeben, wenn die Gefahrenlage durch rechtmäßiges Vorverhalten entsteht.

 

 

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