09.01.2022 - 14:30 Uhr
AmbergOberpfalz

Nein zu München: Französischer Ingenieur lebt lieber am Bergsteig in Amberg

Einen französischen Ingenieur, der in der Automobilindustrie tätig ist, könnte es überall hin verschlagen: Italien, England, USA, vielleicht sogar China oder Dubai. Gelandet ist Jean-Baptiste aber in Amberg. Warum?

„Neues Jahr, neuer Bergsteig“ – auch wegen Jean-Baptiste und seiner Frau Sabine. Sie leben mit ihren Kindern Elisa und Mathis nicht mehr in Olching in der Nähe von Fürstenfeldbruck, sondern an der Gropiusstraße am Bergsteig.
von Thomas Kosarew Kontakt Profil

An einem der neuen Häuser an der Gropiusstraße am Bergsteig ist ein Schild angebracht, auf dem vier Vornamen stehen: Jean-Baptiste, Sabine, Mathis und Elisa. Schon auf den ersten Blick wird deutlich: Hier wohnt jemand, der seine Wurzeln nicht in Amberg hat, auch nicht in der Oberpfalz, in Bayern oder in Deutschland. Familienvater Jean-Baptiste (38), der seinen Nachnamen vertraulich behandelt wissen will, stammt aus Rennes, der rund 220 000 Einwohner zählenden Hauptstadt der Bretagne im Nordwesten Frankreichs. Dort möchte er später im Alter "vielleicht in einer kleinen Wohnung am Meer" leben.

Doch sein Zuhause ist bis dahin der Bergsteig in Amberg. Der einst so verrufene Stadtteil hat sich bei der Suche nach einem Platz für ein Eigenheim eindeutig gegen München durchgesetzt, wo Jean-Baptiste als Ingenieur für einen renommierten Automobilhersteller tätig ist. Die Geschichte der jungen Familie, die sich bewusst für den Bergsteig entschieden hat, beginnt in München. Dorthin zog es Mutter Sabine (40), die aus Ammersricht stammt und Erzieherin ist, im Alter von 22: "Ich wollte in die Großstadt, ich wollte das erleben. Es war meine erste eigene Wohnung." In die Landeshauptstadt hatte es auch Jean-Baptiste verschlagen, der über die Studium-Zwischenstation Lyon an der Technischen Universität gelandet war. Im Jahr 2008 liefen sich die beiden über den Weg. Sie lernten sich kennen und lieben und zogen in München zusammen. Seit 2013 sind sie verheiratet. Wenig später kam Sohn Mathis (6) auf die Welt, es folgte Töchterchen Elisa (4).

Mehr als 2000 Euro Miete

Das junge Glück war perfekt. Auch berufliche Neuorientierungen, die sich ergeben hatten, änderten das nicht. Nach einer Zeit in Donauwörth, wo Jean-Baptiste als Ingenieur arbeitete, ging es nach Olching bei Fürstenfeldbruck, weil der Franzose in München einen Ingenieur-Posten bei einem Automobilhersteller bekommen hatte. Zwei Kinder, gute Jobs und eine schöne Umgebung. "Da hätte man auch bleiben können. Es spricht nix dagegen", sagt der 38-Jährige, relativiert aber: "Wenn man die finanziellen Mittel dazu hat." Die Familie wohnte in Olching zur Miete und bekam im März 2020 die Nachricht, das Reihenmittelhaus bis spätestens Mai 2021 verlassen zu müssen. Die Vermieter meldeten Eigenbedarf an. Sabine und Jean-Baptiste mussten sich mit ihren Kindern auf die Suche nach einem neuen Zuhause machen.

Das Problem: Eine vergleichbare Bleibe wie die in Olching, die pro Monat 1500 Euro kostete, gab es nicht. Und das, was sich auf dem Markt befand und infrage gekommen wäre, war nicht finanzierbar, wie der Mann aus Rennes sagt: "Mittlerweile müsste man für so ein Objekt wie das in Olching, das 30 Jahre alt war, deutlich mehr als 2000 Euro im Monat bezahlen." Sabines Traum, mit Mann und Kindern eines Tages im eigenen Haus zu leben, war präsenter denn je: "Es hat etwas damit zu tun, sich selbst entfalten, verwirklichen zu können. Ich wollte einen festen Platz in meinem Leben." Aber wo sollte das Eigenheim entstehen? Ein Kauf oder ein Neubau in München schied aus finanziellen Gründen aus, wenngleich Sabine jetzt, mit dem Abstand von fast zwei Jahren, über ihren Mann sagt: "Er wollte aus der Nähe von München nicht weg."

