26.08.2020 - 12:19 Uhr
ErbendorfOberpfalz

Heimische Pflanzen und ihre Wirkungen: Der Beifuß

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Ein Blick in die heimische Pflanzenwelt lohnt sich. In einer Serie stellen drei zertifizierte Kräuterführerinnen Pflanzen, deren Geschichte und Rezepte dafür vor. Diesmal beschäftigt sich das Trio mit dem Beifuß.

Ulrike Gschwendtner bei einer Beifuß-Räucherung.
von Externer BeitragProfil

Von Regina Herrmann, Ulrike Gschwendtner und Cornelia Müller

Er ist unter vielen Volksnamen wie Besenkraut, Mugwurz, Schosswurz oder Sonnwendgürtel bekannt: der Beifuß. Die Pflanze wird circa 100 bis 200 Zentimeter hoch und hat einen festen, aufrechten Stängel mit ausgebreiteten Seitenästen. Dieser ist oft dunkel und braunrot gefärbt. Das Blütenköpfchen ist graufilzig, sehr klein und gelb oder rot-braun.

Die Blütezeit ist von Juli bis September. Der Beifuß hat folgende Inhaltsstoffe: Bitterstoffe, Gerbstoffe und ätherische Öle wie Cineol, Borneol und Thujon.

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Die Pflanze ist ziemlich in Vergessenheit geraten, aber sie ist ein sehr wirksames und zuverlässiges Heilkraut. In der Schwangerschaft sollte das Kraut vermieden werden, da es früher in starker Dosierung zu Abtreibungen verwendet wurde. Eine Teekur und Sitzbäder fördern die Monatsblutung, Beifuß wird deshalb bei ausbleibender und schwacher Blutung verwendet. Eierstockentzündungen werden mit Fußbädern behandelt.

Er schenkt wohltuende Wärme bei Verkühlungen, Blasenkatarrh und ständig kalten Füßen. Ferner gilt der Beifuß als Begleiter der Wanderer. Da er gerne an Wegrändern wächst, bietet er denen seine Hilfe an, die vom vielen Laufen müde Füße bekommen haben. In die Schuhe gelegt oder ans Bein gebunden, macht das Heilkraut den müden Wanderer wieder frisch. Ein Fußbad entspannt müde Beine. Bei Muskelkater werden die entsprechenden Partien mit einer Tinktur eingerieben.

Tipps von den Kräuterführerinnen

Als Tee hilft Beifuß bei Übelkeit, Brechreiz, nervösem Magen und Durchfall. Außerdem hat er eine allgemein beruhigende Wirkung auf das Zentralnervensystem. So war er früher das Basismittel bei Verkrampfungen – körperlich wie seelisch. Das Kopfkissen wurde mit getrocknetem Beifußkraut gefüllt und so wirkte es fein die ganze Nacht hindurch, beruhigte die Nerven und förderte den Schlaf. Die drei Kräuterführerinnen verweisen darauf, dass alle Angaben zu Heilwirkungen aus der Volks- und Erfahrungsheilkunde stammen.

Sammeltipps

Die Pflanze wächst auf Schuttplätzen, an Wegrändern, Flussufern, Steinbrüchen, Bahndämmen und Gebüschen und wird deshalb auch Schwellenpflanze genannt, da sie Bereiche abgrenzt. Nicht von gedüngten Wiesen, Feld- oder Straßenrändern ernten!

Anwendung früher

Der Beifuß wurde als Wurmmittel eingesetzt. Das ätherische Öl Cineol vertreibt die Würmer und Motten. Deshalb wurden früher in Truhen und Schränken Beifuß-Zweige gelegt oder als Duftsäckchen in die Wäsche. Auf jeden Fall kannten die Großwildjäger der jüngeren Steinzeit die aromatischen Pflanzen und schätzten sie als Heil- und Zauberkräuter.

