20.09.2021 - 12:30 Uhr
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So gelingt die Adoption eines Hundes aus dem Tierschutz

Nicht immer muss es ein Welpe vom Züchter sein. In den Tierheimen warten viele Vierbeiner auf ein neues Zuhause. Peter Kick und Johannes Stilp erklären, was zu beachten ist, wenn man sich für einen Hund aus dem Tierschutz entscheidet.

Peter Kick (links) und Johannes Stilp mit Vitali, einem Alabai (Zentralasiatischer Owtscharka). Aus dem "verschmusten Teddybär" aus dem Tierschutz wurde ein 90 Kilo schwerer Herdenschutzhund. Bei den "Dog Brothers" hat er nun ein artgerechtes Zuhause gefunden.
von Evi WagnerProfil

Rund 80.000 Hunde landen hierzulande jährlich im Tierheim und warten darauf, dass sie wieder vermittelt werden. Grund genug, darüber nachzudenken, ob man so einem Vierbeiner eine Chance gibt. „Ein Tierheimhund ist nicht verkehrt, denn man sieht, was man bekommt. Vorausgesetzt natürlich, man schaut genau hin“, sagt Peter Kick, der nicht nur selbst Hunde züchtet, sondern auch schon viele Jahre mit Hunden aus dem Tierschutz arbeitet. „Man weiß, wie groß der Hund ist, wie alt er ist, ob er auf die Jagd geht, ob er schon mal gebissen hat oder ob er ein braver Hund ist und für Kinder geeignet.“ Wichtig sei es jedoch, sich immer selbst ein konkretes Bild von dem Tier zu machen. „Nicht hingehen, einen Blick auf den Hund werfen und ihn nach einmal Spazierengehen gleich mit nach Hause nehmen“, ergänzt Hundetrainer Johannes Stilp. „Man sollte sich immer genug Zeit nehmen, den Hund kennenzulernen und zu schauen, ob er wirklich zu einem passt.“

"Wanderpokal" Hund

Wenn es sich um ein seriöses Tierheim handelt, ist das ohnehin selbstverständlich. Die Mitarbeiter bieten dort wertvolle Unterstützung bei der Auswahl des richtigen Hundes an und legen großen Wert darauf, dass Hund und zukünftiger Besitzer zusammenpassen. Denn schließlich soll der Vierbeiner auch im neuen Zuhause bleiben und nicht nach einigen Wochen wieder zurückgegeben werden. „Das Problem: Es ist leider oft so, dass Hunde zum Wanderpokal werden“, so die Hundeprofis. „Wenn ein Hund in kurzer Zeit mehrere Besitzer hintereinander hatte, baut er zunächst meist nicht mehr so schnell eine Bindung auf. An so einem Vierbeiner kann man sich dann tatsächlich erst einmal die Zähne ausbeißen. Denn es dauert meist mindestens ein Jahr, bis der Hund checkt, dass es sich doch lohnen könnte.“

Geduld braucht man jedoch immer, wenn man sich für einen Hund aus dem Tierschutz entscheidet. „Bei einem erwachsenen Hund muss man eigentlich immer mit rund einem Jahr rechnen, bis er sich vernünftig irgendwo einlebt“, erklärt Peter Kick. „Natürlich kann man mit ihm meist schon nach zwei Wochen arbeiten, aber bis alles läuft und der Hund eine richtige Bindung hat, braucht das Zeit.“

Tiere richtig kennenlernen

Nicht immer handelt es sich bei den Hunden aus dem Tierheim jedoch um Problemhunde. „Es gibt Hunde, deren Besitzer verstorben sind oder ähnliches, da kann man oft einen wirklich tollen Hund finden. Aber man muss sich einfach die nötige Zeit nehmen, um das Tier richtig kennenzulernen. Viele haben das Problem, dass sie sich keinen Welpen anschaffen können, weil es zeitlich nicht klappt. Dann macht es durchaus Sinn, sich mal im Tierheim umzusehen.“