Aber dann kam Corona und mit der Pandemie die klare Aussage von Jean-Baptistes Arbeitgeber: "Ihr dürft selbst entscheiden, wie viel Homeoffice ihr macht." Von da an war dem Mann klar: "Das funktioniert überall. In jeder Stadt." So kam Amberg ins Spiel. Sabines Vater machte das Paar auf die Bauvorhaben am Bergsteig aufmerksam und setzte damit einen Denkprozess in Gang. Während sich die zweifache Mutter mit der Überlegung sehr wohlfühlte, Oma und Opa in der Nähe zu haben, "wenn mal was mit den Kindern ist", ließ sich Jean-Baptiste überzeugen, weil die Stadtbau Amberg hinter den Neubauplänen an der Gropiusstraße steckt: "Ein Bauträger kann schon mal pleitegehen. Vor allem in Corona-Zeiten." Bei einer städtischen Tochtergesellschaft sei das aber ausgeschlossen.

Tipp von Schwester aus Paris

Also setzte sich Jean-Baptiste an den Computer und googelte die Begriffe Amberg, Bebauungsplan und Bergsteig. Was er entdeckte, machte ihn neugierig. Er wollte die Entscheidung aber nicht ohne seine Schwester treffen, die ihr Geld als Architektin in Paris verdient. Sie habe nach der Prüfung aller online verfügbaren Infos gesagt: "Schau' dir an, was die Stadt mit dem Viertel vorhat." Jean-Baptiste folgte dem Tipp: "Dann haben wir uns den Bebauungsplan genauer angeschaut." Die Erkenntnis: "Es war offensichtlich, dass viel frisches Blut dazukommt, dass sich viel tut und der Stadtteil umstrukturiert wird. Als ich das gesehen habe, war das ein Volltreffer."

Der Entschluss stand schnell fest: Die Familie baut an der Gropiusstraße. Auch aus finanziellen Gründen, wie der Franzose sagt: "Für ein Haus in dieser Größenordnung, wie wir es jetzt haben, müsste man bei München rund 1,2 bis 1,5 Millionen Euro zahlen. Das geht nur, wenn man ein Grundstück erbt." So aber können sich die vier das Eigenheim problemlos leisten. Im Vergleich zum Mietshaus in Olching sparen sie sich sogar zehn Prozent ihrer Ausgaben. Es könnte noch mehr sein, doch Jean-Baptiste und Sabine haben sich dafür entschieden, möglichst schnell und viel abzuzahlen, um "gemütlich vor der Rente" schuldenfrei zu sein. Bis dahin vergeht noch einige Zeit. Jahre, in denen der 38-Jährige an seinem Arbeitsplatz in München dennoch ab und zu Präsenz wird zeigen müssen. Für ihn ist das aber kein großes Problem: "Ich muss von hier aus nur zweimal abbiegen und bin auf dem Weg in Richtung Autobahn. Ich bin in weniger als zwei Stunden an meinem Arbeitsplatz."

"Das passt alles super"

Auch für seine Frau lassen sich Beruf und Familie vereinbaren. Sie hat eine Stelle als Erzieherin im Kindergarten "Schatzinsel" der Pfarrei Heilige Familie bekommen. An der Königsberger Straße, direkt am Bergsteig. "Wir haben ganz viel Glück", sagt die 40-Jährige und meint damit nicht nur ihren neuen Job: "Es sind jetzt viele Familien mit Kindern hier, die im Alter unserer Kinder sind. Das passt alles super."

Alle Teile der Serie "Neues Jahr, neuer Bergsteig"

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Kommentar: Darum sollte der "alte Bergsteig" nie in Vergessenheit geraten

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„Es war offensichtlich, dass viel frisches Blut dazukommt, dass sich viel tut und der Stadtteil umstrukturiert wird. Als ich das gesehen habe, war das ein Volltreffer.“

Familienvater Jean-Baptist über den Bergsteig

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