11.05.2020 - 10:19 Uhr
HirschauOberpfalz

Militärmaschine landet Tag vor Kriegsende in Hirschau

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Es war der 7. Mai 1945. Der Zweite Weltkrieg war in Hirschau seit zwei Wochen vorbei als völlig überraschend noch einmal eine deutsche Militärmaschine am Himmel auftauchte. Mit ihr wurde Franz Gebhard in seiner Heimatstadt zur Legende.

Franz Gebhard 1942 vor einer Gotha (Kurzbezeichnung GO-145). Auch wenn es in Hirschau immer wieder erzählt wurde: Er landete nicht mit einem „Fieseler Storch“ am Dienhof, sondern – zusammen mit Feldwebel Karl Müller - mit einer GO-145.
von Werner SchulzProfil

Bei einem Zeltlager der Feuerwehr im Sommer 1973 hörte der heutige Stadtheimatpfleger Sepp Strobl erstmals die Geschichte des damaligen Kommandanten Franz Gebhard. Am Lagerfeuer lauschte er gespannt Gebhards Erzählungen von seiner Landung mit einer GO-145 am 7. Mai 1945, einen Tag vor Ende des Zweiten Weltkriegs. Im Laufe der Jahre hörte Strobl von anderen Hirschauern immer wieder verschiedene Versionen der Geschichte. 2012 entschloss er sich, seinen ehemaligen Feuerwehrhauptmann daheim zu besuchen, um die schier unglaubliche Geschichte noch einmal persönlich von ihm zu hören und so detailliert wie möglich festzuhalten. Franz Gebhard erwies sich als guter Erzähler, der sehr früh seine Erlebnisse und Erinnerungen schriftlich festhielt.

Der Landwirtsohn Franz Gebhard hatte Schlosser und Lokschmied gelernt. Als er 1942 im Alter von 19 Jahren nach Crailsheim einberufen wurde, machte man ihn im 2. Fliegerausbildungsregiment zum Bomben- und Waffenmechaniker für Flugzeuge der Luftwaffe. Er war kurz in Frankreich eingesetzt, bei Lourdes, kam aber im Oktober 1942 nach Kiew an die Ostfront. In Russland war er auf verschiedenen Flugplätzen stationiert.

Riskantes Unternehmen

Beim Rückzug gelangte er über Rumänien und Ungarn nach Österreich – und hier wird die Geschichte interessant: 5. Mai 1945, Flugplatz Aigen (Steiermark): Das Ende des Krieges ist vorauszusehen, so beschließt der Salzburger Staffelführer Holzleitner, die Maschinen freizugeben, so dass die Piloten sich in ihrer Heimat in Sicherheit bringen können. Der Flugzeugführer Feldwebel Karl Müller, mit dem Franz Gebhard fliegen soll, stammt aus Zeulenroda in Thüringen. Das ist auch von den Amerikanern besetzt, aber die beiden wollen in das relativ sichere Bayern fliegen, in Gebhards Heimatort Hirschau. Mit einer Gotha (Kurzbezeichnung GO-145), einem Doppeldecker, wagen sie das riskante Unternehmen. Die Amerikaner haben die Luftherrschaft. Andere Flugzeuge müssen jederzeit mit einem Abschuss rechnen. Die beiden fliegen über den Wolfgangsee und kommen nach etwa 400 Kilometern aus Richtung Schnaittenbach an ihr Ziel. Es ist Montag, der 7. Mai.

Bei Landung Propeller abrasiert

Landeplatz soll eine Wiese unterhalb des Dienhofs sein. Dieser Platz wurde früher für Landeübungen der Piloten des Flugplatzes Altneuhaus bei Vilseck benutzt. Die Wiese erweist sich aber als zu kurz für das Ausrollmanöver. So rollt man, wenn auch langsam, in einen Kartoffelacker. Die Maschine stellt sich auf die Nase, der Holzpropeller bohrt sich in den Boden und beide Enden werden abrasiert. Müller und Gebhard kommen ohne größeren Schaden davon. Gebhard hat sich nur leicht am Auge verletzt.

Die Hirschauer haben die Landung des Flugzeugs natürlich beobachtet. Viele machen sich in Richtung Dienhof auf. Die Amerikaner fahren mit einem Jeep hin. Franz Gebhard hat noch seine Pistole bei sich und versteckt sie schnell im Kartoffelacker. Als die Amis nach Waffen fragen, deutet Gebhard auf das Kartoffelbeet. Die beiden Flieger sitzen mit erhobenen Händen auf der Haube des Jeeps, als der nach Hirschau hineinfährt. Das Hauptquartier der Besatzer ist in der Villa des Fabrikbesitzers Dorfner an der Nürnberger Straße. Elisabeth Dorfner wirkt hier beim Verhör als Dolmetscherin.

Ins Gefangenenlager

Franz Gebhard wird am 8. Mai nach Kulmbach (Seidenhof) in ein Gefangenenlager überstellt und am 19. Mai ins Gefangenenlager Bernreuth bei Auerbach verbracht. Am 20. Mai wird er wieder entlassen. Zu Fuß macht er sich auf den rund 45 Kilometer langen Weg nach Hirschau. In Dürnsricht bei Hahnbach übernachtet er bei einem Onkel. Der will ihn zuerst nicht aufnehmen – aus Angst, dass der unbekannte Soldat beim Rauchen seinen Stadel anzünden könnte. Als sich Gebhard zu erkennen gibt, wird er aber mit offenen Armen aufgenommen. Die nächste Station ist in Hahnbach bei einer Tante. Gebhard muss überall seine Erlebnisse während des Krieges und der Landung erzählen. Da er meist weit ausholt, dauert es drei Tage, bis er zu Hause ist. Am dritten Tage erreicht er endlich die Stadtgrenze in Hirschau, wo ihm sein Bruder Georg bereits mit dem Fahrrad als Empfangskomitee entgegenkam.