Amerikanische Ureinwohner rieben sich mit Beifuß ein, wenn sie eine Vision suchten. Von Nordamerika bis Asien wurden die Beifußarten ganz ähnlich verwendet. Mit ihnen wurde geräuchert, geheilt, der Mut der Krieger beschworen, es wurden Götter verehrt, heilige Gegenstände geweiht und Besen gefertigt, um damit sakrale Orte zu fegen. Dies bestätigt die Annahme, dass die Wurzeln dieses Gebrauchs bis in die alte Steinzeit zurückgehen.

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Für die germanischen Stämme war der Beifuß wohl die mächtigste aller Pflanzen. Mugwurz, also Machtwurz, nannte man ihn. Selbst die Götter bedienten sich seiner Kraft. Der germanische Donnergott besaß den Zaubergürtel aus Beifuß. Damit konnte er seine Kraft verdoppeln und seine gefährlichen Reisen und Kämpfe bestehen.

Schutz und Lust

Im Buch "Gart der Gesundheit" von 1485 wird der Beifuß als besonders zauberwidriges Mittel beschrieben: "Wer Beifuß in seinem Haus hat, dem mag der Teufel kein Schaden zufügen … wer Beifußwurzeln über die Tür des Hauses legt oder hängt, dem Haus mag nicht Übles oder Ungeheuerliches zugefügt werden." Andreas Mattioli (1501 bis 1577) berichtet in seinem Kräuterbuch: „Unter Bett und Kissen gelegt bringt Beifuß unkeusche Begier.“ Im Klartext heißt das: Beifuß steigert die Lust.

Sonnwendkräuter

Beifuß gehört zu den Sonnwendkräutern, aus dessen Wurzeln oder Zweigen man den Sonnwendgürtel flocht, und zum Ende des Festes warf man ihn ins Feuer, um alles Schlechte loszuwerden. Man konnte den Kranz auch behalten und ihn als Schutz und Stärkung tragen, damit räuchern oder in den Stall hängen, damit die Tiere vor Krankheit und Zauber geschützt wurden. Das Mitsommerfeuer der Germanen (21. Juni) war ein Freuden- und Dankesfeuer, eine Zeit der Liebe und des Rausches. Das Feuer wurde umtanzt und übersprungen, das sollte Leib und Seele reinigen und Gesundheit bringen. Erst im Mittelalter, als die Feuer zu Ehren des heiligen Johannes gefeiert wurden, hat man den Sinn des Johannesfeuers als Abwehr gegen böse Dämonen umgedeutet.

Räucherpflanze

Der Beifuß als Sakralpflanze spielte sowohl zur Sommer- als auch zur Wintersonnenwende eine kultische Rolle. Während der Weihnachtstage und der zwölf Rauchnächte wurden Haus und Stall mit geweihten Kräutern geräuchert. Dazu nahm man vor allem Wacholder und Beifuß, der zur Mittsommerzeit gesammelt worden war. Der Beifuß wird bei Schutz-, Segens- und Reinigungsräucherungen verwendet, auch bei Übergangsritualen im Leben und zur Stärkung der Intuition ist er zum Räuchern geeignet.

Verwendung in der Küche

Wir kennen den Beifuß als schmackhaftes Gewürz für den Gänsebraten. Er wird als appetitanregendes und verdauungsförderndes Mittel eingesetzt. Er regt den Speichelfluss und die Magensaftsekretion an und hilft damit, den Gänsebraten besser zu verdauen. Auch zu Kohlgerichten, Pilzen, Fleisch und Fisch passt der Beifuß hervorragend. Da er viele Bitterstoffe besitzt, wird er in geringen Mengen verkocht, also ein paar Blätter und Blütenrispen genügen.

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Rezepte mit Beifuß:

Beifuß-Tinktur

Ein kleines Schraubglas zur Hälfte mit zerkleinerten Beifußblüten und Blättern füllen, mit Alkohol (mindestens 37,5 %) auffüllen und 30 Tage auf dem Fensterbrett ziehen lassen, gelegentlich durchschütteln. Nach einem Monat abseihen und in eine dunkle Flasche abfüllen. Die Tinktur eignet sich gut als Einreibemittel bei Muskelkater und müden Füßen.

