15.07.2021 - 16:26 Uhr
AmbergOberpfalz

Kindertheaterfestival: Diese Piraten lieben Vivaldi

Mittendrin werden "Die Abenteuer der Musik-Piraten" am letzten Kindertheaterfestival-Tag in Amberg glatt zur Seeräuber-Party: Das junge Publikum singt begeistert mit, klatscht, wippt auf den Sitzen. Und will am Ende sogar Autogramme.

Puppenspieler Bernd Linde sitzt mit seinen Musik-Piraten in einem Boot.
von Heike Unger Kontakt Profil

Die Musik, die die jungen Zuschauer so begeistert, ist kein K-Pop, sondern von Mozart und Vivaldi. Piratenmusik halt. Sind ja schließlich "Die Abenteuer der Musik-Piraten", die am Donnerstag mit drei Vorstellungen im Stadttheater den Schlusspunkt beim Kindertheaterfestival setzen. Wer dabei wohl gewinnt? Das steht am Donnerstag noch nicht fest, die Bewertungen der acht Kunderjury-Gruppen, die die ganze Woche über die gezeigten Aufführungen bewertet haben, müssen erst noch ausgewertet, die vergebenen Punkte zusammengezählt werden: Dann steht fest, welches der vier Theater-Ensembles den Preis "Kit" bekommt und als Sieger das nächste Kindertheaterfestival eröffnen darf.

Bernd Linde aus Hannover hat mit seinem Figurentheater "Die Roten Finger" schon einen Preis bekommen, 2015, den Kulturpreis der Stadt Melle. Nach Amberg hat er genau dieses prämierte Stück mitgebracht, "Die Abenteuer der Musikpiraten", ein Puppentheater mit viel Musik. Die stammt von der NDR Radiophilharmonie, die einst bei Linde wegen einer solchen Produktion angefragt hatte und damit einen langgehegten Wunsch des Schauspielers, Sängers und Puppenspielers wahr werden ließ. "Ich wollte immer mal was mit Piraten machen – und mit klassischer Musik", sagt er am Donnerstag nach der zweiten Vorstellung in Amberg. Ursprünglich war die Musik live, inzwischen erklingt sie per Knopfdruck, als Aufzeichnung. Und natürlich mit genau den Instrumenten, die die fünf Musik-Piraten auf der Bühne dabei haben.

Mehr Piraten als Hände

In der Aufführung macht das einfach nur Spaß, danach wollen die Kinder aber doch genau wissen, wie das auf der Bühne alles funktioniert: Wie bewegt sich das Piratenschiff? Und wie erweckt ein einziger Puppenspieler sechs Handpuppen und einen Papagei gleichzeitig zum Leben? Letzteres ist tatsächlich faszinierend – schließlich ist Linde der einzige Mensch auf der Bühne. Er hatte dort auch schon Partner an seiner Seite, aber eigentlich ist er gern Solist, weil er seine Kreativität so am besten ausleben kann.

Den Kindern zeigt er, wie er das macht, denn "ich hab ja nicht so viele Hände, wie hier Piraten sind": Die Handpuppen, die gerade nicht aktiv sind, sind mit Stäben an Deck "geparkt", das Schiff selber schnallt sich Linde mit Rucksackgurten einfach um. So kann er tatsächlich die ganze Piraten-Crew spielen und dabei auch noch das Schiff durch schwere See steuern und sogar in die Tiefe des Meeres abtauchen. Letzteres gefällt den Kindern besonders gut: Als neben allerlei aufregenden Unterwasser-Bewohnern auch noch Seifenblasen aufsteigen und Nebel über die Bühne wabert, ertönt aus dem Zuschaurraum ein begeistertes "Ohhhhhhhh". Und natürlich muss Linde die Kinder nicht lange betteln, den Piraten-Ohrwurm-Song mitzusingen. "Hey ho!"

