07.05.2020 - 14:17 Uhr
AmbergOberpfalz

Öffnung der Seniorenheime: "Jeder hat wahnsinnige Angst"

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Ab Muttertag sollen die Seniorenheime wieder für Besucher öffnen dürfen. Ein beachtlicher Schritt. Die Heimleiter aber sind skeptisch. Zu schnell, zu riskant und zu wenig durchdacht, befinden sie. Es fehlt ein einheitliches Konzept.

Die Öffnung der Seniorenheime für Besucher ab Muttertag ist ein gewaltiger Schritt, aber er ist auch riskant.
von Florian Bindl Kontakt Profil

Es wirkt ganz wie eine großzügige Geste, ein Fingerzeig in Richtung Freiheit und Normalität. Ausgerechnet am Muttertag dürfen, so der Beschluss der Politik, die Seniorenheime ihre Türen wieder für Besucher öffnen, nach Wochen der Besuchersperre. Unter strengen Auflagen und nur für enge Verwandte. Am Dienstag sickerte diese Nachricht in die Senioren- und Pflegeheime der Region. Deren Reaktion: Skepsis bis hin zur Fassungslosigkeit. Vier Tage haben sie Zeit, ein ausgefeiltes Schutzkonzept zu entwickeln und ihre Mitarbeiter zu schulen. "Für mich ist das sehr fraglich, wie wir das bis Muttertag schaffen sollen", sagt Andrea Motzel, die Leiterin des AWO Seniorenheims in Kümmersbruck. Die Lockerungen kämen sehr plötzlich, vom Zeitpunkt sei sie völlig überrascht. "Wir können auch nicht zaubern. Wie sollen wir das in so kurzer Zeit umsetzen?" Eine Vorankündigung gab es nicht.

Die Lockerungen in Bayern - ein Überblick

Oberpfalz

Welche Auflagen sollen die Heime nun erfüllen? Zunächst die Klassiker: Sicherheitsabstand, Desinfektion, Schutzmaske, alles Standard und auf den ersten Blick unproblematisch. Schwieriger wird es beim Thema Anmeldung. Wer seine Verwandten ab Sonntag besuchen möchte, der muss sich vorher anmelden und registrieren lassen, damit es nicht zu einem unkontrollierten Besucherandrang kommt. Eine fest registrierte Kontaktperson. "Aber was ist, wenn drei Geschwister ihre Mutter besuchen wollen? Wer ist dann die Kontaktperson? Allein das zu ermitteln, ist der Wahnsinn", klagt Motzel. Dazu kommt, um überhaupt Besuch empfangen zu dürfen, müssen sich sowohl die Mitarbeiter als auch die Bewohner regelmäßig testen lassen. Dabei haben die Heime auf die Testungen überhaupt keinen Einfluss. Ist der Besuch einmal zugelassen, gehen die Probleme weiter.

"Grob fahrlässig"

Das AWO-Seniorenheim hat bereits Anfang dieser Woche ein sogenanntes Besucherfenster eingerichtet. Der Heimbewohner steht in seinem Wohnzimmer, der Besuch im Freien vor dem Fenster. "So kann man sich wenigstens sehen und miteinander sprechen", erklärt Motzel. Abstand: 1,70 Meter. Eigentlich. Die Erfahrungen der Heimleiterin sind andere: "Was wir da schon erlebt haben. Da muss immer eine Mitarbeiterin dabei sein, sonst halten sich manche nicht an die Regeln. Das ist menschlich einfach schwierig." Aber eben notwendig. Motzels Vorsicht ist verständlich. Der erste Corona-Todesfall im Landkreis trat im März ausgerechnet in ihrem Heim auf. Seitdem ist die Skepsis groß. Gebranntes Kind, Sie wissen schon.

Seniorenheime sind in Sachen Coronavirus besonders schutzbedürftig

Erbendorf

Nun aber empfiehlt Ministerpräsident Markus Söder den Heimen, Besuche möglichst ins Freie zu verlegen. Gemeinsames Spazierengehen soll möglich sein. Motzel ist konsterniert. "Erst haben wir höchste Sicherheitsstandards eingeführt und jetzt sollen die Leute im Hof spazierengehen. Das ist fast grob fahrlässig." Die Branche sei im Moment einfach sehr vorsichtig. "Jeder hat wahnsinnige Angst. Wir in Kümmersbruck wissen, wie schnell das mit einer Infektion geht."

