29.12.2020 - 09:16 Uhr
AmbergOberpfalz

„Amberger Prügelattacke“ - Was aus den Verurteilten geworden ist

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Vor zwei Jahren ereignete sich die „Amberger Prügelattacke“, die die Stadt bundesweit in alle Medien brachte. Vier junge Asylbewerber zogen damals schlägernd durch die Innenstadt. Nach ihrer Verurteilung hörte man nichts mehr von ihnen.

Zum Prozessauftakt gab es vor dem Gebäude des Amtsgerichts strikte Sicherheitsvorkehrungen.
von Markus Müller Kontakt Profil

Heute fragt man sich, warum Anfang 2019 die ganze Republik auf den Zug aufgesprungen ist, der aus dem Amberger Vorfall so ein besonderes Ereignis machte und die Stadt in den Fokus der Leitmedien rückte. Neben dem Faktor der nachrichtenarmen Zeit nach Weihnachten darf hier der emotionale Aspekt eines Angriffs durch Asylbewerber in einer friedlichen Kleinstadt nicht unterschätzt werden. Aber es benötigte noch weitere Zutaten, um daraus eine Mischung zu machen, die schließlich einen eigenen Wikipedia-Eintrag erhielt (Stichwort: „Attacken am 29. Dezember 2018 in Amberg“).

Der Wikipedia-Eintrag zur "Amberger Prügelattacke"

Sehen wir uns zunächst den Ablauf der Ereignisse in den Medien an. Unter der Überschrift „Jugendliche prügeln grundlos auf Passanten ein“ berichtete Onetz am 30. Dezember über den Vorfall. Die Informationen basierten auf einer Pressemitteilung der Polizei: Vier jungen Asylbewerbern werde vorgeworfen, am Samstag in der Innenstadt grundlos auf mindestens zwölf Passanten eingeschlagen zu haben. Das habe sich ab 18.45 Uhr vor allem rund um den Bahnhof abgespielt, zum Teil aber auch in der Oberen Nabburger Straße. Von einem brutalen Vorgehen mit Faustschlägen und Fußtritten sowie einigen mittelschweren Verletzungen bei den Opfern im Alter zwischen 16 und 42 Jahren war die Rede. Mehrere von ihnen mussten im Klinikum ambulant behandelt werden, ein 17-Jähriger mit einer Kopfverletzung sogar stationär. Gegen 21 Uhr, so die Polizei, seien vier Asylsuchende im Alter zwischen 17 und 19 Jahren als Tatverdächtige festgenommen worden. „Sie standen unter Alkoholeinfluss.“

Die erste Berichterstattung im Onetz

Amberg

Schnell stürzten sich die überregionalen Medien auf diese Meldung, die in die Debatte um konsequente Abschiebungen ausländischer Straftäter passte und bei der sich eine Verbindung zu den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht 2015 in Köln durch junge Männer aus dem nordafrikanischen Raum herstellen ließ. Wer für den Verkauf seines Blattes auf reißerische Überschriften angewiesen war, hatte für das Amberger Geschehen schnell was mit „Hass-Mob“ oder „Prügel-Orgie“ getextet.

So konnten auch Reaktionen aus der Politik nicht ausbleiben. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) sprach von „Gewaltexzessen, die wir nicht dulden können“ und kündigte Gesetzesverschärfungen an. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) wies die Polizei an, ihre Präsenz in der Stadt zu verstärken. Als "Hetzjagden" bezeichnete die AfD die Amberger Ereignisse. Facebook-Posts der NPD Nürnberg ließen sich (ohne reale Grundlage) so lesen, dass die rechtsextreme Splitterpartei in Amberg Patrouillen einer Bürgerwehr organisiere und „Schutzzonen“ schaffe. Überhaupt die Sozialen Medien: Sie liefen fast über vor – nicht selten hasserfüllten – Kommentaren zu den Vorkommnissen.