"Der schönste Beruf"

Musik muss eigentlich immer dabei sein, meint der Puppenspieler, der eigentlich Sozialpädagogik studiert hat. Als er bei einer "wunderbaren Professorin" Einblick in Figurenspiel und freies Erzählen bekam, "hat es bei mir irgendwie Klick gemacht", sagt er – "das hat mich abgeholt". Ihn, der schon als Kind mit Handpuppen für die Nachbarksinder gespielt hat. "Ich dachte, das ist der schönste Beruf." So schön, dass Linde längst komplett darin aufgeht: Er macht seine Puppen und auch das Bühnenbild selbst, schreibt auch einfache, eingängige Melodien wie das Piraten-Lied – und holt sich bei Bedarf Unterstützung wie etwa die eines Zimmerers fürs Piratenschiff. Er hat sich nebenberuflich selbstständig gemacht, spielt inzwischen schon seit 22 Jahren für Kinder. Jetzt will er aber auch einmal ein Erwachsenenstück produzieren. Ein Stück mit Klappmaulpuppen. "Darauf freue ich mich."

Puppenspiel für Erwachsene? Na klar. Bernd Linde erwähnt Kult-Stars wie Michael Hatzius und seine Echse oder René Marik und seinen Maulwurf: "Das ist Figurentheater für Erwachsene." Manche Theater hätten Puppentheater sogar als vierte Sparte. In der DDR sei das üblich gewesen. "Das gibt's heute noch im Osten." Für Erwachsene zu spielen, sei "halt anders als für Kinder": "Wie sie reagieren, weiß ich nicht. Aber ich bin gespannt, wie es bei Erwachsenen ist, wenn ich die mit meinen Figuren aufgetaut kriege – ob ich dann das Kind in ihnen rauslocke? Da freu ich mich drauf."

Kinder sind "durch den Wind"

Die Freude ist umso größer, als auch Linde eine lange Lockdown-Zwangspause hinter sich hat. Immerhin konnte er in den vergangenen drei Monaten dank staatlicher Corona-Förderung wieder vor kleinen Gruppen auftreten und auch ein par Nachhol-Termine absolvieren. Im vergangenen Jahr aber habe ihn die Pandemie "völlig ausgebremst". Und Kultur-Förderung sei, anders als jetzt, gar nicht geflossen. "Das ist schon eine ziemliche Sinnfrage, wenn man Berufsverbot hat", sagt er rückblickend: "Da sind wir vom Theater zu Bittstellern geworden." Inzwischen gibt es Finanzhilfe auch für diese Branche, die fließe allerdings oft unkoordiniert. Aber ohne sie "ginge es nicht." Weil Linde auch viel an Schulen spielt, ist ihm eine Folge der Pandemie sehr präsent. Ihm ist aufgefallen, "dass vor allem die Erstklässler, die lange daheim waren, durch den Wind sind". Konzentrationsfähigkeit, aber auch andere Kompetenzen hätten deutlich gelitten.

Linde selbst hat die Zwangspause genutzt, um einen für ihn neuen Weg einzuschlagen: Er ist kulturpolitisch aktiv geworden, engagiert sich hier auch auf Landesebene. "Damit die Politiker mitbekommen, wie's um uns freie Theater steht." Inzwischen gehe es langsam wieder aufwärts, seit Ende April tritt Linde wieder auf. "Das war wie eine Erlösung." Streaming war für ihn keine Alternative. Dazu liebt Linde das Spiel auf der Bühne und den Kontakt zum Publikum zu sehr: "Auf der Bühne kann alles passieren. das ist spannend. Für alle. Und es ist was anderes, als zu Hause vor der Mattscheibe zu sitzen."

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Abgetaucht. Bernd Linde entführt seine Zuschauer in die Unterwasserwelt.
Nach der Aufführung im Amberger Stadttheater plaudert Puppenspieler Bernd Lind noch mit der Kinderjury.

 

 

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