11.10.2021 - 15:49 Uhr
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Kastration bei Hunden – wann sie sinnvoll ist

Viele Hundehalter treffen die Entscheidung, ihren Vierbeiner kastrieren zu lassen, aus falschen Gründen. Mit ungeahnten Folgen. Peter Kick und Johannes Stilp – die „Dog Brothers“ – erklären, welche Auswirkung so ein Eingriff bei Hunden hat.

Beim Zusammenleben von Labradorhündin Gretel und Exotic-Bulldog-Rüde Batman gibt es auch ohne Kastration keine Probleme.
von Evi WagnerProfil

Der eben noch so kuschelige Welpe kommt in die Pubertät, fängt an schwierig zu werden? Die Hündin ist während der Läufigkeit zickig oder schaltet auf Durchzug? „Gründe für eine Kastration gibt es viele, egal ob beim Rüden oder bei der Hündin“, sagt Hundetrainer Peter Kick. „Doch sinnvoll ist die Kastration nur in den seltensten Fällen. Vor allem dann, wenn damit am Verhalten des Hundes herumgedoktert werden soll. Leider werden aus unserer Sicht viel zu viele Hunde kastriert, deren Kastration weder gesetzlich erlaubt noch medizinisch geboten ist.“ Für ihn und Johannes Stilp, die als „Dog Brothers“ jeden Tag mit den verschiedensten Hunden zu tun haben, handelt es sich hierbei um ein leidiges Thema, bei dem noch viel Aufklärungsarbeit nötig sei.

„Der Wunsch ist natürlich immer groß, das Verhalten des Hundes auf einfachstem Wege zu verändern“, so Johannes Stilp. „Leider ist es in vielen Köpfen immer noch fest verankert, dass sich sämtliche Verhaltensprobleme eines Hundes durch die Kastration lösen lassen. Doch dadurch lässt sich nur das Verhalten beeinflussen, das im direkten oder im indirekten Zusammenhang mit den Sexualhormonen in Verbindung steht. Die Realität zeigt uns immer und immer wieder, dass sich die meisten Verhaltensprobleme eben nicht so einfach lösen lassen und viele Verhaltensauffälligkeiten sogar erst durch eine Kastration entstehen.“

Aufreiten als Übersprungshandlung

Zeigt ein Hund zum Beispiel hypersexuelles Verhalten, kann an eine Kastration gedacht werden. „Dieses Verhalten lässt sich abschaffen, aber auch nur dann, wenn es sich um echtes hypersexuelles Verhalten mit all seinen Verhaltenselementen handelt“, erklären die Hundeprofis. „Wir erachten eine Kastration jedoch erst dann als sinnvoll, wenn der Hund durch seine Sexualhormone derart leidet, dass das Tierwohl gefährdet ist. Aber auch hier ist größte Vorsicht geboten. Ein Hund, der ständig aufreitet, hat nicht unbedingt eine sexuelle Störung. Dieses Verhalten ist viel komplexer und hat nicht immer etwas mit seiner Sexualität zu tun. Das Aufreiten ist oft ein Regulativ für Stress, den der Hund versucht, durch diese Übersprungshandlung zu kompensieren.“

Was der Hundehalter in einem solchen Fall wissen muss: Die Kastration wäre hier sogar kontraproduktiv und würde dieses Verhalten nur verschlimmern, da der kastrierte Hund mehr von dem Stresshormon Cortisol produziert. Um nicht vorschnell zu entscheiden, sollte unbedingt der Rat eines Experten hinzugezogen werden, der das Verhalten des jeweiligen Hundes wirklich beurteilen könne. „Auch macht es dann Sinn, das Ganze erst einmal mittels Kastrationschip zu überprüfen“, rät Peter Kick. „Denn diese Methode ist im Vergleich zur Kastration reversibel, sprich nach Ablauf oder Entfernung des Hormonchips startet die Sexualhormonproduktion wieder.“

Scheinschwangerschaften

Immer wieder werden auch Hündinnen kastriert, weil sie nach der Läufigkeit scheinschwanger werden. „Den Hundehaltern wird das oft als Fehlstörung verkauft“, sagt Johannes Stilp und schüttelt den Kopf. „Hormonell betrachtet werden alle weiblichen Vertreter der Hundeartigen – egal ob Wolf, Fuchs oder Hund – nach jeder Läufigkeit scheinschwanger. Ursache hierfür sind die Gelbkörper, welche als leere Follikel im Eierstock verbleiben, bis eine echte Trächtigkeit vorüber wäre. Das ist völlig normal. Durch die damit verbundenen Stoffwechselaktivitäten kommt es unweigerlich zu einer temporären Verhaltensveränderung der Hündin. Biologisch betrachtet ist diese Phase also keinesfalls eine Störung, sondern gehört zum ganz normalen Zyklus dazu. Warum sollte die Hündin also unnötig durch eine Kastration leiden?“