Differenzieren müsse man jedoch zwischen Tierheimen hierzulande und Auslandstierschutz, erklären die „Dog Brothers“. „Das große Problem ist zum einen die Hundemafia“, erklärt Johannes Stilp. „Ich würde jetzt mal schätzen, dass etwa zwei Drittel der angebotenen Hunde aus dieser Ecke kommen und rein gar nichts mit irgendwelchen Tierschutzorganisationen zu tun haben. Diese Hunde werden gezielt vermehrt, um sie anschließend zu verkaufen.“ Deswegen sollte man bei solchen Tieren immer darauf achten, dass sie von einer seriösen Tierschutzorganisation vermittelt werden. Tipp der Experten: im Netz recherchieren, nach Erfahrungsberichten und Rezensionen suchen, eventuell sich per Video-Call ein Bild von der Situation vor Ort machen.

Unseriöse Vermittler

Doch auch dann, wenn es sich um eine seriöse Tierschutzorganisation handelt, können mit Auslandhunden oft Probleme auftreten. „Diese Hunde haben meist eine ganz andere Genetik, wie wir sie uns hierzulande wünschen“, so Peter Kick. „Sie leben in diesen Ländern vorwiegend draußen, sind sehr selbstständig und sollen auf das Haus oder den Hof aufpassen. Oft handelt es sich um Wachhunde, Jagdhunde oder Herdenschutzhunde. Da wird ein Hund schon mal als verschmuster Teddybär deklariert, dann hat man allerdings nach einem Jahr einen 90 Kilo schweren Hund vor sich, der niemanden mehr ins Haus lässt.“ Mit einem solchen Vierbeiner kommen dann nur sehr hundeerfahrene Menschen zurecht.

„Es muss jedem klar sein, der sich für einen solchen Hund entscheidet: Er muss mit den genetischen Dispositionen klarkommen“, so Johannes Stilp. „Die Hunde aus östlichen Ländern sind oft sehr scheu. Denn Straßenhunde müssen vorsichtig sein, sonst könnte ihnen das das Leben kosten. Aber jeder von uns hierzulande möchte einen selbstbewussten, offenen, liebevollen Hund. Und dann hat er plötzlich einen vorsichtigen, unsicheren und skeptischen Zwicker. Wenn man diesen dann zu sehr betüdelt, weil man bei der Hundeerziehung wieder mal zu menschlich denkt, wird da schnell ein Angsthund daraus.“ Helfen könne dann meist nur noch ein erfahrener Hundetrainer, der sich mit verhaltensauffälligen Hunden und Hundepsychologie auskennt.

Menschen schulen, nicht die Hunde

„Ein guter Hundetrainer, der die nötige Erfahrung hat, schult immer den Menschen im Umgang mit dem Hund, nie den Hund selbst“, so die „Dog Brothers“. „Wir können den Leuten nur sagen, wie sie es machen müssen. Umsetzen müssen sie das Gelernte dann selbst. Nur irgendeine Trainingsmethode abspulen, das bringt einfach nichts.“ Peter Kick und Johannes Stilp hatten selbst schon über 30 Hunderassen und wissen, wie die verschiedenen Vierbeiner ticken. Doch ab und zu müssen auch sie den jeweiligen Hundebesitzern raten, sich ihrer Verantwortung bewusst zu sein und den Hund, der für sie der falsche ist, an jemanden anderen abzugeben. „Zunächst ist das immer ein großes Drama, klar. Aber danach sind fast immer alle glücklich. Denn jeder hat dann den Hund, der zu ihm passt – und der Hund ist bei jemanden, der ihm die nötige Lebensqualität bieten kann.“

Teil 1: Welcher Welpe passt zu mir?

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Teil 2: Welpenerziehung

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Teil 3: Was ein erwachsener Hund wissen muss

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Teil 5: Was man über Listenhunde wissen muss

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Teil 6: Mythen der Hundeerziehung

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Teil 7: Wann eine Kastration sinnvoll ist

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Auch die Dogo-Canario-Hündin Nandl ist nur für hundeerfahrene Menschen mit einem sehr großen Grundstück geeignet, wo sie ihr Wesen als Wachhund ausleben kann. Auch sie lebt inzwischen auf dem Gelände der Hundeschule der "Dog Brothers".

 

 

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