Es sind zwei Anrufe, die den Stein ins Rollen bringen: Am 3. April 1935 klingelt um 9 Uhr morgens auf einer Gendarmeriestation im Landkreis Cham das Telefon. Eine anonyme Anruferin teilt mit, dass sich auf dem bewohnten Anwesen einer Familie in der Nachbarschaft schon seit einigen Tagen nichts mehr rührt. Alle Fenster sind verhangen, die Türen verschlossen. Wenig später ruft auf derselben Polizeistation ein Unternehmer aus der Region an und gibt an, dass einer seiner Arbeiter schon seit einigen Tagen nicht mehr im Betrieb erschienen ist. Zuvor habe eine unbekannte Stimme dem Firmenchef am Telefon mitgeteilt, dass sein Angestellter spontan verreist sei und er deswegen längere Zeit nicht zur Arbeit kommen könne.
Der Polizist macht sich angesichts dieser Mitteilungen auf den Weg in das kleine, abgelegene Örtchen in der Nähe der tschechischen Grenze im Landkreis Cham. Er will sicherheitshalber nach dem Rechten sehen. Was er vorfindet, ist ein bisher nicht gekanntes Bild des Grauens. Die Familie Schneider (Namen geändert), die das besagte Anwesen bewohnt – die Großmutter Theresia (79), ihre Tochter Sophie (44) und deren Sohn Rudolph (17) – liegt zum Teil erschlagen, zum Teil erdrosselt in ihrem Haus. Zunächst ist völlig unklar, was der Familie Schneider zugestoßen sein könnte, bis mehrere Personen aus dem Ort der Polizei ihre Beobachtungen mitteilen.
Täter ist einschlägig vorbestraft
Im Zeitraum von Samstag bis Mittwoch, in dem die grausame Tat sich abgespielt haben muss, wird in der Gegend einer gesehen, der hier nicht hergehört. Im Jahr 1935 in einem abgelegenen Weiler in der Oberpfalz ein handfestes Indiz, dass etwas nicht stimmt. Maximilian Schneider ist außerdem ein Verwandter der getöteten Familie, ledig, arbeitslos - und vor allem: wegen Brandstiftung und verschiedener Betrugsdelikte vorbestraft. Weil das auch der Polizei vor Ort bekannt ist, wird nach dem Mann gefahndet, um ihn möglichst schnell zur Sache zu hören.
Bereits am Mittwochabend, also nur Stunden nach dem Auffinden der Leichen, wird der 24 Jahre alte Mann in der Gegend um Augsburg gefasst und verhaftet. Da feiert er gerade in einem Wirtshaus ein rauschendes Fest - nämlich seine Verlobung mit einer Frau. Er kennt sie erst wenige Tage. Schon da gesteht er gegenüber den anwesenden Polizisten den dreifachen Mord an seinen Verwandten und wiederholt es tags darauf vor dem Staatsanwalt und den Vernehmungsbeamten. Das Protokoll dieser Aussage ist bis heute erhalten. Darin heißt es: „Sie werden wissen, um was es sich dreht. Ich habe einen Mord begangen, ich habe drei Personen mit einem Beil erschlagen. Das liebste wäre mir, wenn ich gleich erschossen werde. Ich sage alles, meinen Kopf kostet es sowieso.“
Die folgenden 25 Seiten geben unschätzbar wertvolle Einblicke in die Gedankenwelt eines Täters. Schneider gibt zu Protokoll, aus Hass gegen die Verwandten gehandelt zu haben. Dieser soll sich seit frühester Kindheit manifestiert haben. Gegipfelt sei er darin, dass er am Samstagabend nach Unterkunft für die Nacht auf dem Hof der Familie Schneider gefragt, aber diese ihn abgewiesen habe. Die Ablehnung soll ihn zu der grausamen Bluttat getrieben haben. Deutlich weniger impulsiv ist alles, was folgt. Schneider verbringt sogar noch eine Nacht im Haus seiner Verwandten, holt sich Milch aus der Kammer, in der die erdrosselte Sophie halb unter dem Bett und in ihrem eigenen Blut liegt. Tags darauf verkauft der junge Mann die zwei Kühe der getöteten Familie, staffiert sich mit dem Geld aus und fährt zurück in die Nähe von Augsburg. Er ist in Feierlaune. Zwei Tage später wird er verhaftet.
