18.12.2021 - 10:41 Uhr
IrchenriethOberpfalz

Hopfen und Malz, Irchenrieth erhalt's

Neun Jahre blieb in der Brauerei Molter in Irchenrieth der Sudkessel leer. Nun haben Lino Molter und Arne Luchner die Brauerei mit alten Geräten zu neuem Leben erweckt. Sie brauen Bier wie vor über 100 Jahren – das ist einzigartig.

Arne Luchner und Lino Molter (von links) betreiben in Irchenrieth die Brauerei Molter.
von Katrin Pasieka-Zapf Kontakt Profil

Ein Mal pro Woche steigt in einem alten Industriegebäude in der Ortsmitte von Irchenrieth (Landkreis Neustadt/WN) Rauch auf – aber kein Grund zur Sorge: Der Dampf, der aus den Lamellen im Dachstuhl wabert, hat nur bedingt etwas mit Feuer zu tun, er riecht sogar angenehm. Was hier passiert? Nach neun Jahren Pause wird in der Brauerei Molter wieder Bier gebraut und zwar so wie vor fast 100 Jahren.

"Dafür haben wir uns bewusst entschieden, auch wollten wir die alten Geräte und Maschinen erhalten", sagt Lino Molter und sein Vater Arne Luchner ergänzt: "Hier brauen wir Bier wie im frühen 20. Jahrhundert." Alles ist funktionsfähig. "Warum sollten wir es wegwerfen? Neu kaufen kann schließlich jeder", sagt Molter. "Die Sudpfanne stammt aus dem Jahr 1936 und fasst 60 Hektoliter", erklärt Luchner. Der gelernte Brauermeister aus Oberfranken kaufte 1996 das Anwesen von Johann Hösl. "Eine eigene Brauerei war schon immer mein Traum." In Irchenrieth wird nachweislich seit 1586 Bier gebraut und zwar nach dem Bayerischen Reinheitsgebot. "Allein Malz, Hopfen, Hefe und Wasser werden für unser Bier verwendet", sagt er. Bis 2011 brauten die Molters Bier, dann mussten sie den Betrieb aus wirtschaftlichen Gründen erstmal einstellen.

Renovierung dauert sechs Jahre

Ruhig blieb es bis 2014, als Lino Molter auf seinen Vater zuging. "Können wir die Brauerei nicht wieder aufmachen?" Schon als Kind hat der heute 30-Jährige in der Brauerei mitgeholfen. Es wäre doch schade, wenn dieses alte Gebäude verkommt. Also fing er in seiner freien Zeit und in den Semesterferien an, in und an der Brauerei zu werkeln. "Irgendwann kam dann aber der Punkt um zu entscheiden: Ganz oder gar nicht", blickt er zurück. "Wir haben uns für ganz und dafür entschieden, viel Geld in die Zukunft der Brauerei zu investieren", ergänzt sein Vater. Der Kupferkessel und die Leitungen wurden mühsam und in Handarbeit von der natürlichen, grünen Patina befreit, erstrahlen nun in neuem Glanz. Familie und viele Freunde halfen mit. Die Räume sind mit Kalkfarbe geweißelt, die Fensterlaibungen wie früher mit selbst hergestelltem Material aus Sumpfkalk, Sand und Farbpigmenten geputzt. Lediglich im Gär- und Lagerkeller wurden aus Hygienegründen der Boden, Leitungen und Tanks erneuert.

Und dann nach sechs Jahren harter Arbeit, verkauften die Molters 2020 ihr neues Bier – den "SUD1". Hopfen und Malz haben Bioqualität und stammen aus Franken. "Die Leute im Dorf schätzen es und freuen sich sehr, dass in ihrem Ort wieder Bier gebraut wird", sagt Lino Molter.

Hitze durch Holzofen

Besonders stolz ist die Familie auf die Schrotmühle unter dem Dach. Seit 109 Jahren zerkleinert das Mahlwerk das Malz, bevor es mit Wasser vermischt, in mehreren Stufen erhitzt und im nächsten Schritt mit Hopfen vermengt wird. Apropos Hitze: Die entsteht durch einen Ofen unterhalb des Kessels, den Arne mit Meterholz befeuert. Wie viel Liter Würze (so wird der Sud genannt wenn Hopfen und Malz aufgekocht sind) sich im Kessel befinden, misst Arne mit der "Abstechlatte". Auf dem historischen Holzstab ist eine Skala eingeschnitzt. Eine weitere Besonderheit: Das Thermometer auf dem Kessel zeigt auf der Skala als Maximum 80º Ré an. "Das ist das alte Brauermaß Réaumur", sagt Luchner. In dieser Einheit siedet Wasser bereits bei 80 Grad. Fast alle Brauereien hätten inzwischen auf Grad Celsius umgestellt.

