Urteil im Prozess gegen Syrer: sechs Jahre Haft

Es ist eine Tragödie, losgetreten in einer Sekunde. "Messer rein raus", hat es der Rechtsmediziner beschrieben. "Ich bin schuld, dass die Kinder ohne Mutter aufwachsen", sagt der Angeklagte. "Ich würde alles tun, das ungeschehen zu machen."

Die Schwurgerichtskammer am Landgericht Weiden unter Vorsitz von Richter Gerhard Heindl (Mitte, daneben die Richter Dr. Franziska Stegmair und Matthias Bauer sowie zwei Schöffen) verhängt sechs Jahre.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Der 28-jährige Syrer ist am Dienstag vor dem Landgericht Weiden zu sechs Jahren Haft wegen Totschlags verurteilt worden. Er hat in der Nacht zum 23. Januar in Altenstadt/WN seine 22-jährige Ehefrau mit einem Messerstich getötet. Er hat an vier Verhandlungstagen den Eindruck eines freundlichen, eher tapsigen Mannes gemacht. Zeugen - eine Kollegin und ein Integrationshelfer - lobten seine Hilfsbereitschaft. Bandar S. galt als Vorzeige-Flüchtling mit Arbeitsstelle und Wohnung.

Und trotzdem fallen im Prozess aus seinem Mund Sätze wie aus einer anderen Zeit. "Sie hat nicht aufgeräumt", beklagt der Angeklagte einmal. "Sie hat gesagt, ich soll ihr dabei helfen. Es gäbe keinen Unterschied zwischen uns." Er habe sich von ihr "nicht wie ein Mann" behandelt gefühlt. Immer wieder merkt er kritisch an, dass seine Frau geraucht habe. "Aber Sie rauchen doch selbst!", sagt Gerhard Heindl, Vorsitzender Richter der Schwurgerichtskammer.

Trennung als Tabuthema

Es gibt keine Statistik, wie viele syrische Flüchtlinge ihre Ehefrauen mit Messern angegriffen haben. Aber allein die grobe Durchsicht führt deutschlandweit zu 15 Urteilen in den letzten 20 Monaten. Sechs Taten endeten tödlich. Für die Wiedergabe der Gerichtsberichte vom Schwarzwald bis nach Rügen reichen vier Worte: Sie wollte ihn verlassen. Auch Heba A. wollte den Angeklagten rauswerfen. Dies tat sie so energisch, dass das Gericht unter anderem aufgrund der "schweren Provokationen" von einem minder schweren Fall des Totschlags ausgeht.

"Es gibt kein Schwarz und Weiß", sagt Verteidiger Franz Schlama. "Sie konnten nicht miteinander und sie konnte nicht ohne einander." Beide stammen aus Daraa im Süden Syriens, dem Ausgangspunkt des Bürgerkriegs. Hier steht keine Mauer mehr. Beide kannten sich vorher nicht. Er reiste 2015 ein. Sie zog 2016 ihrem ersten Mann mit dem gemeinsamen Söhnchen hinterher. Monatelang hing sie in Griechenland fest. Als sie in Deutschland ankam, war von der Ehe nichts übrig. Das Paar zog nie zusammen und ließ sich nach islamischem Ritus scheiden.

Die hübsche Alleinerziehende lernte in einer Unterkunft in Etzenricht Bandar S. kennen. Er half ihr mit Übersetzungsdiensten im Kindergarten. Und schon bald sah man die beiden händchenhaltend. Heirat, Umzug, Geburt der Tochter - alles passierte in knapp einem Jahr. Während er eine Arbeit fand, tat sich Heba A. schwer. Nachbarn berichten, dass sie zu Boden schaute, wenn man sich im Gang traf. Außer "Hallo" und "Tschüß" kam kein Gespräch zustande. Seine Bemühungen, deutsche Gäste einzuladen, prallten ab. Ein Ehrenamtlicher berichtet, dass sie während seines Besuchs stundenlang im Nebenzimmer telefonierte.

Was die Nachbarn allerdings hörten, war nächtlicher Krach, "als wenn Möbel umfallen". Die Hausverwaltung tat die Beschwerdeführer als "geräuschempfindlich und ausländerfeindlich" ab. Bandar S. erklärt vor Gericht, dass seine Frau ihm gegenüber aggressiv war. Sie habe ihn beschimpft und geschlagen. Er habe dann in der Regel das Haus verlassen, um auf einer Parkbank zu rauchen oder sich in seinem Zimmer verbarrikadiert. Daher der Lärm.