Als die Seniorenheime für Besucher schlossen, war das die Erfüllung einer Pflicht zum Wohle der Bürger. Nun folgt die unfreiwillige Kür. Eine Lockerung, Schritt für Schritt mit Umsicht und Bedacht. Sie gleicht einem Balanceakt auf einem Drahtseil, das in die Freiheit führt. Die Ansätze der Heime und ihre Sicht auf die politischen Entscheidungen sind unterschiedlich. Die Pandemie-Beauftragte des Amberger Seniorenheims St. Benedikt ist schon etwas optimistischer. Klar sehe man die Lage kritisch, man wolle aber das Beste daraus machen. "Wir glauben, eine gute Lösung für die Sicherheit unserer Bewohner gefunden zu haben", sagt Jennifer Grune.

Der richtige Zeitpunkt?

Ihr Plan sieht so aus: Besuche finden ausschließlich im Freien statt, im Innenhof des Heimes. Eine vorherige Anmeldung, um den Besucherstrom kanalisieren zu können, ist auch hier Pflicht. Danach begleitet eine Mitarbeiterin den Besuch ins Freie, natürlich mit Maske und Sicherheitsabstand. "Ich finde es sehr gut, dass am Muttertag Besuche stattfinden können, denn die Vereinsamung unserer Bewohner schreitet spürbar voran", berichtet Grune. An einen Ansturm glaubt sie ohnehin nicht, dafür seien die Menschen derzeit zu sensibilisiert, zu vorsichtig. "Das Infektionsgeschehen kühlt sich ab, die Zahlen sinken. Das ist jetzt der richtige Zeitpunkt", lautet ihre Einschätzung.

Wenn wir das Virus im Haus hätten, das wäre der Super-GAU.

Günther Koller, Geschäftsführer des Caritasverbandes Amberg-Sulzbach

Günther Koller, Geschäftsführer des Caritasverbandes Amberg-Sulzbach

Ein Sulzbach-Rosenberger Heimleiter kritisiert die Öffnung der Heime als gefährlichen Schnellschuss.

Regensburg

Eine einheitliche Linie gibt es also nicht. Die wäre aber dringend notwendig, befindet Ambergs Caritas-Geschäftsführer Günther Koller. Er ist für das Marienheim und das Seniorenheim in der Friedlandstraße verantwortlich. "Ich habe erst mit meinen beiden Heimleitern telefoniert, wir haben noch kein klares Konzept." Auch ihn stört die rasche Kehrtwende der Politik gewaltig. "Lockerungen verkünden, das geht sehr schnell. Aber die Umsetzung ist bedeutend schwieriger", sagt er. Freilich, die Neuerungen seien grundsätzlich richtig. "Das Problem ist die Zeitschiene." Vier Tage reichen nicht. "Wenn wir einfach die Türen aufmachen und sagen "Leute, kommt´s rein" – das wäre vollkommen kontraproduktiv." Er will sich deshalb mit den Trägern aller Amberger Heime abstimmen, um zu vermeiden, "dass bei den einen Tag der offenen Tür ist und die anderen haben zu". Der Zeitplan sei aber verdammt sportlich.

Fallhöhe: ungewiss

Eines ist klar: "Wenn wir das Virus im Haus hätten, das wäre der Super-GAU", stellt Koller klar. "Das haben 95 Prozent der Angehörigen verstanden, wenn man ihnen das Warum erklärt." Sein Verband werde deshalb definitiv vorsichtig an die Sache rangehen. Wenn dann nicht am Muttertag, sondern erst eine Woche später geöffnet würde, glaubt er, hätte ein Großteil der Leute Verständnis dafür. "Die Besucher werden wohl massiv auf uns zukommen. Wir müssen jetzt erstmal die Grundlage eines Konzepts schaffen." Der erste Schritt auf dem Drahtseil will wohlüberlegt und durchdacht sein. Wachen Fußes, denn die Fallhöhe ist ungewiss.

AWO-Seniorenheim in Windischeschenbach: Lage hat sich entspannt

Windischeschenbach
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.