04.10.2021 - 15:36 Uhr
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Hundeerziehung: Zehn Mythen und Fakten

Seit Jahrzehnten halten sich hartnäckig fragwürdige Tipps rund um die Erziehung von Hunden. Peter Kick und Johannes Stilp – bekannt als „Dog-Brothers“ – erklären, wann es sich nur um Mythen und wann es sich tatsächlich um Fakten handelt.

Labradorhündinnen Vicky und Gretel können sich über das, was manche Menschen über sie denken, nur wundern.
von Evi WagnerProfil

Mythos 1: Ein Hund braucht zwischen 17 und 20 Stunden Schlaf am Tag.

In der heutigen Zeit herrscht ein regelrechter Auslastungswahnsinn. Viele Hundebesitzer denken, ihren Hund bis zum Umfallen auslasten zu müssen, ohne an den notwendigen Schlaf zu denken. Manche Hunde benötigen weniger Schlaf und manche mehr. Eine Auslastung ersetzt zudem keine Erziehung und muss den Bedürfnissen angepasst sein. „Nach müde kommt blöd“ heißt es nicht umsonst – und von daher sind viele Hunde nach übermäßiger Auslastung weder aufnahmefähig, noch herunter zu bekommen. Wichtig ist es, bei einem Hund für ausreichend viel Ruhe- und Schlafphasen zu sorgen. Deshalb ist dieser Mythos richtig.

Mythos 2: Der Hund muss hinter dem Menschen durch die Türe gehen, damit er sieht, dass er der Rudelführer ist.

In manchen Situationen ist es aus Sicherheitsgründen sicherlich sinnvoll, dass der Hund nach dem Menschen durch die Haustüre geht. So dass er zum Beispiel nicht plötzlich auf der Straße steht. Dennoch wird kein Hund der Welt deswegen den Hundehalter als Rudelführer betrachten oder ihm dadurch besser gehorchen. Hunde sehen uns nicht als Hund, sondern als Mensch. Und deshalb werden wir auch von diesen nicht als Rudelführer betrachtet. Im Idealfall läuft der Hund neben dem Menschen oder auch leicht vor dem Menschen, so dass man den Hund besser im Auge behalten kann. Das Ganze natürlich an lockerer Leine. Der Hund wird dadurch kein Kommando besser ausführen und auch nicht besser auf uns hören, nur weil er das Haus erst nach uns verlassen darf. Somit ist dieser Mythos falsch. Genauso oft hört man, dass der Hund sein Fressen erst bekommen sollte, nachdem wir Menschen gegessen haben. Da die Rudelführer auch immer zuerst essen. Das ist genauso amüsant und blödsinnig.

Mythos 3: Wenn der Hund an der Leine zieht, muss man stehen bleiben oder die Richtung wechseln.

Leider geht das nicht so einfach. Und wäre es so, würden keine Hunde mehr an der Leine ziehen. Diese Methode wird tatsächlich in vielen Hundeschulen immer noch so praktiziert und auch gelehrt. Bei einem stark ziehenden Hund würde man allerdings mit dieser Trainingsvariante keine 100 Meter weit kommen. Einem Hund ist es völlig egal, ob wir plötzlich stehen bleiben oder in welche Richtung wir gehen. Leinenführigkeit muss dem Hund über Orientierungsarbeit beigebracht werden. Das Ganze ist somit ein Mythos.

Mythos 4: Man darf ängstliche und sensible Hunde nicht korrigieren.

Zunächst einmal muss man zwischen einer passivierenden Korrektur (unterbindend) und einer aktivierenden Korrektur (etwas tun müssen) unterscheiden. Ein Hund hat zum Beispiel extreme Angst vor Autos. Die erste Lösung des Hundes ist Flucht. Wenn man den Hund in ausreichender Entfernung zu einem Auto ins Sitz bringt und der Hund das Kommando verlässt, dann wird er wieder ins Kommando korrigiert. So lernt der Hund, dass das Auto nicht so gefährlich sein kann, denn wir besprechen nur das Verlassen des Kommandos und Thematisieren nicht das Auto als solches. Würde man die Flucht immer zulassen, würde man die Problematik eher noch verstärken. Das bedeutet, dieser Mythos ist falsch, da man in solchen Situationen aktivierend korrigieren muss. Eine für den Hund verbindliche Struktur und eine konsequente Führung durch den Hundebesitzer bietet Sicherheit. Mit Mitleid verstärkt man das Angstverhalten des Hundes nur unnötig.

Mythos 5: Um den Hund an ein neugeborenes Kind zu gewöhnen, soll man eine volle Windel vom Krankenhaus mit nach Hause nehmen und den Hund daran riechen lassen.

Zunächst sollte erwähnt werden: Hunde riechen bis zu 45-mal besser als wir Menschen. Sie haben eine extrem gute Nase und können Rauschgift oder Sprengstoff in kleinsten Mengen erschnüffeln, selbst dann, wenn diese eingeschweißt sind. Die Hunde haben den Geruch des Kindes schon längst an den Kleidungsstücken der Eltern wahrgenommen und müssen auch nicht an den Geruch gewöhnt werden. Viel wichtiger ist, wenn das Kind nach Hause kommt, darauf zu achten, dass der Hund sich gesittet benimmt und nicht vor Aufregung überdreht. Der Hund soll langsam an das Baby herangeführt werden. Wildes und ungestümes Verhalten in der Nähe des Kindes gehört sofort diszipliniert. Somit ist dieser Mythos falsch.

Mythos 6: Die beste Hundeerziehung ist zwanglos.

