Ein Hoch auf die "Ghettofaust"

28.07.2022 - 12:00 Uhr

Obwohl die Coronazahlen steigen, beginnen diesen Sommer viele Leute damit, Rituale aus Zeiten vor der Pandemie wiederzubeleben. Das Händeschütteln gehört dazu. Sehr zum Leidwesen von Redakteurin Kathrin Moch.

Bei der Ghetto-Faust (auch bekannt als Fist-Bump) ist die Virenübertragung deutlich geringer als beim klassischen Handschlag.

Nach zwei Jahren ohne Zwangs-Intimität, ist es plötzlich wie aus dem Nichts wieder da: das Händeschütteln. Und ich hadere damit. Sogar sehr. Ein Beispiel: Ein Fremder streckt mir vor Kurzem nach einem Termin die Hand entgegen. Zuvor hatte er die Hände aller Menschen im Raum geschüttelt, bestimmt um die zehn Personen. Mein Gedankenkarussell nahm Fahrt auf. Es gibt Studien, die belegen, dass sich weniger als ein Drittel aller Männer nach dem Toilettengang die Hände mit Seife waschen. Ohne jemandem etwas unterstellen zu wollen– aber: Ein Drittel! 7 von 10 ungewaschene Hände.

Was sollte ich also tun? Trotzdem einfach die Hand schütteln? Einfach weitergehen? Es endet fürchterlich: Nach gefühlt sehr langen zehn Sekunden Bedenkzeit und mehreren hilflosen Blicken zwischen Gesicht und Hand meines Gegenübers, trat mein Hirn die Flucht nach vorne an: Ich lächle und winke. Ich winke? Wie bitte? Ist das wirklich passiert? Zwischen dem wievielten Lockdown und welcher Ausgangssperre ging mein Sozialverhalten so bergab? Mein durch die Pandemie neu gewonnenes Wissen machte es mir in der Situation vermutlich nicht leichter: Bei einem normalen Handschlag werden angeblich zehn Mal mehr Viren und Bakterien übertragen als beispielsweise bei einer Begrüßung durch einen Schlag von Faust gegen Faust – auch bekannt als die "Ghettofaust“ oder "Fist-Bump".

Im ersten Moment war mir die "Winke“-Situation ziemlich peinlich. Ich will schließlich nicht unhöflich wirken und auch niemanden vor den Kopf stoßen. Wenn ich aber länger darüber nachdenke, war es genau richtig. Niemand sollte Hände schütteln müssen, die er nicht will oder bei denen er sich unwohl fühlt. Wenn uns die Pandemie doch eines gelehrt hat, dann, dass sozialer Zwang kein Grund sein sollte die eigene Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Für viele "gehört sich“ ein Handschlag eben. Aber ganz ehrlich: Wann war etwas wirklich unabkömmlich nur weil „es sich so gehört“? Bei den meisten dieser Dinge, könnten wir gut auf sie verzichten.

Mit Unhöflichkeit hat ein abgelehnter Handschlag also gar nichts zu tun – im Gegenteil. Es dient schließlich nicht nur meinem Schutz, sondern auch dem meines Gegenübers. Schon vor dem Ausbruch des Coronavirus begrüßte Barack Obama sine Frau Michelle oder Gäste im Weißen Haus mit einem Faust-Gruß. Oft wird diese Geste unter Erwachsenen belächelt. Aber: Was für einen Präsidenten der Vereinigten Staaten gut genug ist, wird es wohl auch für alle sein, denen ich begegne – vor allem solange diese Pandemie noch nicht vorbei ist.

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Wir sind junge Mitarbeiter der Oberpfalz-Medien. In unserer Kolumne „OTon“ schreiben wir einmal in der Woche über das, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen. Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.

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