30.09.2021 - 20:50 Uhr
AmbergOberpfalz

Kritik an Flüchtlingspolitik der EU: Geflüchtete in Amberg erzählen

In einer Ausstellung in Amberg stehen die Europäische Union und ihre Mitgliedstaaten heftig in der Kritik: Es geht um den Umgang mit Menschen auf der Flucht. Geflüchtete erzählen von ihren Erfahrungen.

Den Tag des Flüchtlings nehmen der Caritasverband Amberg-Sulzbach und die OTH Amberg-Weiden zum Anlass für die Ausstellung "Grenzerfahrungen – Wie Europa gegen Schutzsuchende aufrüstet" zu zeigen.
von Miriam Wittich Kontakt Profil

„Flucht passiert jetzt, in diesem Moment, heute“, sagt Patrycja Sobczyk von der Flüchtlingshilfe der Caritas Amberg-Sulzbach. „Fast 80 Millionen Menschen sind gerade auf der Flucht. Das muss man sich immer vor Augen führen.“ Wie mit diesen Menschen umgegangen wird, das kritisiert eine Ausstellung, die in den kommenden vier Wochen in der Mensa der OTH in Amberg zu sehen sein wird. „Grenzerfahrungen – wie Europa gegen Schutzsuchende aufrüstet“ heißt das Projekt von Pro Asyl, der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerung und Frieden (EAK) und der katholischen Friedensbewegung Pax Christi. Laut einer Pressemitteilung sollen die Plakatwände auf die „Politik der Abschottung und Aufrüstung an den EU-Außengrenzen“ und die „brutalen Folgen für Schutzsuchende“ aufmerksam machen.

„Diese Ausstellung hat mich sehr berührt“, erzählt Anne Kuchler, die seit 28 Jahren in der Flüchtlingshilfe der Caritas tätig ist. „Ich sehe viele Gemeinsamkeiten mit den Protokollen der Geflüchteten, die ich lese.“ Eines davon war das von Hawi. Hawi lebt seit zehn Jahren in Deutschland. „Flucht kann man nicht in Worte fassen“, sagt die Frau aus Äthiopien beim Pressetermin zur Ausstellungseröffnung in der OTH. „Darüber zu reden und dort zu sein, ist etwas ganz anderes.“

Hawi war bei ihrer Flucht erst 14 Jahre alt. Ihr Vater war daheim in Äthiopien in der Opposition, wurde mehrmals eingesperrt, dann floh er in den Sudan. Sie folgte ihm. Doch als Hawi im Nachbarland ankam, konnte sie ihren Vater nicht mehr finden. „Ich weiß bis heute nicht, ob er noch lebt.“ Die Stimme der jungen Frau bricht. Als sie ihre Geschichte erzählt, laufen ihr immer wieder Tränen über die Wangen. „Schleuser verkaufen Menschen wie Dinge“, sagt sie. Und: „Für Frauen ist es sehr schlimm. Die können mit uns machen, was sie wollen.“ Doch an Umkehren sei nicht zu denken gewesen. „Wenn du einmal los bist, gibt es keinen Weg zurück.“

Wie Hunde behandelt

Auf ihrer Flucht wird die Äthiopierin mehrmals inhaftiert. In Libyen nehmen ihr Schleuser Hunderte Euro ab und übergeben sie dann der Polizei. „Ich weiß gar nicht, ob es wirklich Polizisten waren. Die haben alle Jacken mit Abzeichen. Alle wollen Geld.“ Wer ihnen nichts geben kann, stecke fest. „Wir mussten auf dem Boden schlafen. Brote haben sie uns hingeworfen wie Hunden“, erzählt Hawi. „Ich war immer hungrig.“ Seit Jahren gibt es Berichte, dass Flüchtlinge in libyschen Lagern misshandelt und ausgebeutet werden.

Freunde bezahlen schließlich für Hawi. Mit 140 anderen Leuten steigt sie an der Küste in ein Plastikboot. „Da ist Wasser reingelaufen, wir mussten ständig schöpfen.“ Von den drei Booten, die zusammen losgefahren sind, kommt nur das, in dem Hawi sitzt, in Malta an, erzählt die Frau. „Ich dachte, jetzt bin ich in Europa. Aber in Malta war ich wieder neun Monate im Knast“, schildert die Ostafrikanerin. „Bis heute kann ich nicht vergessen. Das ist mein Leben.“ Hawi erzählt aber auch, wie es sich für sie zum Guten gewendet hat.

Hilfe von der Caritas

„Ich habe einen Mann und drei Kinder, wir haben Arbeit“, sagt sie. Viel Hilfe hätte sie, endlich in Deutschland angekommen, von der Caritas erhalten. „Es ist eine andere Kultur, eine andere Sprache. Die Anpassung braucht Zeit und Hilfe.“ Sie muss lachen, als sie die Unterschiede anspricht: „Hier gibt es so viel Papier und alles muss sorgfältig aufbewahrt werden.“ Bei Anne Kuchler habe sie all das gelernt. „Jetzt ist das Leben sehr schön“, sagt Hawi und betont: „Niemand verlässt das eigene Land ohne Grund.“ Und leider wende sich das Leben für sehr viele Flüchtlinge nicht zum Guten. Unzählige ertrinken im Mittelmeer oder werden – obwohl es gegen EU-Recht verstößt – zwangsweise nach Libyen in Schleuserhände und Foltergefängnisse zurückverbracht, schildert Kuchler.