Dazu muss man erst einmal festlegen, was Zwang überhaupt bedeutet. Sobald ich meinem Hund eine Leine anlege, übe ich Zwang aus. Mein Hund kann so nicht mehr frei entscheiden, wohin er gehen will. Aber Zwang ist eben nicht gleich Zwang. Ein hirnloser Hau-drauf-Zwang macht in der Hundeerziehung sicher keinen Sinn, aber ein überlegter, aktivierender Zwang allerdings schon. Um einem Hund ausreichend Freiraum zu gewähren, muss er zuverlässig abrufbar sein oder generell einen guten Gehorsam haben. Um das durchzusetzen, benötigen wir ein gewisses Maß an Zwang. Ansonsten würden Hunde nur das tun, was sie wollen. Und das ist meist nicht das, was der Hundehalter oder auch unsere Mitmenschen möchten. Auch wir selbst sind täglich Zwängen ausgesetzt. Eine rote Ampel ist ein Zwang. Das Piepsen, um sich im Auto anzuschnallen, ist ein aktivierender Zwang. Durch das nervige Piepsen wird man aktiviert, etwas zu tun. Hunde ohne einen gewissen Zwang zu erziehen, ist somit nicht möglich, auch wenn man gerne an dieser romantischen Vorstellung festhalten möchte.

Mythos 7: Jeder in der Familie muss den Hund gleich erziehen, ansonsten lernt er nichts.

Oft erleben wir kleine Familiendramen, weil einige Hundebesitzer denken, sie müssten alle identisch gleich erziehen und trainieren. Prinzipiell wäre dies natürlich das Optimum, aber wenn es nicht so ist, ist es auch nicht dramatisch. Der, der am konsequentesten mit dem Hund arbeitet, bei dem wird er letztendlich auch am besten gehorchen. Bei allen anderen dauert es eben etwas länger. Sicher wäre es das Beste, wenn alle gleich trainieren, aber das lässt sich eben nicht immer umsetzen. Der Hund wird sich aber auf das jeweilige Familienmitglied einstellen. Somit bleibt auch das ein Mythos.

Mythos 8: Hunde klären Unstimmigkeiten untereinander selber und man muss es die Hunde selbst ausmachen lassen.

Hundebesitzer, die ihren Tierarzt gern haben und diesen auch gerne besuchen, können das natürlich so praktizieren. Wir raten davor aber dringendst ab. Denn dabei kann es schnell zu üblen Verletzungen kommen. Es liegt in der Natur der Hunde, Unstimmigkeiten durch körperliche Auseinandersetzungen zu klären. Warum sollte ich das meinem Hund antun, zumal er unter anderem nur lernt, dass andere Hunde doof sind? Es muss auch in der heutigen Zeit nicht jeder Hund, jeden anderen und vor allem fremden Hund mögen. Schon in den Welpen-Kursen achten wir darauf, dass keine Welpen gemobbt werden oder gar andere mobben. Natürlich dürfen sich die Hunde etwas ausprobieren, aber alles mit Verstand und liebevoller und konsequenter Anleitung. Von daher ist auch dieser Mythos falsch.

Mythos 9: Beim Spaziergang treffen zwei angeleinte, fremde Hunde aufeinander. Die Hunde müssen sich an der Leine beschnuppern können, denn das ist wichtig für das Sozialverhalten.

Hunde können um einiges besser riechen als wir Menschen. Kein Hund muss dem anderen die Nase in den Hintern rammen, damit er ihn als Hündin oder als Rüden erkennt. Ein Hund bekommt auch angeleint ohne direkten Kontakt alles Relevante von seinem Artgenossen mit. Ein guter Sozialkontakt bedeutet außerdem, dass Hunde mit Artgenossen kommunizieren. Das tun sie durch ihre Körpersprache, ihren Geruch, aber auch durch Mimik und Gestik. Mit dem Kontakt an der Leine ist die Kommunikation der Hunde räumlich derart eingeschränkt, dass ein guter Sozialkontakt gar nicht möglich ist. Auch wenn man die Leine locker lassen würde, hätte der Hund trotzdem nur einen kleinen Handlungsspielraum. Dies führt sehr schnell zur Verunsicherung und Stress bei sehr vielen Hunden, was Hundebesitzer auch nicht immer auf den ersten Blick erkennen können. Dieser Mythos ist also definitiv falsch.

Mythos 10: Durch intensives Gehorsamstraining darf der Hund nicht mehr Hund sein oder wird gar gebrochen.

Zunächst ist anzumerken, ein Hund bleibt immer Hund, ob er gut erzogen ist oder schlecht. Es gibt keinen Hund, der einen zu guten Gehorsam hat. Die Ansprechbarkeit und das Ausführen der Kommandos sind absolut wichtig, denn nur der gut erzogene Hund ist eine Lebensbereicherung. Hunde mit gutem Gehorsam haben mehr Freiheiten als Hunde, die nur Hund sein dürfen. Kein Hundehalter wird seinem Hund Freilauf gewähren, wenn er nicht zuverlässig abrufbar ist. Gehorsam ist ein Hund dann, wenn er etwas macht, was wir von ihm wollen, obwohl er lieber etwas anderes tun würde. Ausschlaggebend ist aber natürlich, dass das Gehorsamkeitstraining verständlich, fair und artgerecht ausgeführt wird. Somit ist auch dieser Mythos falsch.

Teil 1: Welcher Hund passt zu mir?

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Teil 2: So werden Welpen erzogen

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Teil 3: Was ein Hund können muss

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Teil 4: Hunde aus dem Tierschutz

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Teil 5: Listenhunde – Immer gefährlich?

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Teil 6: Wann eine Kastration sinnvoll ist

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Die „Dog Brothers“ Peter Kick (links) und Johannes Stilp – hier mit ihren Labradorhündinnen Vicky, Gretel und Erna – räumen mit Irrtümern rund um die Hundeerziehung auf.

 

 

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