Kunst aus Kastl: Stefan Stock und seine Lichtobjekte

Kunst muss nicht immer nur zum Gucken sein. Nach diesem Motto gestaltet Stefan Stock aus Kastl im Landkreis Amberg-Sulzbach seine Lichtobjekte – mit vielen Knöpfen, auf die man ausdrücklich auch drücken darf.

Stefan Stock werkelt an seinen Lichtobjekten am liebsten in seinem Atelier in Kastl.
von Kathrin Moch Kontakt Profil

Das Licht ist gedimmt. Ein schwarzer Kasten steht in einer Zimmerecke. Kugeln und Röhren daran leuchten in Neonfarben. Drähte glühen, Blitze pulsieren über Scheiben und Kugeln. Schwarze Knöpfe sind akkurat in einer Reihe angeordnet. Auf den ersten Blick wähnt man sich im Labor eines verrückten Wissenschaftlers.

Tatsächlich steht man aber im Wohnzimmer von Künstler Stefan Stock. In Kastl produziert der 56-Jährige Kunst, die anders ist als das klassische Gemälde oder mondäne Skulpturen. Die Hauptrolle dabei spielen ausgediente Elektroteile. "Ich arbeite quasi mit Schrott und baue daraus neue Objekte, die den Anschein von Maschinen und Laborgeräten haben", erklärt der gelernte Augenoptiker. Lichtobjekte, nennt er sie, denn die Objekte spielen mit Licht- und Soundeffekten. "Es ist immer auch ein bisschen 'verrückter Wissenschaftler' dabei", sagt Stock mit einem Schmunzeln.

Neues Leben für alte Elektrogeräte

Am liebsten werkelt der 56-Jährige in seinem Keller, wo er sich seinen Arbeitsraum eingerichtet hat. "Werkstatt oder Atelier, das ist mir eigentlich egal, wie man es nennt", sagt er ganz ohne Allüren. In seiner Werkstatt stapeln sich viele kleine Kisten mit Ersatzteilen. Alles fein sortiert und beschriftet. Transformatoren, LEDs, Mikroschalter, Magneten, Zündkerzen. Ein Traum für jeden Technik-Fan. Alte Elektroteile, die ausgedient haben, erweckt der Künstler aus Kastl so wieder zum Leben. Vermeintlich unpassendes fügt er zusammen und lässt so neue Kombinationen entstehen.

Zur Kunst ist der ehemalige Amberger, der nun seit über zehn Jahren in Kastl wohnt, über den Schweizer Maler und Bildhauer Jean Tinguely gekommen. "So mit zehn Jahren bin ich auf Tinguely gestoßen. Seine Kunst hat mich fasziniert." Danach war Stock eigentlich eher im Modellbau unterwegs. Während seiner Ausbildung zum Augenoptiker fing er dann an, Lampen und Kerzenleuchter zu bauen. "Auch übungsweise, weil wir ja viel sägen und polieren lernen mussten." Von den Lampen habe sich das Ganze dann in die Lichtobjekte abstrahiert. Waren seine ersten Objekte noch mit Glühbirnen und Dimmern versehen, ereilte ihn schon bald das Glühbirnenverbot. "Dadurch bin ich in die LED-Technik eingestiegen und damit funktioniert jetzt eigentlich alles." Namen gebe es für die Objekte nicht, zum großen Überthema Wissenschaft und Technik passend, tragen die Kunstwerke eine Zahlenbezeichnung.

Mit Klischees in der Kunst brechen

Aber wie entsteht aus Schrott Kunst? "Es ist eigentlich eine Art Baukastenprinzip", sagt Stock, "ich fange immer mit einem leeren Gehäuse an und gebe dann die Einzelteile dazu, bis es für mich irgendwie gut aussieht." Der 56-Jährige zeigt sein System am Objekt "B014". Ein schwarzer Kasten, mit Kugeln, Spritzenteilen, ein LED-Modul mit verschiedenen Blitzmustern – und Knöpfen. Auf die man ausdrücklich auch drücken darf.

Denn mit seiner Kunst will Stefan Stock auch Klischees aufbrechen. Vor allem das der verkopften und unnahbaren Kunst. "Das Entscheidende bei mir ist, dass Besucher mit den Sachen in einer Ausstellung auch selbst umgehen sollen." Knöpfe zum drücken und drehen, Schalter zum Kippen. Die Kunst von Stefan Stock soll den Abstand zur Kunst nehmen. "Meistens muss man die Leute aber ganz schön dazu motivieren. Ich wünsche mir, dass meine Werke Freude und Spieltrieb auslösen bei den Menschen." Bei den Ausstellungen liegt deshalb meistens sogar ein Anleitungsblatt mit dabei, was das einzelne Kunstwerk so kann.

