11.08.2021 - 17:30 Uhr
Hiltersdorf bei FreudenbergSport

Corinna Schwab über Olympia: "Es waren extreme Emotionen"

Die Hiltersdorferin Corinna Schwab hat sich einen Traum erfüllt. Die Sprinterin war bei Olympia in Tokio dabei. Nicht alles lief gut. Ein Gespräch über leere Stadien, Tränen am Morgen und die Reize des olympischen Dorfes.

Corinna Schwab (22) aus Hiltersdorf (Kreis Amberg-Sulzbach) war zum ersten Mal bei Olympischen Spielen dabei. In Tokio hat sie gleich alle Facetten der Spiele erleben dürfen.
von Florian Bindl Kontakt Profil

ONETZ: Frau Schwab, Ihre ersten Olympischen Spiele sind vorbei. Mit welchem Gefühl sind Sie ins Flugzeug zurück in die Heimat gestiegen?

Corinna Schwab: Mit jeder Menge neuer Erfahrungen. Olympia besteht aus so vielen Reizen. Man wird überflutet. Das muss ich erst einmal verarbeiten. Auch wenn es sportlich etwas unglücklich gelaufen ist, hatte ich Spaß.

ONETZ: Sportlich ist es tatsächlich nicht ideal gelaufen. Trotzdem sind Sie Olympia-Teilnehmerin. 2016 saßen Sie noch vor dem Fernseher und träumten davon, selbst dabei zu sein.

Corinna Schwab : Es ist noch nicht ganz real für mich. Die Saison geht normal weiter, darauf muss ich mich konzentrieren. In der Saisonpause nehme ich dann vermutlich richtig wahr, dass ich mir einen Kindheitstraum erfüllt habe. Es ist so viel auf einmal passiert. Mein Blick geht schon in Richtung 2024, Olympia in Paris. Wenn man einmal dabei war, will man es noch einmal.

ONETZ: Sie waren auch zum ersten Mal in einem olympischen Dorf dabei. Wie ist der Alltag dort?

Corinna Schwab: Es ist wie eine kleine Stadt. Der Trubel ist groß. Man bräuchte 30.000 Schritte pro Tag, um alles zu sehen. Da musste ich mich zurückhalten, schließlich steht die Vorbereitung auf den Wettkampf im Vordergrund. Es gäbe so viel zu entdecken: Friseursalons, Nagelstudios, Geschäfte, Souvenirshops, eine Riesen-Mensa, zweistöckig. Ich bin eher zu Hause geblieben und habe mit den Mädels Karten gespielt oder die anderen Sportarten am TV verfolgt.

ONETZ: Sprechen wir über den Sport. Der Mixed-Staffel-Wettkampf lief für Sie sehr dramatisch. Erst qualifiziert, dann raus, dann doch wieder im Finale. Dort dann Ihr Sturz. Wie sehen Sie das im Nachhinein?

Corinna Schwab : Es waren extreme Emotionen, sehr schwierig für den Kopf. Wir sind mit dem Gefühl, im Finale zu sein, ins Bett gegangen. Am nächsten Tag sagt mir meine Zimmernachbarin, dass eine Disqualifikation zurückgenommen ist. Und wir waren plötzlich nur noch das neuntbeste Team. Wir waren raus. Unsere Trainer haben sehr gut reagiert, haben uns immer informiert. Wir haben den Tag trotzdem so vorbereitet, als wären wir im Finale. Das war mental sehr anstrengend. Am Abend weinten wir Freudentränen, am Morgen waren es Tränen der Enttäuschung.

ONETZ: Gegen Mittag war klar: Sie dürfen doch starten. Als neuntes Team im Finale. Bei der Übergabe des Staffelstabs kommen Sie zu Fall. Können Sie sich den Sturz erklären?

Corinna Schwab: Im ersten Moment wusste ich gar nicht, was passiert. Selbst nach dem Rennen nicht. Es hat zum ganzen Tag gepasst. Ich hatte den Stab schon fast übergeben, als sich die Irin in meinen Weg stellte und ich mit ihr zusammenstieß. Eine Chance auszuweichen gab es nicht. Es reißt mich nach unten und der Stab ist weg. Das sind Sekunden, die lassen sich nicht beschreiben. Ich war fassungslos im olympischen Finale. Aber ich mache niemandem einen Vorwurf. Im Staffellauf geht es eng zu, da passiert es schon mal, dass ein Bein im Weg ist.