Historisches Kühlverfahren

Die heiße Würze wird zum Abkühlen in das Kühlschiff im Dachgeschoss gepumpt. Durch die geöffneten Lamellen zieht der Wasserdampf ab. Bei diesem Vorgang setzen sich auch die Trübstoffe ab. Für die abgekühlte Würze geht es weiter über den Berieselungskühler. Arne kennt nur noch zwei weitere Brauereien in Deutschland, die so ein Gerät benutzen. "Die meisten stehen in Museen", erklärt er. Eis- und Brunnenwasser in den Rohren kühlen die Flüssigkeit ab, die von oben herabrieselt. Dieser Schritt ist nötig, um im Gärkeller die Hefe zuzuführen. Erst ab diesem Moment darf Bier auch Bier genannt werden. In einem der offenen Gärbottiche schäumt es bereits. "Die Enzyme der Hefe bauen den aus dem Malz gewonnenen Zucker zu Alkohol und Kohlendioxid ab", erklärt Arne Luchner. Wenn das Bier im Gärbottich den erforderlichen Restzuckergehalt erreicht hat, wird es in die Lagertanks gepumpt. Hier erfolgt die Nachgärung und Reifung.

Kaffeerösterei im alten Lagerraum

Aber nicht nur Bier, auch Kaffee hat bei Familie Molter einen hohen Stellenwert. Auf der anderen Seite des Gärkellers haben sich Linos Mutter Claudia und Bruder Max Molter vor fünf Jahren eine Kaffeerösterei eingerichtet. Dort wo früher Bier lagerte, stapeln sich heute 60-Kilo-Säcke mit Kaffeebohnen aus Peru, Tansania, Kolumbien und Guatemala. Wenn Claudia die frischen Bohnen in den Röster gibt, breitet sich zunächst der Duft nach frisch gebackenem Brot aus, der sich, wie der Dampf der heißen Würze auf dem Gelände verteilt. Für Familie Molter der Geruch der Zukunft. Helles-, Rot- und Festbier gibt es, je nach Saison, bereits jetzt. Im kommenden Jahr sollen neue Biersorten entwickelt und ein Biergarten neben der Brauerei eröffnet werden.

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Hintergrund:

Bierische Fakten

  • Der Tag des Bieres wird am 23. April gefeiert, 1516 wurde an diesem Tag das Reinheitsgebot verkündet
  • Laut Deutschem Brauerbund gab es 2020 noch 1.528 Braustätten
  • davon sind 640 in Bayern, 208 in Baden-Württemberg
  • In Deutschland werden rund 7.000 verschiedene Biere hergestellt
  • Der Bierabsatz ging von 95,9 Mio. Hektolitern 2016 auf 87,1 Mio. Hektoliter 2020 zurück
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Serie: Besondere Menschen und Orte in der Region

Was macht die Oberpfalz so einzigartig? - Dieser Frage gehen die Volontäre von Oberpfalz-Medien auf den Grund. Anlässlich des diesjährigen Dreifach-Jubiläums im Medienhaus wollen sie die Vielfalt der Region würdigen. Sie suchen für die Serie "echt. Oberpfalz" nach besonderen Menschen, kreativen Köpfen, bunten Hunden, außergewöhnlichen Vereinen oder verrückten Traditionen, die unsere Heimat so einzigartig machen. Die Volontäre fahren einmal quer durch die Oberpfalz und machen Halt an berühmten und auch vielleicht nicht so berühmten Orten. Den Auftakt macht die Biodiversitätsgemeinde Tännesberg. Und es sollen noch viele weitere Städte und Gemeinden folgen. Bei Ihnen gibt es auch etwas Besonderes und Einzigartiges in Ihrem Heimatort? Dann schreiben Sie uns an jubi[at]oberpfalzmedien[dot]de. Vielleicht schauen unsere Volontäre auch in Ihrer Heimat vorbei.

 

 

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