Teilelager Nummer eins gefüllt

Die fehlenden Ausstellungen hätten ihm während der Coronapandemie schon zugesetzt, sagt Stock. "Der Austausch, die Kritik, der Input von anderen Künstlern fehlt einfach. Man trifft sich sonst ja immer bei den Ausstellungseröffnungen." Ansonsten hatte der Künstler aus Kastl das Glück auch während der Pandemie fast normal weiterarbeiten zu können. "Mein Lager ist voll", lacht er und öffnet eine Tür im Keller. "Teilelager Nummer eins", sagt er scherzhaft. Unzählige Kisten, groß und klein und wieder fein beschriftet, türmen sich dort. Aus einzelnen ragen Kabel und Metallteile.

"Wobei es seit zwei Jahren natürlich schon schwer ist, Material zu beschaffen. Flohmärkte gibt es ja nicht mehr", erklärt Stock. Momentan sei er deshalb auf den Wertstoffhof und das Internet angewiesen. Mittlerweile sei in der Umgebung aber auch schon bekannt, was er für seine Kunstwerke brauchen könne. "Manchmal komme ich abends heim und es liegt wieder irgendetwas vor der Haustür, das ich verwenden darf." Sogar mit dem Energiekonzern Eon hat Stefan Stock mal ein Tauschgeschäft gemacht. "Für eine große Leuchtfigur aus einem alten Feuerlöscher, durfte ich mal deren Schrottcontainer plündern." Auch am alten Amberger Schlachthof, der gerade zu einer Boulderhalle umgebaut wird, durfte der Objektkünstler einen Tag ausräumen. "Die Teile sind aber schon fast alle wieder verbaut." Eine Kunstblockade hat Stock nur selten. "Wenn dann schaue ich immer alte Science-Fiction-Serien, dann fällt mir immer etwas ein", sagt er mit einem Lachen.

"Man hängt an allen"

Seit 2004 ist er als freischaffender Künstler tätig. Zuvor stieg er als Optiker in den Familienbetrieb ein. Doch als es mit dem Geschäft schlechter lief, entschied er sich dazu, sich voll und ganz der Kunst zu widmen. "Das ist ein langer Prozess bis man sich einigermaßen einen Namen gemacht hat und wirklich davon leben kann." Im Laufe der Jahre hat Stock schon eine Vielzahl an Objekten produziert. Vor allem Menschen mit einer Technikader kauften dann gerne seine Werke. Grundsätzlich gehe das Interesse aber "querbeet". Ein Lieblingsobjekt hat der Künstler selber nicht. "Man hängt an allen irgendwie ein bisschen."

Kein Wunder, dass es ihm auch manchmal schwer fällt, sich von Teilen zu trennen. Ein paar besondere oder aktuelle Stücke haben deshalb auch in seinem Wohnzimmer einen Platz gefunden und verbreiten dort Labor-Feeling. Eine Trockenhaube, in die er 300 bis 400 LEDs eingebracht hat zum Beispiel. Oder der schwarze Messkasten, den man gleich beim reinkommen sieht. "Hier bin ich aber noch auf der Suche nach einem passenden Soundfile. Irgendetwas das nach Frankenstein klingt, wird es wohl werden", sagt Stock und schmunzelt.

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Hintergrund:

Kastl im Landkreis Amberg-Sulzbach

  • Circa 2500 Einwohner
  • 37 Gemeindeteile
  • Die Marktgemeinde liegt im östlichen Teil der Frankenalb an der Lauterach, einem Nebenfluss der Vils und in der Mitte zwischen Amberg und Neumarkt in der Oberpfalz, jeweils ziemlich genau 20 Kilometer entfernt.
  • Im Ortsgebiet liegt der 587 Meter hohe Brennersberg.
  • Der Spielfilm "Wer’s glaubt wird selig" ist zum Teil im Zentrum von Kastl gedreht worden.
  • Nicht zu verwechseln mit: Kastl bei Kemnath und Kastl in Oberbayern.
echt.Oberpfalz:

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"Es ist immer auch ein bisschen 'verrückter Wissenschaftler' dabei."

Stefan Stock

Stefan Stock

 

 

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