14.07.2020 - 17:05 Uhr
BayernDeutschland & Welt

Harmonie auf Schloss Herrenchiemsee: Heile Welt mit Angie und Markus

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Ein Hauch von Sissi und Franz weht über dem Chiemsee. Mit Schifferl- und Kutschenfahrt vor Märchenkulisse inszenieren Angela Merkel und Markus Söder den großen Schulterschluss. Turteln da die Kanzlerin und ihr Nachfolger?

Markus Söder und Angela Merkel fahren mit einem Schiff der Chiemsee-Schifffahrt auf die Insel Herrenchiemsee.
von Jürgen UmlauftProfil

Zweifellos hat auch Nordrhein-Westfalen seine schönen Ecken. Aber halt keine pittoresken Königsschlösser inmitten eines sanft wogenden Sees vor prachtvoller Alpenkulisse, auf dem es sich fotogen schippern lässt. Man kann also sagen, dass Armin Laschet einen gewissen Standortnachteil hat, zumindest was die Bildmächtigkeit angeht. Die schönsten Fotosequenzen an der Seite der amtierenden Kanzlerin Angela Merkel kann jedenfalls seit diesem Dienstag Markus Söder vorweisen - auch wenn er solche Einschätzungen für "überinterpretiert" hält. Trotzdem: Schönen Gruß nach Düsseldorf.

Angela Merkel ist also zu Besuch bei Bayerns Ministerrat. Und natürlich geht es bei dieser Inszenierung rund um das Schloss Herrenchiemsee überhaupt gar nie nicht um die Kanzlerkandidatur der Union, um die sich Söder mit seinem Amtskollegen aus NRW kein Duell liefert, weil Söder stets beteuert, dass sein Platz in Bayern sei. Schon am Landungssteg in Prien am Vormittag muss Söder schon wieder abwehren. Der Rentner Thomas Voit aus dem benachbarten Grassau hat ein Plakat gepinselt, mit dem er Söder zum Kanzlerkandidaten erklärt. "Mit solchen Schildern habe ich schon Schwierigkeiten bekommen", hält er Voit nicht nur wegen Corona auf Distanz. Söders Griff nach dem CSU-Vorsitz wäre schließlich dereinst fast an einer forschen, als Unterstützung gedachten Plakataktion der Jungen Union gescheitert.

Das große Protokoll

Aber zurück zu Merkels Visite, die mit dem Wort Besuch nur unzureichend beschrieben ist. Söder packt das große Protokoll aus. Als Franke hätte er Merkel auf die Nürnberger Kaiserburg einladen können, das hätte auch schöne Bilder gegeben. Aber offenbar ist er dann doch den weiß-blauen Edelklischees erlegen, die sich republikweit am besten verkaufen lassen. Also Fahrt mit dem 1926 in einer Regensburger Werft gebauten Dampfer "Ludwig Fessler" vor den majestätischen Zacken der Kampenwand zur Herreninsel und dort mit der Pferdekutsche hinauf zum von König Ludwig II. erbauten Schloss, das - was vor allem Merkel thematisiert - auch die Wiege des Grundgesetzes 1949 war.

Gut, die Touristenkutsche hat etwas von Holzklasse, dafür das ganze Ambiente aber etwas von Sissi und Franz aus den Filmschnulzen der 1950-er Jahre, wie Söder und Merkel von zwei Rössern gezogen locker plauschend dem Schloss zustreben. Die Frau, die da an der Seite des Landesfürsten - pardon Landesvaters vorfährt, ist dieselbe Angela Merkel, der Söders Vorgänger Horst Seehofer auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise auf einem CSU-Parteitag die größtmögliche Schmach antat, als er ihr vor aller Augen wie einem Schulmädchen die Leviten las. Spannt man den Bogen von damals zu diesem Bilderbuchtag am Chiemsee, drängt sich ein sissihafter Titel auf: "Angela und die CSU - Schicksalsjahre einer Kanzlerin".

Sissi und Franz

Söder will seine Einladung an Merkel denn auch als "Signal eines neuen Miteinanders" verstanden wissen, als "Zeichen des Wiederzusammenfindens nach ein einigen schwierigen Jahren" im Verhältnis von CSU und Staatsregierung zur Kanzlerin. Söder verfolgt nicht nur den endgültigen Bruch mit den einst von Seehofer ausgelösten - und von ihm tolerierten - Ruppigkeiten, sondern dokumentiert den Schulterschluss mit Merkel wegen der von beiden verfolgten klaren Linie in der Corona-Krise. Beide, betont Söder, stünden für Umsicht und Vorsicht, wozu Merkel demonstrativ nickt.

Markus Söders Botschaft beim Chiemsee-Termin ist klar - ein Kommentar.

Bayern

Reise in die Vergangenheit

Für Merkel ist der Arbeitsausflug an den Chiemsee auch eine Reise in die eigene Vergangenheit. 1961, als damals Siebenjährige, sei sie schon einmal hier gewesen, erzählt sie. Die Großmutter aus Hamburg habe sich einen Urlaub in Bayern gewünscht, und so sei die Familie in den Freistaat aufgebrochen. Ein Programmpunkt sei Herrenchiemsee gewesen. Dass sie nun im Spiegelsaal des Schlosses mit dem bayerischen Ministerrat konferieren dürfe, sei für sie aber eine Premiere. Denn seinerzeit habe sie draußen vor dem Schloss warten müssen. "Wir Kinder durften nicht mit rein", erinnert sich Merkel. Es sei ihr letzter Besuch in Bayern für lange Zeit gewesen, denn wenige Wochen später habe die DDR ihre Grenzen zum Westen abgeriegelt.

Die Kutsche kommt

Auf der abschließenden Pressekonferenz unter weiß-blauem Himmel und Schatten spendenden Bäumen geht es dann doch noch einmal um die Kanzlerkandidatur. Ob Söder das Zeug dazu habe, wird Merkel gefragt. "Ja", antwortet sie. In das allgemeine Staunen über diese klare Ansage ergänzt sie aber, sie habe dieses Ja auf die zuerst gestellte Frage nach einer europäischen Digitalinitiative bezogen. Was die K-Frage angehe, habe sie sich "besondere Zurückhaltung" auferlegt. "Bayern hat einen guten Ministerpräsidenten, der mich heute eingeladen hat. Mehr sage ich dazu nicht." Kurz darauf fährt die Kutsche wieder vor. Ein paar letzte Fotos und ein perfekt choreografierter Tag auf der Lieblingsinsel des bayerischen Märchenkönigs geht zu Ende. Ein Stück heile Welt - trotz allem.

Interview mit Markus Söder

Weiden in der Oberpfalz
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