Ganz ähnlich sei der Tag der Tat verlaufen. Man hatte einen Termin beim Jobcenter, das 1200 Euro zurückforderte. Geld, das längst nach Syrien überwiesen war. Der Streit flammte auf, kühlte ab, flammte auf. Zwischendrin kam es zu einer Versöhnung mit Sex. Als das Baby quengelte, regte er sich auf, weil sie sich nicht kümmere. Er warf einen gläsernen Aschenbecher und traf sie an der Schulter. Gegenseitig wurden die Smartphones zertrümmert. Es gibt nur seine Version. Die Getötete kann sich nicht mehr wehren. Staatsanwalt Voit tut es für sie: "Vielleicht hatte sie auch die Schnauze voll."

Gegen 3 Uhr kam es zur tödlichen Eskalation. Für Richter Heindl ergibt sich nach der Beweisaufnahme dieser Ablauf: Der Angeklagte liegt schon im Bett, die Tür hat er mit einem Stuhl verrammelt. Sie verschafft sich Zugang, in der Hand hält sie ein 30 Zentimeter langes Küchenmesser. Sie fordert seinen Auszug und verletzt ihn am Rücken. Die Rechtsmedizin hat zwei oberflächliche Stiche festgestellt. Er nimmt ihr das Messer ab und legt es weg. In der Folge wirft sie seine Kleidung aus dem Fenster. Laut Kripo war der Schrank komplett geleert. Im Garten lag Wäsche. Laut Aussage des Angeklagten sagt sie: "Ich werde einen neuen Mann kennenlernen und du wirst deine Tochter nie mehr sehen." Er sticht zu.

Der Stich verläuft so unglücklich, dass er in kürzester Zeit zum Tod führt. Das Messer dringt elf Zentimeter durch Rücken, Rippen und Lunge. Die Spitze ragt 1,5 Zentimeter ins Herz. Bemerkenswert ist die Reaktion der Nachbarn des Sechs-Parteien-Hauses. Gleich drei Frauen, darunter eine Zahnärztin, sind vom Fach. Sie starten eine professionelle Wiederbelebung, bis Polizei und Notarzt kommen. Sie haben alle keine Chance.

Oberstaatsanwalt Bernhard Voit fordert acht Jahre Haft. Aber selbst er geht von einem minder schweren Fall aus. "Hätte sie nicht das Messer ins Schlafzimmer gebracht, hätte sie Ruhe gegeben - dann wäre es nicht zur Tat gekommen." Voit sagt aber auch: "Solche Provokationen laufen in vielen Beziehungen ab. Das gibt niemandem das Recht, seine Partnerin zu erstechen." Verteidiger Franz Schlama will 3,5 Jahre. Sein Mandant sei von "seiner Persönlichkeit her sicher kein Verbrecher".

Tauziehen um Kinder

Bandar S. faltet einen Zettel auf. Sein letztes Wort, auf Deutsch. "Ich muss mich bei vielen Menschen entschuldigen." Er drückt der Familie des Opfers sein Beileid aus, entschuldigt sich bei "Freunden, Nachbarn, Polizei und Ärzten, dass sie so etwas erleben mussten". Er bittet die Kinder um Verzeihung: "Ich kann nur hoffen, dass sie mich nicht hassen." Er nennt sie "meine Kinder", was juristisch nicht einmal für seine Tochter gilt.

Der Bub lebt inzwischen beim leiblichen Vater in Hamburg, der auch das Mädchen zu sich geholt hätte. Nach deutschem Recht gilt er als Vater, weil die erste Ehe nur nach islamischem Ritus geschieden wurde. Das Jugendamt hat die Einjährige aber in der Pflegefamilie in der Region belassen. Beim Familiengericht läuft ein Verfahren, weil Bandar S. die Vaterschaft beantragt hat. Er würde die Tochter gern sehen. "Da macht das Jugendamt aber nicht mit", so Anwalt Schlama. Verwandte gibt es hierzulande nicht. Die Oma mütterlicherseits hat Kontakt zur Kripo - aber sie lebt im Kriegsgebiet in Syrien.

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