Die Nachgeschichte

Als Franz Gebhard am 23. Mai 1945 nach Hirschau zurückkam, berichtete man ihm, dass das Flugzeug noch auf der Landewiese stand und der Besitzer – in Hirschau als Schwarzbeer-Meier bekannt – sich darüber beschwert hatte, dass die Neugierigen sein Feld zertrampelten. Gebhard beschloss, die GO-145 zu zerlegen. Den Motor lagerte er bei sich ein, aus der Kanzel baute er eine Werkbank. Die restlichen Teile, die man nicht brauchen konnte (Tragflächen und Rahmenteile) wurden auf dem Schuttplatz beim Mühlweiher entsorgt.

Beim Bau der Umgehungsstraße 1976 wurden Reste der Maschine entdeckt. Das Interesse daran war damals nicht sonderlich groß. Man vergrub alles an Ort und Stelle wieder als Schrott. Jahrzehnte später, als Gebhard in der Flugzeugabteilung des Deutschen Museums seine Geschichte erzählte und dass er dem Motor aus Neugier zerlegt und später entsorgt hatte, sagten die Fachleute, das dieser Motor gut nach München gepasst hätte.

In den 1980er Jahren sahen sich der in Zeulenroda (DDR) lebende Flugzeugführer Karl Müller (links) und Franz Gebhard in Hirschau wieder – hier mit ihrem zerstörten Propeller der GO-145.

Auch der Pilot Karl Müller ging nach seiner Entlassung aus dem Lager zurück in seine Heimatstadt Zeulenroda. Der Kontakt der beiden Abenteurer riss nie ab. Als Müller das Rentenalter erreicht hatte und in die Bundesrepublik reisen durfte, besuchte er Franz Gebhard Mitte der 1980er Jahre. So wurde nach 40 Jahren Wiedersehen gefeiert.

Franz Gebhard konnte 2015 den 70. Jahrestag seiner Landung und Heimkehr aus dem Krieg nicht mehr feiern. Er verstarb wenige Tage vorher am 20. April 2015 im Alter von 92 Jahren im BRK Seniorenwohn- und Pflegeheim St. Barbara, wo er seit eineinhalb Jahren seinen Lebensabend verbrachte.

Zum Kriegsende stürzt eine Militärmaschine bei Ziegelhütten ab.

Ziegelhütten bei Etzelwang

Zur Person Franz Gebhard: Nicht nur wegen dieser außergewöhnlichen Geschichte zählt Franz Gebhard zu den bekanntesten Persönlichkeiten der jüngsten Hirschauer Geschichte. Herausragende Verdienste erwarb er sich um die Hirschauer Feuerwehr. Als 25-Jähriger trat er ihr als aktives Mitglied bei. Von 1956 bis 1981 diente er ihr als Kommandant. Wichtigstes Projekt seiner Amtszeit war der Feuerwehrhausneubau an der Höllriegelstraße. Die Feuerwehr würdigte seine Verdienste 1981 mit der Ernennung zum Ehrenkommandanten. Sein vorbildlicher Einsatz für die Feuerwehr beschränkte sich nicht auf Hirschau. Von 1957 bis 1972 stand er im Altlandkreis Amberg als Kreisbrandmeister, anschließend im Landkreis Amberg-Sulzbach bis 1983 als Kreisbrandinspektor seinen Mann.

Karl Lehnerer erinnert sich an die letzten Kriegstage in Krichenreinbach.

Kirchenreinbach bei Etzelwang

Politisch engagierte er sich ab 1955 in der CSU. Von 1958 bis 1978 gehörte er der CSU-Fraktion im Kreistag des Altlandkreises Amberg an, dem Hirschauer Stadtrat von 1960 bis 1966. Aus diesem musste er wegen des Inkompatibilitätsgesetzes ausscheiden, da er bei der Stadt Hirschau als Klärwärter beschäftigt war. Der Stadtrat würdigte seine vielfachen Verdienste 1981 mit der Verleihung der Bürgermedaille in Silber.

Nicht nur wegen seiner außergewöhnlichen Geschichte vom 7. Mai 1945 zählt Franz Gebhard (rechts) (hier 1968 mit Bürgermeister Willi Bösl) zu den bekanntesten Persönlichkeiten der jüngsten Hirschauer Geschichte. Herausragende Verdienste erwarb er sich als langjähriger Kommandant der Hirschauer Feuerwehr sowie als Kreisbrandmeister bzw. Kreisbrandinspektor. Seine politische Heimat war die CSU. Von 1958 bis 1978 gehörte er dem Kreistag des Altlandkreises Amberg an, von 1960 bis 1966 dem Hirschauer Stadtrat. Der Stadtrat würdigte Gebhards vielfache Verdienste 1981 mit der Verleihung der Bürgermedaille in Silber.

Ein Tirschenreuther erinnert sich an den Einmarsch der US-Truppen zum Ende des Zweiten Weltkriegs.

Tirschenreuth

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