Verdauungsschnäpschen

Zutaten: 1 Esslöffel Beifusskraut, 1 Esslöffel Schafgarbe, 1 Esslöffel Fenchelkraut, 1 Eesslöffel Pfefferminze, 1 Esslöffel Malvenblüten, 1 Esslöffel Kandiszucker

Zubereitung: Alle Zutaten zerkleinern und in ein Schraubglas geben, mit rund 200 Milliliter Wodka auffüllen und 30 Tage am Fenster ziehen lassen, ab und zu schütteln. Danach abseihen und abfüllen.

Beifuß-Schnitzel

Zutaten: 1 Handvoll junger Beifuß-Blätter, 4 Schweineschnitzel, Mehl, 1 Ei, Semmelbrösel, Salz, Pfeffer

Zubereitung: Beifuß sehr klein hacken und in zwei gleich große Portionen teilen. 1 Ei mit einer Hälfte Beifuß verquirlen, den restlichen Beifuß unter die Semmelbrösel geben. Die Schnitzel klopfen und mit Salz und Pfeffer würzen. Das Fleisch beidseitig mit Mehl bestäuben, in der Eimischung und dann in den Semmelbröseln wenden. In einer Bratpfanne in heißem Fett goldbraun anbraten. Dazu passt Kartoffelsalat, alternativ können Pommes gereicht werden.

Beifuß-Salzkaramell

Eine Spezialität, die eine Kräuterführerin in der Bretagne lieben gelernt habe, ist "Caramel au beurre salé". Das Karamell bereitet man aus Zucker und gesalzener Butter her und schmeckt zum Croissant, auf Baguette und auf Brot einfach herrlich. Mischt man dem Salzkaramell in den letzten zwei Minuten noch Beifuß unter, ergibt sich ein tatsächlich noch besseres Geschmackserlebnis, eine feine, bittere Note kommt noch hinzu. Diese Soße kann auch auf Desserts verwendet werden, zum Beispiel zu einem Salzkaramelleis oder zum Füllen von Mini-Windbeuteln.

Zutaten: 6 Esslöffel Wasser, 200 Gramm Zucker, 230 Milliliter Sahne, 20 Gramm Butter, 1/2 Teelöffel Meersalz, 3 Prisen Beifuß-Blüten

Zubereitung: Wasser und Zucker miteinander verrühren, bei mittlerer Hitze auf den Herd stellen. Nicht rühren, einfach schauen, bis es schön karamellbraun wird. Dann die Sahne hinzugeben, schön gleichmäßig und gut verrühren! Es fängt zu brodeln an, aber man muss einfach weiter rühren. Wenn alles schön gleichmäßig ist Butter, Salz und Beifuß hinzugeben. Nochmal langsam rühren, bis eine schöne gleichmäßige Masse entstanden ist. Heiß in sterile Schraubgläser abfüllen. Aufpassen, es ist richtig heiß.

Beifuß-Schlafkissen

Eine kleine Kissenhülle mit Beifußkraut und -blüten befüllen. Die ätherischen Öle wirken beruhigend und einschlaffördernd.

Fußbad mit Beifuß

Müde Füße freuen sich über ein heißes Fußbad mit Beifuß. Dazu zwei handvoll Beifuß in drei Liter kaltem Wasser ansetzen, fünf Minuten auskochen. Der Beifuß wärmt auch das Becken und damit auch alle Organe des Unterleibes.

Warnhinweis: Beifuß nicht in der Schwangerschaft einnehmen oder verräuchern!

Hintergrund:

Den Kräutern auf der Spur

Cornelia Müller aus Tannenhäusl (Gemeinde Pullenreuth), Regina Herrmann aus Erbendorf und Ulrike Gschwendtner aus Weiden sind zertifizierte Kräuterführerinnen. Sie kennen sich aus mit Pflanzen, ihrer Geschichte und Rezepten. Für Oberpfalz-Medien geben sie einen Einblick in die heimische Flora und erklären, welche Pflanzen welche Wirkungen haben.

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