Amberger bleiben cool

Und was dachten die Amberger? Die Süddeutsche Zeitung meinte im Rückblick: „Schon damals, zum Jahreswechsel, schien das Interesse im Rest der Republik größer zu sein als in Amberg selbst.“ Oberbürgermeister Michael Cerny (CSU), der Anfang 2019 über 30 Medienanfragen aus der ganzen Republik abarbeiten musste, der im „heute journal“ des ZDF interviewt wurde und in einem Beitrag der Tagesschau zur Situation in Amberg auftauchte, erinnert sich, dass die Antworten der Einheimischen anders ausfielen, als die Journalisten erhofften. Oft so in die Richtung: „Naja, das war halt eine Prügelei, was soll man sich da groß drüber aufregen.“ Einigen Redakteuren habe das aber Respekt abgenötigt, erzählt Cerny. Sie hätten gesagt: „Es ist unglaublich, wie souverän die Amberger damit umgehen.“

Fake Accounts machten Stimmung

Im Rückblick schüttelt Cerny immer noch den Kopf, wenn er an die „Amberger Prügelattacke“ und ihre Blitzkarriere in den Medien denkt: „Echt irre, was daraus geworden ist.“ Zum Teil habe es daran gelegen, dass die Nachrichtenportale auf Klicks in den Sozialen Medien reagierten, in denen wiederum bezahlte Netzwerke mit „Fake Accounts“ Stimmung gemacht hätten.

Doch diese Hochphase der Aufmerksamkeit hielt vielleicht eine Woche lang an, dann liefen andere Themen den Amberger Vorfällen den Rang ab. Kurz flammte das Interesse noch einmal beim Prozess gegen die vier Täter ab April auf, dann verlor es sich endgültig.

Interview mit Michael Cerny einige Wochen nach dem Vorfall

Amberg

Nach der Urteilsverkündung habe er noch eine einzige Nachfrage einer überregionalen Redaktion erhalten, sagt Cerny. „Sonst war komplett Stille im Wald.“ Immerhin: Die Befürchtung des OB, in Google könne bei Eingabe von Amberg in Zukunft immer an erster Stelle die „Prügelattacke“ erscheinen, traf nicht ein. Im Wikipedia-Artikel zu der Stadt ist sie gar nicht enthalten.

Echt irre, was daraus geworden ist.

Oberbürgermeister Michael Cerny im Rückblick auf die Entwicklungen um die

Oberbürgermeister Michael Cerny im Rückblick auf die Entwicklungen um die "Amberger Prügelattacke"

Das abflauende Interesse führte dazu, dass einige interessante Aspekte der Geschichte kaum mehr wahrgenommen wurden. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft – sie befragte fast 100 Zeugen – ergaben nämlich folgendes Bild: Die vier angeklagten „Prügler“ waren der iranische Staatsbürger A., zur Tatzeit 17 Jahre alt, sowie die drei Afghanen M. (19), O. (18) und G. (17). Drei von ihnen waren an diesem Samstag aus Regensburg angereist, einer aus Auerbach. Sie trafen sich in Amberg, weil sie die Stadt kannten. Die Opfer ihrer Angriffe durch Ohrfeigen, Faustschläge, Kopfstöße oder Fußtritte wählten sie aber zufällig und willkürlich aus.

Über 2 Promille

Die ersten Attacken geschahen zwischen 18.40 und 18.50 Uhr durch A., G. und M. auf dem Bahnhofsgelände, wo unter anderem ein 13-jähriger Schüler geschlagen wurde. Daraufhin zog sich die Gruppe von bis zu 13 zumeist afghanischen Asylbewerbern in den Stadtgraben zurück. Hier wurde Alkohol konsumiert (später errechnete ein Gutachter bei den Angeklagten Werte zwischen 1,09 und 2,03 Promille), teilweise wohl auch Rauschgift.

Als A., G. und M. gegen 20.30 Uhr zum Bahnhof zurückkehrten, war auch O. dabei. Jetzt folgten bis 20.55 Uhr weitere Angriffe, unter anderem gegen eine Gruppe Jugendlicher, die in den Sandwichladen „Subway“ floh. Insgesamt zählte die Staatsanwaltschaft Attacken auf 21 Menschen (15 davon wurden verletzt) und 25 Einzelstraftaten. Um 21.04 Uhr nahm die Polizei die vier Schläger in der Oberen Nabburger Straße fest. Bis zum Prozess – er begann am 23. April 2019 – saßen sie in Untersuchungshaft.

