07.06.2021 - 18:10 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Kommentar zum Impfen: Besser eine Priorisierung als das Ellenbogenprinzip

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Bundesweit fällt in den Impfzentren die Priorisierung weg. Bayern hält daran fest, zumindest in den Zentren. Richtig so. Ein Kommentar von Wiebke Elges.

Ein Mann hält eine Spritze in der Hand.
von Wiebke Elges Kontakt Profil
Kommentar

Der Kampf um die Impfdosis ist eröffnet. In Bayern kann schon jetzt jeder bei einem Hausarzt eine Impfung bekommen. Die Politik nimmt sich dabei aus der Verantwortung und verlagert das Impfproblem immer mehr auf die Hausarztpraxen. Die Wartelisten hier: Dreistellig. In der Hoffnung auf mehr Freiheit durch eine Impfung greift plötzlich das Ellenbogenprinzip. Getreu nach dem Motto: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Wer jetzt besonders drängelt, kommt vielleicht eher zum Zug, als jene die es besonders zu schützen gilt.

Nach wie vor gibt es impfwillige Personen mit Risikofaktoren, die noch nicht geimpft sind. Die Politik sendete ein falsches Signal: Impfstoff für jeden. Die Hoffnung auf das knappe Gut ist hoch. Jedoch fehlt es an Impfstoff für Erstimpfungen. Die Freigabe des Impfstoffs schürt falsche Hoffnungen. Deshalb ist es richtig, dass sich die Impfzentren in Bayern auch weiterhin an die Priorisierungsreihenfolge halten. Die Menschen müssen sich eben weiter in Geduld üben.

Besser wäre es, die Priorisierung auch in den Arztpraxen erst aufzuheben, wenn der Großteil der Menschen mit Risikofaktoren ein Impfangebot bekommen hat. Danach: Alle anderen. Wofür sonst gibt es die Prio 4?

Wie das Impfportal innerhalb einer Prio entscheidet

Amberg

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Kommentare

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Martin Pfeifer

Nun ja, den Grundstein zur aktuellen Situation bei den Corona-Impfungen hat die Bundesrepublik Deutschland, vertreten durch das Gesundheitsministerium, schon im Sommer letzten Jahres gelegt. Man hat sich innerhalb der EU zusammengesetzt, seine Wünsche und den Bedarf zusammengestellt und dann die EU verhandeln lassen.

Es war sicherlich eine gute Idee, das sich die Staaten der EU zusammentun. So entsteht mehr Gewicht beim Einkauf. Dabei haben die Verantwortlichen aber mehrere Fehler gemacht. Zum einen wurde allgemein zu knapp bestellt. Allein der Impfstoff der Firma Sanofi / GlaxoSmith-Kline aus Frankreich ist etwa ein Viertel der von der EU bestellten Impfstoffmenge. Diesen Impfstoff wird es nicht geben. Mehr bestellen im Sinne einer Reserve für den Fall eines Ausfalls wäre da wohl sinnvoll gewesen. Und ich behaupte auch mal: preiswerter wäre es auch geworden. Und wir wirklich zuviel haben: das Covax-Produktion der WHJO freut sich über jede Impfstoff-Dosis. Wir werden die Pandemie nicht los, wenn nur Deutschland durchgeimpft ist. Oder nur Europa. Oder nur die USA und Kanada.

Das Impfen wichtig ist, har Herr Spahn im Sommer richtig erkannt. Die praktische Umsetzung ist auf deutscher Ebene völlig ausgeblieben. In Deutschland wurden insgesamt zwei der drei bekannten mRNA-Impfstoffe entwickelt. Die Firma Biontech hatte das Glück, mit Pfizer einen finanzstarken Partner zu finden. Dadurch konnten sie die Phase-III-Studie zügig durchführen und waren die ersten, die einen zugelassenen Impfstoff hatten.

Der zweite deutsche Hersteller, die Firma Curevac aus Tübingen, hatte dieses Glück nicht. Anfangs war diese Firma mehr im Gespräch als Biontech. Und warum gibt es von dieser Firma (noch) keinen zugelassenen Impfstoff? Ganz einfach: ihnen fehlt der Partner, um die Phase-3-Studie zu finanzieren. Die Zulassung erfolgt wohl Ende Juni dieses Jahres. Warum die Bundesregierung, oder von mir aus die EU, hier nicht einfach die Phase-3-Studie komplett "gesponsort" hat, ist mir bis heute nicht begreiflich. Es wäre wohl deutlich preisgünstiger gewesen als einige Tage Lockdown, die uns dadurch erspart geblieben wären.

Genauso, mit staatlicher Förderung, lief es übrigens in den USA beim dritten Hersteller von mRNA-Impfstoffen, der Firma Moderna. Diese Firma hat das Geld für die Phase-3-Studie auch von der US-Bundesregierung bekommen. Mit der klaren Ansage: macht es einfach, wenn nichts dabei herauskommt, haben wir es wenigstens versucht. In dieser Pandemie wohl der beste Ansatz.

Ein ähnliches Drama spielt sich übrigens in Braunschweig bei einem Medikament gegen Corona ab. Auch dieser Firma fehlt das Geld für die klinische Studie. Die Bundesregierung will nichts geben. Die Chineschen würden diese Firma am liebsten sofort aufkaufen.

Die Schwerpunkt unseres Bundesgesundheitsminister, Herr Spahn, sind wohl vollmundige Ankündigungen, statt wirksame Maßnahmen. Und viel Geld zur Linderung der Folgen ausgeben statt gezielt Geld dort als Risikokapital einsetzen, wo es hilft, das die Folgen der Corona-Pandemie gar nicht erst eintreten.

09.06.2021