War Rache das Motiv?
Sein während der Vernehmung und später im Gerichtssaal vorgebrachtes Rachemotiv glaubt ihm seitens der Justiz niemand. Die Anklage gegen ihn lautet auf Raubmord. Schneider wird deswegen vom Schwurgericht am Landgericht in Amberg am 6. Juni 1935 zum Tode verurteilt. Ein Gnadengesuch zu stellen, lehnt er ab. In der Fronfeste wartet der Delinquent nach dem Urteil auf die Terminierung der Vollstreckung. Schon während der Untersuchungshaft wird ihm, so ist es damals üblich, geistlicher Beistand angeboten. Das nimmt Schneider auch tatsächlich in Anspruch - und findet im Gefängnis zu Gott. Das zumindest implizieren seine Briefe, die er vor seinem Tod aus der Haft an verschiedene Adressaten schreibt.
Es sind bewegende Zeugnisse eines Verurteilten, der in seiner Zelle auf den unmittelbar bevorstehenden Tod wartet. In einem der Briefe heißt es: „Ich habe den Tod vor Augen, in einer solchen Lage spricht das Herz eine andere Sprache. Es ist die Sprache der Selbsterkenntnis und der Wirklichkeit. Da gibt es kein Verstellen, kein ‚Sich-Etwas-Vormachen‘, nichts gibt es mehr. Was das Leben einem bieten kann, ich weiß es. Habe das Leben nach allen Seiten kennengelernt. Ich wollte, ich dürfte noch einmal von vorne anfangen. Als Schlussgedanken will ich noch anfügen, dass ich die gegen mich ausgesprochene Strafe gerne auf mich nehme, habe es daher abgelehnt, ein Gnadengesuch zu machen. Ich will dem Herrgott mein Leben als Sühne und Buße anbieten und ich weiß: Dieses Opfer wird angenommen. Gerne gehe ich den Weg von meiner Zelle zur Richtstätte, weiß ich doch: mein verstorbener Vater wartet auf mich und wir sehen uns alle wieder. Nun gibt es dann keine Trennung mehr.“
Letzte Hinrichtung in Amberg
Ob seine religiöse Hinwendung einem echten inneren Erkennen entspringt oder eine weitere Augenwischerei eines notorischen Betrügers ist, nimmt Maximilian Schneider am 18. September 1935 mit ins Grab. Es ist die letzte Hinrichtung, die in Amberg mit der Guillotine vollzogen wird. Sogar in den letzten Momenten seines Lebens ist es Schneider offenbar ein Bedürfnis, seine Gedanken schriftlich festzuhalten – und er schickt so einen letzten Gruß, der bis in die Gegenwart überdauert hat. Denn als Anfügung notiert er ans Ende eines Briefes: „Vor einigen Minuten wurde mir die Vollstreckung des Todesurteils bekanntgegeben. Ich bin nach wie vor meiner Herr. Es ist mir meine Todesstunde die schönste Stunde. Verzeihen Sie mir und beten Sie für mich! Das Urteil wird morgen Früh um 6 Uhr vollstreckt.“ Und zuletzt: „Und nun leben Sie wohl!“
Hinweise zur Folge
Der Podcast Crime Daheim beschäftigt sich mit wahren Verbrechen und nimmt die Zuhörer mit auf Spurensuche.
- Wo hören? Der Podcast ist auf allen bekannten Podcast-Plattformen sowie auf www.onetz.de/podcast zu hören.
- Namen: Die Redaktion hat fast alle Namen in dieser Serie geändert. Um den Lesefluss nicht zu stören, werden falsche Vor- und Nachnamen verwendet.
- Nichts mehr verpassen: Viele weitere spannende Aspekte rund um die Arbeit des Gerichtsteams gibt es in den sozialen Medien, beispielsweise auf Instagram unter crimedaheim_podcast.





























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