Die „Dog Brothers“ haben immer mehr Hunde aus dem Auslandstierschutz im Training, die sehr zurückhaltend, verunsichert und ängstlich seien. „Diese Hunde kommen oftmals bereits kastriert oder es steht im Übernahmevertrag, dass der Hund vom neuen Besitzer kastriert werden muss“, erklärt Peter Kick. „Das hat aus unserer Sicht rein gar nichts mit Tierschutz zu tun. Zuallererst muss gesagt werden, dass diese Verträge keinerlei Rechtsgültigkeit haben, da dies gegen das Tierschutzgesetz verstößt. Dort ist fest geregelt, dass der Grund für eine Kastration nur nach medizinischer Indikation gegeben ist. Diese Indikation fehlt natürlich. Weiterhin ist es leider so, dass viele Menschen Tierschutz betreiben, weil sie was Gutes tun möchten, doch leider aufgrund fehlender Kenntnisse genau das Gegenteil bewirken.“

Kastration kontraproduktiv

Leider gibt es laut den Hundeprofis zu viele Tierschützer, die es zwar gut meinen, aber eben nicht die nötige Sachkunde besitzen und so für großen Schaden sorgen würden. „Auch Hundetrainer sind da nicht ausgenommen. Viele Hunde wurden auf Anraten eines Hundetrainers kastriert und landen dann bei uns, weil sich das Verhalten nach der Kastration nicht verbessert sondern verschlimmert hat. Ein ängstlicher oder angstaggressiver Hund sollte keinesfalls kastriert werden. Die häufig vorkommende Angstaggression, die ganz oft bei Hunden aus dem Auslandstierschutz zu sehen ist, entsteht aus einem ganz anderen Hormonsystem heraus, dem Stresshormonsystem. Eine Kastration wirkt da nur kontraproduktiv.“

Ähnlich verhalte es sich, wenn Hunde gerne pöbeln, rauflustig sind oder sich an der Leine schlecht benehmen, wenn sie einen anderen Hund sehen. „Wirklich rauflustige Vierbeiner sind eher selten bis gar nicht durch die Sexualhormone gesteuert“, erklärt Johannes Stilp. „Das Aggressionsverhalten, insbesondere die rüpelhaften oder rauflustigen Formen, geht von deutlich mehr kastrierten als nicht-kastrierten Hunden aus. Eine Kastration kann hier demnach keine Abhilfe schaffen, da hier nicht die Sexualhormone, sondern vielmehr andere Hormone beteiligt sind. Beispielsweise wird gerade beim Raufen während eines Spiels eher das Dopamin oder das Serotonin ausgeschüttet. Diese würden nach einer Kastration bestehen bleiben.“

Kastration ersetzt nicht die gute Erziehung

Außerdem sollte immer bedacht werden: Eine Kastration ist und bleibt ein chirurgischer Eingriff, bei dem wichtige Organe entfernt werden. Und eine Kastration ersetzt niemals eine gute Erziehung. „Statt den Hund operieren zu lassen, sollte man Bindung, Vertrauen und eine gute Erziehung immer vorziehen“, so die erfahrenen Hundetrainer. „Die Sexualhormone erfüllen im Körper wichtige Funktionen und deren Zusammenhänge sind bis heute noch nicht gänzlich entschlüsselt. Am besten stellt man sich das ganze Hormonsystem wie ein Zahnrad vor. Irgendwie, entweder direkt oder durch Umwege, stehen alle Hormone miteinander in Verbindung. Wird auch nur an einem Rädchen gedreht, ändert sich das gesamte System. Meist zum Negativen und zum Leidwesen des Hundes.“

Teil 1: Welcher Hund passt zu mir?

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Teil 2: Die gute Schule für den Welpen

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Teil 3: Was ein erwachsener Hund können muss

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Teil 4: Das gilt es, bei Hunden aus dem Tierschutz zu beachten

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Teil 5: Was man über Listenhunde wissen muss

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Teil 6: Mythen und Fakten über Hundeerziehung

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Hundetrainer Johannes Stilp (links) und Peter Kick – hier mit den Exotic-Bulldog-Rüden Batman und Mars – wissen, welche Auswirkung eine Kastration auf Hunde haben kann.

 

 

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