Die Grenzerfahrungen-Ausstellung in Amberg organisierte die Caritas zusammen mit Susanne Prechtl, sie ist an der OTH für Geflüchtetenprojekte zuständig. „Die OTH freut sich über die Kooperation mit der Caritas. So können wir auf dieses wichtige Thema gemeinsam aufmerksam machen“, sagt Prechtl. Sie erzählt vom Propädeutikum Plus an der OTH, eine gezielte Vorbereitung für den Einstieg in ein Studium. Den Kurs können alle Geflüchteten mit den nötigen sprachlichen Vorkenntnissen (für B2 braucht man schon B1, für C1.1 braucht man B2) besuchen. „Wir vermitteln nicht nur Deutschkenntnisse, sondern helfen auch bei Bewerbungen und unterstützen beim ganzen Prozess.“ Einer, der diesen Prozess schon durchlaufen hat und im Herbst sein Studium an der OTH beginnt, ist Hasan. Er kommt aus Syrien und ist seit dreieinhalb Jahren in Deutschland. Hasan musste zunächst ein Studienkolleg besuchen, so wurde sein Abschluss aus Syrien hier anerkannt. Nun kann er an der OTH studieren.

„Ich interessiere mich schon lange für Informatik“, sagt der junge Mann. Deshalb habe er sich auch für Medieninformatik entschieden. „Millionen träumen in Syrien davon. Und ich darf das machen“, sagt er und strahlt. In seine Freude mischt sich aber auch Sorge. „Meine Schwestern leben noch in Aleppo, sie sind schon volljährig und dürfen nicht nachkommen.“ Hasan selbst ist durch die Möglichkeit des Familiennachzugs nach Deutschland gekommen. „Ich musste keine Flucht erleben, aber die Erfahrungen in Syrien waren sehr schlimm.“ Er hofft, irgendwann mit seinen Schwestern vereint zu sein.

Deutschland hat Mitverantwortung

Das wohl wichtigste Dokument für den internationalen Flüchtlingsschutz, die Genfer Flüchtlingskonvention, feiert 2021 ihr 70-jähriges Bestehen. „Aber Europa scheint sich immer mehr davon zu verabschieden“, sagt Kuchler. Auch das sei ein Grund für diese Ausstellung gewesen. „Wir werden immer wieder mit der Aussage konfrontiert, dass wir doch nicht alle aufnehmen könnten. Aber es ist doch sowieso nur ein Bruchteil.“ Kuchler ist überzeugt, dass sich durch die Grenzschließungen das Flüchtlingsproblem nicht lösen lässt. „Wir haben eine globale Mitverantwortung“, betont sie. „Mit Waffenexporten zum Beispiel tragen wir ganz entscheidend zum Problem bei.“ Da pflichtet ihr Diakon Richard Sellmeyer, Vorstandsmitglied der Caritas, bei: „Es wird immer nur über die Problematik der Flucht geredet, aber nicht über die Ursachen.“

Sellmeyer sieht auch die Potenziale der Geflüchteten. „400 000 Zuwanderer werden in Deutschland jährlich gebraucht“, sagt er. Der Arbeitsmarkt könne von der Flucht profitieren. Dafür müssten sich aber die Gesetze ändern. Eine „Riesenchance“ sei auch der Transfer von Wissen, wenn Menschen hier ausgebildet werden und irgendwann zurück in ihre Heimat gehen. „Viele wollen ja wieder heim.“

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Hintergrund:

Über die Ausstellung "Grenzerfahrungen"

Die an der Ausstellung beteiligten Organisationen, Pro Asyl, EAK und Pax Christi, fordern einen Paradigmenwechsel in der Asyl-, Migrations- und Außenpolitik der Europäischen Union. Dazu zählt für sie:

  • Gewährleistung des Rechts auf Asyl an den EU-Grenzen
  • Keine Pushbacks mehr, also kein Zurückdrängen Schutzsuchender
  • Keine Isolation oder Inhaftierung von Schutzsuchenden in Lagern
  • Keine Abkommen mit Staaten außerhalb der EU, wie der Türkei, um Geflüchtete dort festzusetzen oder dorthin abzuschieben
  • Sterben im Mittelmeer beenden
  • Stopp deutscher Waffenlieferungen

"Diese Ausstellung hat mich sehr berührt. Ich sehe ganz viele Gemeinsamkeiten mit den Protokollen der Geflüchteten, die ich lese."

Anne Kuchler, Flüchtlingshilfe der Caritas Amberg-Sulzbach

Anne Kuchler, Flüchtlingshilfe der Caritas Amberg-Sulzbach

"Die OTH freut sich über die Kooperation mit der Caritas. So können wir auf dieses wichtige Thema gemeinsam aufmerksam machen."

Susanne Prechtl, OTH Amberg-Weiden

Susanne Prechtl, OTH Amberg-Weiden

"Es wird immer nur über die Problematik der Flucht geredet, aber nicht über die Ursachen."

Diakon Richard Sellmeyer, Vorstandsmitglied der Caritas Amberg-Sulzbach

Diakon Richard Sellmeyer, Vorstandsmitglied der Caritas Amberg-Sulzbach

 

 

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