ONETZ: Ihr nächstes Rennen war das Einzel über 400 Meter, Ihre Paradedisziplin. War der verrückte Staffellauf noch im Kopf?

Corinna Schwab : Es war ein anstrengender Tag. Ich habe versucht, den Staffellauf schnell abzuhaken. Natürlich war es keine positive Erfahrung, die einen pusht.

ONETZ: Im Einzelrennen sind Sie bereits in den Vorläufen ausgeschieden. Was hat zu Ihrer Bestform gefehlt?

Corinna Schwab : Es war kein gutes Rennen von mir. Im Sprint hast du nur eine Chance, entweder es klappt oder nicht. Und diesen Moment habe ich leider nicht getroffen. Danach musste ich mich schnell auf die Frauen-Staffel konzentrieren. Ich wollte die Mädels auf keinen Fall mit meiner schlechten Stimmung runterziehen. Leider sind wir dort trotz einer guten Zeit wieder ausgeschieden. Es war die beste Zeit einer deutschen Frauenstaffel seit zehn Jahren. In Rio 2016 hätten wir damit Bronze geholt.

ONETZ: Im Frühjahr nach der Leichtathletik-EM haben Sie gesagt, mit negativen Erfahrungen könne man wachsen.

Corinna Schwab: Definitiv. Natürlich wünschte ich, alles wäre perfekt gelaufen. Aber bei den ersten olympischen Spielen ist man auch etwas aufgeregter. Es war eine verrückte Reise. Das ist Olympia, das gehört dazu. Ich will daraus lernen und es beim nächsten Mal besser machen.

ONETZ: Wie haben Sie die Corona-Regeln in Tokio wahrgenommen?

Corinna Schwab : Die Pandemie war ein ständiger Begleiter. Es gab strenge Maßnahmen, an die sich alle gehalten haben. Mund-Nase-Schutz, Hände desinfizieren, Handschuhe und Plexiglasscheiben im Essenssaal. Nach den Wettkämpfen mussten wir sofort eine Maske aufsetzen. Die Japaner haben das sehr ernst genommen. Hut ab an Japan.

ONETZ: Sind Sie der Typ Sportlerin, den Zuschauer noch mehr pushen?

Corinna Schwab : Am Ende sind wir Sportler. Wenn wir an der Linie stehen, sind wir heiß. Es war ja keine komplette Geisterkulisse. Sportler aus anderen Disziplinen waren immer wieder auf den Rängen und haben angefeuert. Das merkt man schon. Aber klar: Ein Stadion mit 60.000 Menschen ist etwas völlig anderes.

ONETZ: Worauf richtet sich Ihr sportlicher Blick momentan?

Corinna Schwab : Ich versuche noch ein paar Leichtathletik-Meetings zu laufen. Mal sehen, wie schnell ich mich von der Reise erhole – mit Jetlag und allem. Ich will mich auch mit Freunden und der Familie treffen, um etwas abzuschalten. Spätestens Mitte September bin ich wieder in der Oberpfalz.

Corinna Schwab vor ihrem Olympia-Debüt

Amberg

Die verrückte Mixed-Staffel bei Olympia

Amberg
Hintergrund :

Corinna Schwab bei Olympia in Tokio

Corinna Schwab lief in Tokio bei drei Wettkämpfen mit, jeweils über ihre Lieblings-Distanz von 400 Metern.

  • 4 x 400m-Mixed-Staffel
    Platz 5 im Halbfinale in 3 Minuten und 12,94 Sekunden. Einzug ins Finale trotz der später zurückgenommenen Disqualifikationen der USA und der Dominikanischen Republik. Letzter Platz im Finale nach Corinna Schwabs Sturz.
  • 400m-Einzel
    Platz 5 und Aus im Vorlauf in 52,29 Sekunden (persönliche Bestzeit: 51,65).
  • 4 x 400m-Frauen-Staffel
    Platz 4 und Aus im Vorlauf in
    3 Minuten und 24,77 Sekunden.

 

 

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