Die Oberpfalz-Medien-Berichterstattung zum Prozessauftakt

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Schnell kam es in der Verhandlung nach einem Rechtsgespräch zu einem Geständnis der Angeklagten, die alle 2015 nach Deutschland eingereist waren. Die Motive für die Übergriffe blieben aber während des Verfahrens weitgehend im Dunkeln.

Die vier verwiesen auf die Folgen von Alkoholkonsum und Betäubungsmitteln. Einer äußerte zudem, er habe sich von einem Passanten böse angeschaut gefühlt. Ein Prozessbeobachter gewann den Eindruck: „Sie haben die Tat wohl aus einer Mischung aus Langeweile, Alkohol und Gruppendynamik begangen.“

Iraner muss in Haft

Am 10. Mai verurteilte das Amtsgericht den mittlerweile 18-jährigen Iraner, der als Haupttäter eingestuft wurde, zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren und sieben Monaten, wobei noch drei andere Taten – Prügeleien in Regensburg – mit abgeurteilt wurden. Gegen ihn lief ein Abschiebungsverfahren, er hätte Deutschland bereits im Februar 2018 verlassen müssen. Er solle jetzt seine Freiheitsstrafe absitzen, äußerte Innenminister Joachim Herrmann. „Anschließend wollen wir alle rechtlichen Hebel in Bewegung setzen, um ihn unmittelbar nach der Haft in den Iran abzuschieben.“

18-jähriger Afghane abgeschoben

Die drei afghanischen Asylbewerber wurden zu Jugendbewährungsstrafen verurteilt: M. zu 13 Monaten, O. zu 6 und G. zu 8. Die Deutsche Presseagentur berichtete: „Die drei bisher in Untersuchungshaft einsitzenden Afghanen verließen das Gericht als freie Männer. Bei der Urteilsverkündung wirkten sie sichtlich erleichtert.“ O. wurde allerdings bereits am 21. Mai nach Kabul abgeschoben. Für G. bestand ein Abschiebeverbot, da er minderjährig war. Für M. galt eine Duldung, weil er Vater einer deutschen Tochter ist.

Zum Urteil im Prozess um die "Amberger Prügelattacke"

Amberg

Was ist inzwischen aus den drei geworden, die in Deutschland blieben? Da die „ausländerrechtliche Zuständigkeit“ für sie bei der Zentralen Ausländerbehörde bei der Regierung der Oberpfalz liegt, kann deren Pressesprecher Markus Roth Auskunft geben: Der Iraner verbüßt noch seine Haftstrafe. In seinem Fall wurden aber bereits „aufenthaltsbeendende Maßnahmen eingeleitet“. Die beiden Afghanen befinden sich laut Roth noch in Deutschland: „Bei den beiden Fällen liegen aktuell Duldungsgründe vor, auf die wir aus Datenschutzgründen nicht näher eingehen können.“

Bei straffällig gewordenen, vollziehbar ausreisepflichtigen Asylbewerbern und Ausländern sei aber das oberste Ziel der Behörde, die gesetzliche Ausreisepflicht umzusetzen. Wo es nicht zu einer freiwilligen Ausreise komme, werde eine Abschiebung geprüft und – soweit möglich – auch konsequent umgesetzt. Das sei etwa Mitte Dezember bei einer Sammelabschiebung von verurteilten Straftätern aus der Oberpfalz geschehen. Einer davon habe nach einer Schlägerei im Februar 2019 in Regensburg eine Haftstrafe verbüßt, ehe er jetzt abgeschoben worden sei.

Video von Oberpfalz-Medien zum Prozess

Dossier von Oberpfalz-Medien zur "Amberger Prügelattacke" vom 1. April 2019

Amberg

Themenseite von Oberpfalz-Medien zur "Amberger Prügelattacke"

 

 

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